Redemptoristen in Bonn

Orden arbeitet Missbrauch auf

BONN. Auch wenn das bundesweite Forschungsprojekt zur Untersuchung des Missbrauchsskandals in der katholischen Kirche vorerst gescheitert ist: Die Redemptoristen gehen den schweren Missbrauchsfällen aus den 50er und 60er sowie 80er Jahren aus der früheren Kölner Ordensprovinz, zu der auch das Collegium Josephinum (CoJoBo) gehört, weiter in einem eigenen Verfahren nach.

"Ich bedaure, dass die wissenschaftliche Aufarbeitung schief gelaufen ist", sagte Provinzial Johannes Römelt mit Blick auf das Zerwürfnis zwischen der Deutschen Bischofskonferenz und dem kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen. "Ich kenne die Hintergründe nicht. Wir gehen unseren Weg weiter."

So ist am übernächsten Samstag ein Treffen von Opfern und Vertretern des Ordens in Köln geplant. Daran nimmt auch der Direktor des Amtsgerichts Leverkusen, Hermann-Josef Merzbach, teil. Er wurde als Externer mit der Untersuchung beauftragt. Seinen zweiten Zwischenbericht hat der Orden vor einem Jahr ins Internet gestellt. "Ich habe mit jedem der über 60 Betroffenen gesprochen und bin auf Abgründe gestoßen", so Merzbach. "Ich bin gespannt, wie das Treffen ablaufen wird."

Gespannt ist auch Winfried Ponsens: "Wir Betroffenen haben klare Erwartungen, was eng mit dem Vorgehen bei der Vergabe von Zäpfchen an CoJoBo-Schüler zusammenhängt", sagte er. "Was ist mit den Jungen, die geredet haben? Was mit dem Lehrer, der das aufgedeckt hat? Wir haben jahrzehntelang geschwiegen und uns deshalb lange Vorwürfe gemacht." Römelt sieht indes einen Unterschied: "Die Staatsanwaltschaft hat klar festgestellt, dass es sich hierbei nicht um Missbrauchsfälle gehandelt hat."

Der CoJoBo-Sanitätsdienst hatte in Einzelfällen Zäpfchen eingesetzt, wenn Schüler erkrankt waren. Der Lehrer, der diese Praxis angeprangert hatte, bekam keine Verlängerung seines Zeitvertrags. Das sei ein "normaler Vorgang" gewesen, betonte Römelt.

Dass die Katholische Kirche dem Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts, Christian Pfeiffer, die Untersuchung der bundesweiten Missbrauchsfälle entzogen hat, wundert den Bremer Informatik-Professor Dieter Viefhues nicht. Nach eigenen Angaben wurde er von einem Redemptoristen-Pater in Glanerbrück missbraucht.

Die Einstellung der wissenschaftlichen Aufarbeitung mache ihn "traurig und wütend", sagte er. "Wenn man überlegt, dass Lebensentwürfe zerstört wurden und Menschen heute noch unter dem Missbrauch leiden, ist das unerträglich."

Johannes Römelt kann das nachvollziehen. Kürzlich habe er eines der Opfer getroffen, das das Gespräch gesucht habe. "Es war bedrückend und auch beschämend. Das waren schlimme Ereignisse, die ein ganzes Leben beschädigt haben", so der Provinzial. Im Übrigen habe er Pfeiffer gegenüber seine Bereitschaft zur Mitarbeit signalisiert. Der habe sich nie gemeldet.

"Eckiger Tisch" fordert Bundestags-Untersuchungskommission:
Die vom Skandal besonders betroffenen Jesuiten reagierten 2010 mit Untersuchungsaufträgen. Im Februar 2011 lieferte die Kommission um die Kölner Professorin Julia Zinsmeister den ersten Bericht insbesondere über möglichen Missbrauch am Aloisiuskolleg (Ako) von den 50er Jahren bis 2004. Seit Anfang 2012 arbeitet der Bonner Professor Arnfried Bintig an einem Aufklärungsbericht zur Bildungseinrichtung Ako-pro-Seminar. Er will in den nächsten Wochen Ergebnisse vorlegen.

Nach dem Scheitern der Missbrauchsstudie der Katholischen Kirche durch das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen fordert die Opfergruppe jesuitischer Schulen "Eckiger Tisch" erneut eine unabhängige Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs in Einrichtungen der Katholischen Kirche. "Wir stehen drei Jahre nach den ersten Veröffentlichungen im Januar 2010 wieder am Anfang. Die Katholische Kirche als Institution ist offensichtlich mit der Aufarbeitung überfordert", erklären die Betroffenen in einer Pressemitteilung.

Selbstaufklärung könne nicht funktionieren, dazu brauche es eine unabhängige Instanz. "Der Bundestag sollte eine Untersuchungskommission einrichten und die vielen Fälle von sexuellem Missbrauch sowie das dahinter liegende institutionelle Versagen untersuchen", so der "Eckige Tisch". Es müsse ernsthaft über angemessene Entschädigungssummen entschieden werden. "Die 2011 von der Katholischen Kirche einseitig festgelegte »Anerkennungsprämie« für die Missbrauchstaten ihrer Priester von bis zu 5000 Euro ersetzt keine echte Entschädigung." In den Niederlanden seien von einer unabhängigen Kommission Entschädigungen zwischen 25 000 und 100 000 Euro empfohlen worden.