Dîner en blanc in Bonn

Picknick ganz in Weiß in der Friedrichstraße

Die Teilnehmer saßen den Tag über gewissermaßen auf gepackten Körben und Kisten voll mit Leckereien, Porzellan und Gläsern und bangten um die Wetterlage.

BONN. Leicht sind sie zu erkennen, die Gleichgesinnten. Wer am Dienstagabend gegen 19 Uhr ganz in Weiß, bepackt mit Kisten und Körben, Weinkühlern und Kühltaschen eiligen Schrittes durch die Bonner Innenstadt unterwegs ist, der kennt nur ein Ziel: die Friedrichstraße.

Dort warten Biertische und -bänke am Straßenrand darauf, aufgebaut zu werden. „Tischlein deck dich“, heißt es wie auf ein geheimes Kommando. Und in Windeseile wird die Fußgängerzone von festlich gedecktem Tischen gesäumt, die sich unter dem Blumenschmuck, der Last der Kerzen und der Köstlichkeiten biegen.

Aller guten Dinge sind drei: Zum dritten Mal trafen sich gestern Abend die Geschäftsleute aus der Friedrichstraße nebst zahlreichen Gästen zum Dîner en blanc. Was für den Rheinländer natürlich längst Traditionsstatus bedeutet. Anders als in den Vorjahren stand das öffentliche Picknick der weiß gekleideten Menschen diesmal allerdings mit dem Wetter auf Kriegsfuß: Die Teilnehmer saßen den Tag über gewissermaßen auf gepackten Körben und Kisten voll mit Leckereien, Porzellan und Gläsern und bangten um die Wetterlage.

Die Zitterpartie nahm ein gutes Ende, beim heimlich im Internet verabredeten Dinner in Weiß tischten die Gastgeber wieder ordentlich auf. Pappteller und Plastikbesteck sind übrigens verpönt, bei dem Event, das mehr und mehr Besitz von deutschen Innenstädten und Parks ergreift. Seinen Ursprung hatte das Dîner en blanc wohl im Sommer 1988 in Paris, wo ein gewisser Francois Pasquier seine überfüllte private Gartenparty spontan in den nahe gelegenen Bois de Boulogne verlegt haben soll. Aber ganz gleich, wo die Feierlustigen ganz in Weiß auftauchen, sie erregen immer noch Aufsehen. So auch gestern in der Bonner Innenstadt.

[kein Linktext vorhanden]Ist es ein Krankenhaus auf Betriebsausflug oder doch die geheimnisvolle Massenhochzeit einer ominösen Sekte? Oder, wie in diesen Tagen naheliegend, einfach nur der monochrome Gegenentwurf zu den in Neonfarben leuchtenden Tinkern aus Irland? Nein, einfach nur eine feierlustige Gemeinschaft, die es genießt, die Innenstadt mal aus einem ganz anderen Blickwinkel zu erleben. Galt das Dîner en blanc erst als elitäre Veranstaltung, macht heute das öffentlich Essen nach Machart eines Flashmobs einfach vielen Leuten Spaß.

Die Verabredung läuft über das Internet oder die sozialen Medien. In vielen Fällen ist der Ort des Geschehens bis zur letzten Minute geheim, im Falle der Bonner Friedrichstraße ist es der Termin, der nur hinter vorgehaltener Hand preisgegeben wird. Dennoch wächst die Zahl der Teilnehmer Jahr für Jahr, funktioniert das Schneeballprinzip am Beispiel der Weißgekleideten natürlich besonders gut.

Schon Tage im Voraus beginnen die Planungen. Wie viele Tische sind reserviert? Wer bringt Geschirr, Besteck und Gläser? Muss es das eigentlich gewünschte Drei-Gang-Menü sein? Oder fügt sich auch eine reichhaltige Auswahl an Fingerfood zur auskömmlichen Speisenfolge? Bettina macht den Wildkräutersalat.

Iris begeisterte jüngst mit den Fladen mit grünem Spargel. Die würden doch wieder passen, genauso wie der orientalische Hackbraten mit der Schafskäsefüllung. Klaus-Dieter kühlt den Rosé vor, am Abend kommt er in die Zinkwanne auf Eis. Apropos Rosé. Da stellte schon Weinhändlerin Elke Prüske beim Kauf die Vertrauensfrage: „Darf man bei einem Dîner en blanc überhaupt Rosé trinken?“ Aber warum päpstlicher sein, als der Papst. Auch der trägt bekanntlich schon mal Weiß.