Nahverkehr in Bonn

Politik fordert Notfallplan für marode Bonner Bahnen

Die Bahnen fahren wieder auf der Linie 61. Drei Tage lang setzten die Stadtwerke auf der Linie teilweise Busse ein.

Die Bahnen fahren wieder auf der Linie 61. Drei Tage lang setzten die Stadtwerke auf der Linie teilweise Busse ein.

Bonn. Mit den Ausfällen der Bahnen auf der Linie 61 in der vergangenen Woche wird sich heute der Planungsausschuss beschäftigen. Das Ziel: Trotz kaputter Bahnen soll der Bahnverkehr ohne Verzögerungen fahren. Die Fahrgäste hadern mit der Unpünktlichkeit.

Die Sozialliberalen haben in den Ausschuss einen Dringlichkeitsantrag eingebracht, in dem sie einen Notfahrplan fordern. Ziel: Wenn weitere Bahnen reparaturbedürftig sind und die SWB sie aus dem Verkehr ziehen, soll gewährleistet sein, „dass auf allen Linien ein planbares Mindestangebot erbracht wird und größere Taktlücken vermieden werden“. Dafür soll die SWB-Tochter auch in Betracht ziehen, Busse anzumieten.

Die Ausfälle auf der Strecke zwischen Dottendorf und Auerberg waren nach Angaben von SWB-Sprecher Werner Schui eine „Sondersituation“, die mit dem Einsatz von Bussen zwischen Hauptbahnhof und Kopenhagener Straße aufgefangen wurde. Grund waren acht defekte Bahnen, eine mit heftigen Rostschäden. Für drei schon seit Längerem stehende Bahnen warte die Werkstatt auf Ersatzteile für die Bremsanlage. Mit der Lieferungen sei frühestens im April zu rechnen. Was die Line 61 lahmlegte, sei letztlich ein Verschleiß der Radreifen an vier weiteren Straßenbahnen gewesen. Das war bei einer nächtlichen Routinekontrolle aufgefallen.

Diese Fahrzeuge sind mittlerweile wieder auf der Schiene. „Für unsere Kunden war der Umstieg auf Busse auf diesem Linienabschnitt mit Verzögerungen verbunden, wofür wir uns entschuldigen. Aber der alternative Einsatz von Bussen ist besser, als ein lückenhaftes Angebot“, sagte Anja Wenmakers, Geschäftsführerin der SWB Bus und Bahn. Die Ausfälle sind auf den wartungsintensiven Zustand der 1994 in Betrieb genommenen Straßenbahnen zurückzuführen. Die durchschnittliche Lebenserwartung dieser Fahrzeuge liegt bei 25 Jahren, reicht also bis ins kommende Jahr. Ein Tüv-Gutachten, das den SWB-Aufsichtsräten im Februar 2017 vorgestellt wurde, bilanzierte nach einer Untersuchung zwar keine unmittelbare Gefahr, stellte aber „erhebliche Korrosionsschäden fest“ und damit einen „dringenden Handlungsbedarf“.

Im vergangenen Jahr fasste der Stadtrat den Beschluss, die alten 24 Niederflurbahnen sukzessive durch 26 neue Fahrzeuge zu ersetzen. Für den Fall, dass die Fahrgastzahlen weiter steigen, soll eine Option auf neun weitere Bahnen ausgehandelt werden. Laut Schui laufen die Vorbereitungen für die Ausschreibung. Und die erste Bahn kommt erst im Herbst 2020. Der Austausch erfolgt dann sukzessive bis Ende 2022, pro Monat eine neue Bahn. Es wäre also durchaus denkbar, dass weitere Bahnen reparaturbedürftig ausfallen. Teure Ersatzteile haben die SWB aus betriebswirtschaftlichen Gründen nicht auf Lager.

Kundezufriedenheit wird immer schlechter

Ein anderer Grund für die Ausfälle war ein hoher Krankenstand durch Grippe. „Ich werde mich deshalb bei der Geschäftsführung dafür einsetzen, dass der Vertretungsfaktor heraufgesetzt wird“, sagte SWB-Betriebsrätin Monika Pohl im Gespräch mit dem General-Anzeiger. Im Klartext bedeutet das in den Dienstplänen eine größere Zahl an Reservefahrern für den Notfall. Das wäre der Kundenzufriedenheit sicher nicht abträglich. Die hat sich nämlich erheblich verschlechtert. Im dritten Quartal 2017 haben sich in 2176 Fällen Fahrgäste beschwert (Vorjahreszeitraum: 1663 Eingaben). Vor allem beklagten sie fehlende Pünktlichkeit in 1206 Fällen (681 Eingaben). Die SWB führen das auf einen hohen Krankenstand vor der Klimakonferenz zurück.

Rolf Beu (Grüne), Aufsichtsrat der SWB Bus und Bahn, kann den Ärger der Pendler verstehen. Aus seiner Sicht gibt es zwei Möglichkeiten einer Verbesserung der Pünktlichkeit: die Einschränkung des Angebots oder mehr Geld für den ÖPNV. „Aber wo soll das Geld herkommen?“, fragt er. Die SPD-Fraktion wirft der Ratskoalition vor, den Beschluss für die Anschaffung neuer Bahnen verzögert zu haben. Ratsfrau Angelika Esch schlägt eine Überarbeitung des Wartungskonzepts und eine mögliche Übernahme von ausrangierten Bahnen vor.

Klaus-Peter Gilles, CDU-Fraktionschef und SWB-Aufsichtsratsvorsitzender, erklärte: „Wir müssen herausfinden, ob ein strukturelles Problem vorliegt.“ Oberbürgermeister Ashok Sridharan, Aufsichtsratsvorsitzender der SWB Bus und Bahn, sagte: „Wir müssen aus dem Vorfall die Lehre ziehen, frühzeitig zu planen. Ich bin deshalb froh, dass der Vergabeprozess für die neuen Bahnen eingeleitet ist.“ Einen „verkehrspolitischen Sündenfall“ sieht schon jetzt Rainer Bohnet vom Verkehrsclub Deutschland (VCD). SWB und Stadt müssten als mögliche Modellstadt für einen kostenlosen ÖPNV nun dringend Pläne für einen städtischen Nahverkehr der Zukunft entwerfen.