Verdächtiger war auch in der Region tätig

Pfleger unter Mordverdacht hat auch in Bonn gearbeitet

Dem Hilfspfleger wird der Mord an einem 87-Jährigen durch Insulin vorgeworfen.

Dem Hilfspfleger wird der Mord an einem 87-Jährigen durch Insulin vorgeworfen.

07.03.2018 München. Ein Hilfspfleger soll bei München einen 87-Jährigen mit Insulin ermordet haben. Jetzt wollen die Ermittler herausfinden, wo genau er noch beschäftigt war. Auch in Bonn soll er sich aufgehalten haben.

Der Fall eines Hilfspflegers, der in der Nähe von München einen 87-Jährigen mit Insulin getötet haben soll, weitet sich möglicherweise aus. Weitere "substanziell hilfreiche Hinweise“ seien eingegangen, teilte die Polizei München am Donnerstag mit. Damit ist deren Zahl auf 35 gestiegen.

Zu einem Fall in Mülheim im Ruhrgebiet ermittelt die Polizei Essen im Auftrag der Staatsanwaltschaft München. Die Staatsanwaltschaft Duisburg hatte die Ermittlungen im vergangenen Jahr vorläufig eingestellt. Dort wird untersucht, ob Fehler gemacht wurden.

Der Hilfspfleger sitzt derzeit in München unter anderem wegen des Verdachts auf Mord in Untersuchungshaft. Er hatte an vielen Orten in Deutschland gearbeitet. Nach einem bundesweiten Aufruf hatte die Münchener Polizei Hinweise erhalten, darunter Informationen zu Orten, an denen sich der Mann aufgehalten hat.

Wie die zuständige Staatsanwaltschaft München I bestätigte, war der Mann auch in Bonn tätig. Weitere Angaben zu den laufenden Ermittlungen könne sie aber nicht machen, sagte Oberstaatsanwältin Anne Leiding dem GA. Auch Hinweise dazu, dass sich der Hilfspfleger im Landkreis Neuwied aufgehalten habe, seien eingegangen.

Auf ihrer Facebookseite hat die Münchner Polizei eine Karte veröffentlicht, auf der bereits bekannte Aufenthalts- und Tätigkeitsorte (rot gekennzeichnet) und 16 durch die Hinweise neu ermittelte Orte (orange gekennzeichnet) vermerkt sind.

Außerdem haben die Beamten ein Foto und den vollen Namen des Mannes veröffentlicht. Polizei und Staatsanwaltschaft erhoffen sich, so Zeugen und Angehörige zu finden, die Angaben darüber machen können, welche Personen der 36-Jährige in der Vergangenheit betreut hat.

Die Beamten fragen: Wer kann Angaben zu Grzegorz Stanislaw Wolstajn machen? Wer kennt Aufenthaltsorte von ihm beziehungsweise kann Personen nennen, die von ihm betreut wurden?

Der inhaftierte 36-jährige Hilfspfleger Grzegorz Stanislaw Wolstajn.

Der inhaftierte 36-jährige Hilfspfleger Grzegorz Stanislaw Wolstajn.

Auch in anderen NRW-Städten war der Mann unterwegs. Beim Märkischen Kreis ging bereits ein Ermittlungsersuchen aus München ein. Es geht aber um keinen konkreten Verdacht. Der Verdächtige war zudem in Dortmund und im Raum Düsseldorf unterwegs.

Die Ermittler gehen aktuell von vier weiteren Vorfällen aus, „in denen das Ableben einer betreuten Person in einem unmittelbaren zeitlichen und räumlichen Zusammenhang mit dem Aufenthalt des Tatverdächtigen stand“. Es geht dabei um Fälle in den beiden bayerischen Landkreisen Forchheim (Juli 2017) und Kitzingen (Januar 2018) sowie je einen Fall in Hannover (Juli 2017) und im baden-württembergischen Landkreis Tuttlingen (Juli 2017).

Ob eine Kausalität zwischen diesen vier weiteren Todesfällen und der Anwesenheit des Hilfspflegers bestand, müsse intensiv untersucht werden, betonte die Polizei und warnte vor einer Vorverurteilung. „Wir stehen erst am Anfang der Ermittlungen“, sagte eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft München I. Nach seiner Festnahme hatte die Polizei bei dem 36-Jährigen zwei EC-Karten des Ottobrunner Toten samt Geheimnummern gefunden.

Der 87-jährige Pflegebedürftige aus Ottobrunn bei München soll gestorben sein, nachdem der Pfleger ihm Insulin - ein Blutzucker senkendes Hormon - verabreicht hatte. In vier weiteren konkreten Fällen wird geprüft, ob ihm versuchter Mord vorgeworfen werden kann, wie Polizei und Staatsanwaltschaft am Dienstag erklärt hatten. Die Patienten in Waiblingen (Baden-Württemberg), Mülheim an der Ruhr (Nordrhein-Westfalen) sowie in Weilheim und Aresing (Bayern) kamen mit extrem niedrigen Blutzuckerwerten ins Krankenhaus, drei von ihnen überlebten.

Der Patient aus Mülheim, den der Hilfspfleger betreut hatte, starb jedoch zwei Monate, nachdem er ins Krankenhaus gekommen war. Jetzt sollen die genauen Umstände geklärt werden, wie eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft München I erklärte. Zuvor hatte die Staatsanwaltschaft Duisburg ermittelt, das Verfahren sei jedoch nach München abgegeben worden, sagte eine Sprecherin.

Vor dem mutmaßlichen Mord in Ottobrunn betreute der Pfleger zudem einen älteren Menschen im Kreis Mainz-Bingen. Dieser sei einige Tage nach dem Verschwinden des Pflegers gestorben, erklärte die Polizei Mainz am Mittwoch. Aufgehalten haben soll sich der Mann außerdem im Bereich der Polizeidirektion Rheinpfalz.

Erinnerungen an Patientenmörder Niels H.

Der Pole war als ungelernte Pflegehilfskraft ab 2008 im Ausland aktiv - mal in England, immer öfter auch in Deutschland. Der Kontakt zu den Pflegebedürftigen und ihren Familien kam über ein Geflecht von Vermittlungsagenturen zustande.

Der Fall weckt Erinnerungen an den zu lebenslanger Haft verurteilten Patientenmörder Niels H. Er soll für die größte Mordserie in der deutschen Nachkriegsgeschichte verantwortlich sein - mehr als 100 schwer kranke Menschen soll der Ex-Krankenpfleger an den Kliniken Delmenhorst und Oldenburg zwischen 2000 und 2005 getötet haben.

Die Deutsche Stiftung Patientenschutz forderte eine amtsärztliche Leichenschau für alle verstorbenen Pflegebedürftigen. „Nirgendwo ist es so einfach zu morden, wie in der Pflege“, sagte Vorstand Eugen Brysch. Denn Sterben komme bei Pflegebedürftigen nicht unerwartet. „Es ist alarmierend, wenn ein Drittel aller Totenscheine schwerwiegende Fehler aufweist. Deshalb sind die Bundesländer aufgefordert, amtsärztliche Leichenschauen bei allen Pflegebedürftigen verbindlich vorzuschreiben.“ (dpa/ga)