DLR-Projektleiter über Weltraumprojekt

Neues von Rosetta und Philae

BONN. Es war einer der größten Erfolge der europäischen Raumfahrt: Nach ihrer jahrelangen Reise schwenkte die Sonde Rosetta in einen Orbit um den Kometen Tschuri ein. Wenig später landete das Modul Philae dann sogar auf dem Himmelskörper, aber nur kurze Zeit später brach der Kontakt ab.

Am Montag wird Projektleiter Stephan Ulamec in der Reihe "Montags in der Sternwarte" erste Ergebnisse der Mission erklären und über die Bemühungen zur Reaktivierung des Landemoduls berichten. Mit dem Wissenschaftler sprach Leif Kubik.

Können Sie eigentlich im Augenblick ruhig schlafen?

Stephan Ulamec: Ja, durchaus. Sie spielen sicher auf unsere aktuellen Bemühungen an, das Landemodul Philae zu reaktivieren. Bislang waren wir leider noch nicht erfolgreich. Aber die Chancen stehen gut. Wenn es dieses Wochenende noch nicht klappen sollte werden wir im Juni nochmals einen oder falls notwendig mehrere Versuche starten - aufgrund der Annäherung an die Sonne sind die Bedingungen dann noch einmal besser.

Sind Sie zuversichtlich, noch einmal etwas von Philae zu hören?

Ulamec: Die Chancen stehen nicht schlecht. Es hängt ja nicht nur von der Nähe zur Sonne ab - auch der Winkel zum Rosetta-Orbiter ist entscheidend. Aber ohne Optimismus kann man keine Weltraumforschung betreiben. In diesem Sinne bin ich guter Hoffnung.

Millionen haben die Landung und den anschließenden Abriss der Funkverbindung zur Raumsonde Philae im November verfolgt; nicht unbedingt Alltag für eine ESA-Mission. Steht man da besonders unter Erfolgsdruck?

Ulamec: Auf einem Kometen zu landen ist absolutes Neuland. Und eine extrem spannende Aufgabe. Ziel der Mission ist die eingehende Untersuchung des Kometen, die Aufschluss über die Entstehung des Sonnensystems geben kann. Möglicherweise sind die Bausteine des Lebens durch Kometen zur Erde gekommen. Da ist es doch vollkommen klar, dass man als Projektleiter alles gibt, eine solche Mission zum Erfolg werden zu lassen. Von der Zahl der interessierten Beobachter lasse ich mich da überhaupt nicht beeinflussen.

Wie haben Sie denn die Landung erlebt?

Ulamec: Das war ein Wechselbad der Gefühle. Die schwierigste Phase war die Zeit vor der Abkopplung. Philae ließ sich nämlich erst beim zweiten Anlauf hochfahren. Als dann auch noch eine Düse, die den Lander auf die Oberfläche von Tschuri drücken sollte, streikte, wussten wir, dass die Landung sehr schwierig werden würde. Aber wir hatten unser Bestes getan und mussten es jetzt einfach wagen. Erst zwei Stunden nach dem ersten Kontakt mit der Oberfläche war klar, dass die Sonde stabil steht. Wir wussten bloß zunächst nicht wo - Philae war ja zweimal weggehüpft und die Anker hatten nicht wie geplant gefeuert.

Aber die Mission war trotzdem ein phänomenaler Erfolg?

Ulamec: Und ob! Nach einer schlaflosen Nacht bekamen wir am nächsten Morgen Kontakt und Philae sendete fleißig Daten.

Welche Forschungsergebnisse haben Sie denn nun gewonnen und werden Sie am Montagabend ein bisschen aus dem Nähkästchen plaudern?

Ulamec: Wir haben viel über die Zusammensetzung des Bodens rund um den Landeplatz gelernt, dazu kommen hochaufgelöste Bilder. Inzwischen wissen wir auch, wo sich das Modul befindet. Detaillierte Ergebnisse kann ich zwar erst nach der Veröffentlichung im "Science-Magazin" vorstellen, aber ich werde schon das ein oder andere verraten. Übrigens: Wenn die Landung an der ursprünglich geplanten Stelle geglückt wäre, hätte sich Philae wahrscheinlich längst überhitzt. Durch die Pannen haben wir nun die Chance, weitere Daten zu bekommen.

Der Vortrag beginnt am Montag, 18. Mai, um 19 Uhr im großen Hörsaal der Alten Sternwarte, Poppelsdorfer Allee 47.

Zur Person

Stephan Ulamec baute schon als Schüler Raketen und wollte wissen, wie die Welt entstanden ist. Der

49-jährige Vater zweier Kinder wurde in Salzburg geboren und arbeitete nach dem Studium in Graz zunächst für die ESA. 1994 kam der promovierte Geophysiker dann zum Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) nach Köln, wo er das Philae-Projekt von Anfang an begleitete.

Die Rosetta-Mission

Die Mission zum Kometen Tschurjumow-Gerassimenko, kurz Tschuri, begann am 2. März 2004. Die mit einer Ariane 5 gestartete und in Friedrichshafen gebaute Raumsonde verbrachte nach mehreren "Swing-by" genannten Manövern um Erde und Mars sowie "Fly-bys" bei den beiden Asteroiden Šteins und Lutetia 957 Tage im "Winterschlaf", bevor sie am 6. August 2014 zunächst auf relative Schrittgeschwindigkeit zu ihrem Ziel abgebremst wurde. Seither umkreist die mit verschiedenen Sensoren ausgestattete Sonde den Kometen und hat am 12. November den Lander Philae abgesetzt.

Nachdem das etwa kühlschrankgroße Modul zwar punktgenau gelandet war, prallte es zweimal ab und landete schließlich an einer Stelle, die zu stark beschattet war, um die solarbetriebenen Batterien ausreichend aufzuladen. Philae wird vom DLR-Nutzerzentrum für Weltraumexperimente aus dem Landerkontrollzentrum (LCC) in Köln gesteuert.