Berechtigungskarten für Bonner Tafel

Noch hält das soziale Netz

Während der Lebensmittelausgabe der Bonner Tafel bedient eine Helferin einen Kunden.

Bonn. Die Tafeln erleben eine Nachfrage nie dagewesenen Ausmaßes. Um dem Ansturm Herr zu werden, hat die Bonner Tafel Berechtigungskarten ausgegeben und die Bezugsdauer begrenzt. Von der großen Politik sind die Ehrenamtlichen enttäuscht.

"Für die macht ihr alles, für uns macht ihr nichts." Es ist nur ein Satz, doch wenn es sich bei seinem Urheber um den Bundeswirtschaftsminister handelt, ist ein vielstimmiges Echo programmiert. Steht Deutschland wegen der unkontrollierten Masseneinwanderung der vergangenen Monate eine Neiddebatte bevor, wie es Sigmar Gabriel (SPD) kurz vor drei Landtagswahlen als warnende These in der Raum warf und damit die Forderung nach einem Sozialfonds für Einheimische begründete? Zumindest diejenigen, die in Bonn institutionell mit sozial Schwachen zu tun haben, sehen es differenzierter als der Minister.

Gibt es sie also nun, die Verteilungskämpfe und das Gedränge um Jobs für Geringqualifizierte? Oder ist das Netz aus Hartz-IV, staatlichen Vergünstigungen und Sozialkaufhäusern weiterhin so engmaschig, dass es sich lediglich um eine künstliche Aufregung handelt? Diffus ist die Nachrichtenlage allemal: Manche staatlichen Stellen legen den Aufruf zur "Willkommenskultur" so weit aus, dass sie Flüchtlinge mit dem Taxi zu Behördengängen chauffieren lassen. Gleichzeitig warnen Politiker und Wissenschaftler vor Lücken im Sozialgefüge - und ernten Zustimmung ebenso wie Entrüstung.

Zu den Auswirkungen der Flüchtlingskrise hatte sich schon im Herbst 2015 der Bundesverband Deutsche Tafel geäußert. "Aktuell erleben wir eine Nachfrage nie dagewesenen Ausmaßes. Über 200 000 Flüchtlinge sind bei den Tafeln. Diese enorme Nachfrage bringt die Tafeln an ihre Grenzen. Erste Tafeln müssen Aufnahmestopps gegenüber Neukunden verhängen. Die Situation wird sich weiter zuspitzen", fand der Vorsitzende des Bundesverbandes, Jochen Brühl, drastische Worte. Von "Überforderung" bis "Futterneid" reichte daraufhin das Spektrum in den Schlagzeilen. Zumindest auf überregionaler Ebene sind die Warnungen vor Verteilungskämpfen derzeit zahlreich - von der Wohnungslosenhilfe bis hin zur Schwangerenberatung.

"Diese enorme Nachfrage bringt dieTafeln an ihre Grenzen"

 (Jochen Brühl, Bundesverband Deutsche Tafel)

In der Stadt Bonn sind 106 Mitarbeiter der Bonner Tafel an fünf Tagen der Woche mit dem Einsammeln und Ausgeben der gespendeten Lebensmittel beschäftigt. Wie in vielen anderen Städten hat auch hier die Bedeutung der Tafeln in den vergangenen Jahren zugenommen. "Allerdings", sagt Marianne Baldus vom Vorstand der Bonner Tafel, "ist auch die Menge der gespendeten Lebensmittel gewachsen, sodass Zug um Zug auch mehr Kunden aufgenommen werden konnten."

3 400 Bedürftige waren es im vergangenen Jahr. Schon immer sei unter den Kunden der Anteil der Zuwandererhaushalte - darunter also auch Spätaussiedler - gegenüber den in Deutschland Geborenen leicht erhöht gewesen. "Seit dem Beginn der Flüchtlingswelle hat sich das Verhältnis Migranten/Deutsche in Richtung 60 zu 40 Prozent verschoben", sagt Baldus.

Flüchtlinge, die in Sammelunterkünften wohnen und dort verpflegt werden, erhalten keine Berechtigungskarte. Die bekommen von der Bonner Tafel nur solche Menschen, die über eine Kochmöglichkeit verfügen - auch Asylbewerber.

Die Erkenntnis, dass die zu verteilenden Mengen endlich sind, haben die Helfer der Bonner Tafel nicht erst mit dem Flüchtlingsstrom gewonnen. "Die Grenzen sind uns seit jeher gesetzt gewesen", sagt Baldus. Insofern könne die Kundenzahl allenfalls maßvoll ausgedehnt werden. Um der wachsenden Nachfrage gerecht zu werden, ist die Tafel dazu übergegangen, die Kunden zu registrieren, Berechtigungskarten auszugeben, die Bezugsdauer zu begrenzen und nachzuhalten, ob auch regelmäßig Ware abgeholt wird. Marianne Baldus: "Auf diese Weise speisen wir in unregelmäßigen Abständen neue Kunden unabhängig von ihrer Herkunft in das Tafelsystem ein. Eine lebenslange Alimentierung durch uns gibt es nicht."

Natürlich habe die Flüchtlingskrise die Arbeit schwieriger gemacht, weil nur noch unregelmäßig neue Kunden aufgenommen werden könnten, sagt sie. Auch habe der administrative Aufwand enorm zugenommen.

Was die praktische Tätigkeit vor Ort betrifft, so bringe die Flüchtlingskrise naturgemäß Sprachhindernisse mit sich. "Manche hiesige Gemüsesorten sind unbekannt und werden kritisch beäugt, andere - uns unbekannte - Waren haben wir nicht", erzählt Baldus und ergänzt: "Der eine oder andere ist auch unzufrieden mit dem, was er an Lebensmitteln erhält. Aber dies war schon vor der Aufnahme der Flüchtlinge so und hat sich kaum verändert." Zeige sich jemand allerdings als notorischer Nörgler oder lasse es an respektvollem Umgang mit den Mitarbeitern fehlen, verliere er die Bezugsberechtigung. "Dazu kommt es aber kaum", weiß Baldus.

Von ihr sollte Sigmar Gabriel übrigens keinen Applaus erwarten. "Sozialpolitische Konzepte zur Armutsbekämpfung sind meines Erachtens seit jeher Mangelware. Da müsste sich Herr Gabriel an die eigene Nase fassen, wenn er Verteilungskämpfe befürchtet. Die Absenkung des Rentenniveaus und das Fehlen einer vorausschauenden Wohnungsbaupolitik sind hier nur ein paar Beispiele, die Armut erzeugen oder fortschreiben."

Einen Einblick in die Situation mehrerer Tafeln in der Region gewährt Peter Sieler, der als Ehrenamtsreferent der Arbeiterwohlfahrt Bonn/Rhein-Sieg vier Tafeln in Bad Honnef, Königswinter, Hennef und Much betreut. Dort sei der Sommer 2015 keine besondere "Wendemarke" gewesen. "Wir haben kontinuierlich steigende Kundenzahlen und eine Veränderung der Kundenzusammensetzung seit Mitte 2014. Selbstverständlich hat die Zahl der Zugewanderten zugenommen, absolut und relativ. Statistische Auswertungen haben wir darüber aber nicht", sagt Sieler.

"Wir stellen uns darauf ein, dass die Nachfrage steigt, und haben personell aufgestockt"

(Mechthild Greten, Caritasverband Bonn)

Insgesamt hätten sich in Much und in Bad Honnef zwischen Anfang 2014 und Ende 2015 die Kundenzahlen verdoppelt. Hinsichtlich der Belieferung der Tafeln beschreibt Sieler ein allgemeines Problem: So führe die Verbesserung der Warenwirtschaft in den Supermärkten dazu, dass bei den Tafeln weniger ankomme - was wiederum an mehr Menschen verteilt werden soll. Bislang gelinge es aber noch, dies mit Sonderspendenaktionen abzufedern. Kritik übt Sieler an der Haltung mancher Kommunen: Sie sähen die Tafeln mit ihren ehrenamtlichen Strukturen und der eigenständigen Finanzierung "ganz selbstverständlich als Bestandteil der Flüchtlingshilfe-Infrastruktur am Ort an". Dass aber die Räume längst zu klein seien, habe noch niemanden auf die Idee gebracht, der Tafel bessere Arbeitsbedingungen zu verschaffen.

Noch keine spürbaren Auswirkungen habe die Flüchtlingskrise bislang auf die Hilfsangebote der Bonner Caritas, sagt deren Sprecherin Mechthild Greten. "Wir stellen uns aber darauf ein, dass die Nachfrage steigt und haben deshalb personell aufgestockt. Teilweise für Entlastung sorgten auch Sonderspenden, wie kürzlich durch den Kölner "Tatort"-Verein, Von den TV-Kommissaren gab es Schulranzen, die die Caritas nun an Flüchtlingskinder verschenken wird. Die bisherige Klientel habe dadurch keinen Nachteil. Bis jetzt könne man jeden in gewohntem Umfang bedienen, sagt Greten. Ohnehin könne erst derjenige die Sozialberatung der Caritas in Anspruch nehmen, dessen Asylstatus feststeht.

In der Formulierung für "ungeschickt, in der Sache aber für richtig" hält Bernhard von Grünberg die Äußerung seines Parteifreundes Sigmar Gabriel. Von Grünberg ist Landtagsabgeordneter und Vorsitzender des Mieterbundes in Bonn und der Region. In seinen Augen hat die Flüchtlingskrise die Defizite im Wohnungsbau für Menschen mit geringem Einkommen besonders deutlich gemacht. Dies gelte analog für den Arbeitsmarkt. Er hofft, dass die akute Herausforderung durch den Zuzug nun dazu führt, dass eine langgehegte Forderung in die Tat umgesetzt wird: Dass nämlich mit einem Wohnungsbauprogramms erheblich mehr Wohnungen für Geringverdiener und Flüchtlinge geschaffen werden. Von den Gemeinden fordert von Grünberg, dass sie hierfür neue Grundstücke erschließen und zur Verfügung stellen. Schließlich hätten auch die Städte etwas davon, wenn die Transferleistungen nicht durch steigende Mieten noch weiter in die Höhe getrieben würden.

Während von Grünberg mit seiner Forderung nach mehr bezahlbarem Wohnraum ins selbe Horn stößt wie Bundesbauministerin Barbara Hendricks, äußert das Institut der Deutschen Wirtschaft Zweifel, dass dies die Lösung sei.

Denn: Mehr als die Hälfte der Sozialwohnungen in Deutschland sei inzwischen mit Mietern belegt, auf die das Kriterium der Bedürftigkeit gar nicht zutreffe. Für den "Konkurrenzkampf der Armen" ist das womöglich ein ganz neuer Aspekt.