Aloisiuskolleg in Bad Godesberg

Opfer klagen über Blockade, Verschleierung, Ignoranz

Tatort Schule: Der Eingang zum Aloisiuskolleg. FOTO: DPA

Tatort Schule: Der Eingang zum Aloisiuskolleg.

BONN. 2010 zog ihm die Vergangenheit den Boden unter den Füßen weg. Da sah sich der Mann, heute selbst Familienvater, wieder als drangsaliertes Kind. Drei Jahre sei er als Schüler des Aloisiuskollegs (Ako) von einem Pater misshandelt worden. "Er wollte mich brechen." Am Ende sei er vom Kolleg geflogen, ohne Abschluss.

Mit Wut, Verbitterung und Schmerz erzählt der Mann von Horrorsituationen. Etwa der, als der Pater sich mit ihm in einen Spind einschloss, ihn im Dunkeln berührte und nasse Flecken am Boden zurückließ. Der Mann hat seine Geschichte im Buch "Unheiliger Berg" aufgeschrieben. Er ist einer von über 60 Ehemaligen, die sich bei den Aufklärungskommissionen gemeldet hatten. Die beschuldigten das Ako und sein Ako-pro-Seminar, sechs Jahrzehnte Machtmissbrauch zugelassen zu haben: sexuellen Missbrauch, Nacktfotografieren, körperliche und psychische Gewalt. Es sei damals wie heute um strafrechtlich relevante Handlungen gegangen.

Im Fall des Familienvaters konnte nichts mehr getan werden. Gegen den Pater, der lange Internats- und Schulleiter war, ermittelte der Staatsanwalt wegen neuerer Vorfälle, bis der Jesuit 2010 starb. "Mein Täter war ein raffinierter, brutaler und gewissensloser Mann, für den ich heute Ekel, Abscheu und Mitleid empfinde", sagt der Familienvater. Er fragt sich, warum niemand die damals Verantwortlichen, die Täter hinter den Tätern, zur Rechenschaft zieht.

Das fragt auch Heiko Schnitzler, Sprecher des Betroffenenvereins Eckiger Tisch Bonn. "Alles musste von uns eingefordert werden. Und trotzdem lebt sogar ein Beschuldigter heute unbehelligt unter ausländischer Sonne." Und mindestens ein verantwortlicher Jesuit und Mitwisser arbeite in gehobener Stellung weiter: an einen anderen Ort versetzt, und ohne Rechenschaft ablegen zu müssen.

"Dazu hat der Orden Hunderte anstößiger Kinderfotos, die der ehemalige Internats- und Schulleiter schoss, vernichtet, ohne die Abgelichteten zu informieren." Jedoch hätten die Betroffenen den Eindruck, dass Schüler, Altschüler, Eltern, Geldgeber und viele Bonner vom Ako erwarteten, dass sich Kolleg und Orden mit Empathie und Tatkraft um die Betroffenen kümmern. "Der Orden aber hat sich bislang nicht wirklich auf uns zu bewegt", kritisiert Schnitzler

Das sieht Jesuitenprovinzial Stefan Kiechle anders. "Der Prozess der Aufklärung ist weit voran gekommen und mit vier Untersuchungsberichten auch umfassend dokumentiert", sagt der Pater. Es habe zahlreiche Kontakte zwischen Betroffenen und Verantwortlichen gegeben. "Das Gesprächsangebot der Ordensleitung besteht auch weiterhin."

Etwa die Hälfte der dem Orden bekannten Opfer habe die angebotene Zahlung von 5000 Euro "als Zeichen der Anerkennung des Leids" angenommen. Der Orden habe Therapiekosten übernommen und weitere Hilfen finanziert. "Unseren Schulen und Kollegien in Berlin, Bonn und St. Blasien haben detaillierte Präventionsprogramme entwickelt und umgesetzt", so Kiechle.

Der heutige Familienvater wird sein Trauma trotzdem nicht los. Seine Schulakte ist unauffindbar. Irgendjemand hat ihn aus der Kollegsvergangenheit gelöscht. Der Betroffene hat die Schule nicht mehr betreten. Er wartet darauf, dass man ihn als gleichberechtigten Schüler wieder einlädt. Dass er genau dort, wo ihm so viel Leid geschah, endlich seine Geschichte erzählen kann. Dass man ihm zuhört. Und ihm gegenüber Verantwortung übernimmt.