Viele Ersterscheinungen

Neuer Bildband zeigt historische Aufnahmen von Bonn

Die Moltkestraße

Die Moltkestraße

Bonn. Autor Josef Niesen präsentiert in einer Neuerscheinung Motive der Stadt aus dem 19. und 20. Jahrhundert. Viele von ihnen werden in dem fotografischen Rundgang durch Bonn erstmals veröffentlicht.

Für manchen alteingesessenen Bonner dürfte es ein freudiges Wiedersehen geben, wenn sie das neue Buch von Josef Niesen aufschlagen. Denn seine Neuerscheinung "Historisches Bonn" führt die Leser zu einem fotografischen Rundgang, wie ihn schon der Untertitel verspricht. Das Besondere: Der Betrachter mag die altvertrauten Örtlichkeiten wiedererkennen. Viele der abgebildeten Fotografien hingegen werden ihm mutmaßlich neu sein, denn sie werden hier erstmals publiziert und mit einem nicht zu knapp geratenen Textteil ausführlich erklärt.

Gleich zu Beginn weckt das Buch die unerfüllbare Lust, vorbei an den mächtigen Geschäftshäusern an der Brückenstraße (heute Berliner Freiheit) einmal über die 1945 zerstörte, reicht verzierte Rheinbrücke nach Beuel zu schlendern. Oder: Sich noch einmal bei einer Halben und einem "Studentensteak" im "Hähnchen" niederzulassen. Das Hotel Rheineck und das alte Schulzentrum am heutigen Belderberg werden ebenso in Szene gesetzt wie der Marktplatz.

Der Marktplatz um 1950. Im Metropol läuft gerade "Rückkehr ins Paradies".

Der Marktplatz um 1950. Im Metropol läuft gerade "Rückkehr ins Paradies".

Gestochen scharf erfährt der Betrachter, dass das Treiben zu Füßen des Alten Rathauses sich heute von dem vor 150 Jahren eigentlich kaum unterscheidet - es sei denn, jemand möchte noch einmal im Metropol-Kino den Film "Rückkehr ins Paradies" genießen. Nostalgische Gefühle vermag indes ein Blick in die Gangolfstraße (1924) zu wecken. Die prächtigen Fassaden der Wohn- und Kaufhäuser wurden ebenfalls im Krieg ein Raub der Flammen.

Bereits mit 15 Jahren begann Niesen damit, für die Geschichte seiner Familie zu recherchieren. Wie sich herausstellte, waren deren Spuren bis ins Jahr 1650 zurückzuverfolgen. "So kam über die Familie das Interesse zur Stadt", erzählt der Mittfünfziger. Er habe mehr über die Geschichte der Bonner wissen wollen. Die Folge: Eine Sammelleidenschaft für Bücher zur Bonner Stadtgeschichte, umfassende Lektüre und schließlich die eigene publizistische Tätigkeit. Und so verbringt Niesen, der Malerei und Grafik studierte und heute im Hauptberuf in der Uniklinik arbeitet, einen großen Teil seiner Freizeit in Archiven, über Akten, auf Flohmärkten und über Büchern.

Architektonisches Kleinod: Die Bonner Rheinbrücke im Jahr 1905. 1945 wurde sie zerstört.

Architektonisches Kleinod: Die Bonner Rheinbrücke im Jahr 1905. 1945 wurde sie zerstört.

 

Veröffentlichung im eigenen Verlag

Vor knapp 15 Jahren legte der gebürtige Dransdorfer mit dem "Bonner Personenlexikon" seinen ersten großen Wurf vor, gefolgt von einer Übersicht der "Bonner Denkmäler" und einer Reihe von Biographien. Zuletzt stieß er über seine Leidenschaft für alte Schelllackplatten auf den Bonner Schlagerautor Charles Amberg - er dichtete unter anderem "Wochenend und Sonnenschein". Dessen ausführliche Biographie erschien im Frühjahr. Seit 35 Jahren sammelt Niesen zudem Fotos und Kupferstiche, Münzen oder auch Geschirr von Bonner Provenienz. Auf 500 Abbildungen schätzt Niesen allein die Fotosammlung.

Da lag eine Veröffentlichung mit Fotografien nahe. "Schließlich sollen auch andere daran teilhaben", sagt er schmunzelnd. Das Buch enthält 118 Fotos aus Niesens privater Sammlung, die in etwa die Zeit von 1870 bis 1970 umfassen. Gefunden hat sie Niesen über viele Jahre auf Flohmärkten oder über private Kontakte, nicht wenige erblicken zum ersten Mal publizistisches Licht. Selbst die ausgewiesenen Kenner der Materie im Stadtarchiv seien über die eine oder andere Ansicht begeistert gewesen, berichtet Niesen. Weil es immer schwerer sei, für Regionalia einen geeigneten Verlag zu finden, gründete Niesen seinen eigenen: Der Bildband ist das zweite Werk, dass im Bonn-Buch-Verlag erscheint.

Der Verkehr sucht sich seinen Weg: Autos auf dem Kaiserplatz 1949/50.

Der Verkehr sucht sich seinen Weg: Autos auf dem Kaiserplatz 1949/50.

Früheste Aufnahmen aus den Anfängen der Fotografie

"In den letzten 150 Jahren hat sich Bonns Sozialstruktur durch den gesellschaftlichen Wandel stark verändert, was sich nicht zuletzt in der städtischen Architektur widerspiegelt. Hinzu kamen massive Eingriffe ins Stadtbild durch Kriege, Modernisierungsbestrebungen, Abrisse und Neubauten", sagt Niesen. Und ebenso lange gebe es Menschen, die diese Veränderungen in ihren Fotografien festgehalten haben.

Die frühesten Aufnahmen entstammen dabei den Anfängen der Fotografie, die jüngsten Abbildungen entstanden zu jener Zeit, als Willy Brandt in Bonn als Bundeskanzler wirkte. Knapp fünf Jahrzehnte nach dem von Heinrich Lützeler herausgegebenen Band "Bonn am Rhein, so wie es war" und ein Jahr nach Rolf Sachsses "Bonn. Von der Rheinreise zu den Ostverträgen" liegt nunmehr ein drittes fotografisches Kaleidoskop aus Beethovenstadt, Universitätsstadt, Bundeshauptstadt und Wohnort vor, das als "Standardwerk" überdauern dürfte.

Alle Texte stammen von Niesen, der sich beim Aufbau zu einem Rundgang entschieden hat und - wie er selbst eingesteht - zugunsten des Bildanteils an sich halten musste. "Ein Textband zur Bonner Stadtgeschichte wäre vielleicht noch einmal ein anderes Projekt", sagt er.

Autor Josef Niesen mit seinem Buch "Historisches Bonn".

Autor Josef Niesen mit seinem Buch "Historisches Bonn".

Das Buch "Historisches Bonn" hat 123 Seiten.

Das Buch "Historisches Bonn" hat 123 Seiten.

 

"Historisches Bonn. Ein fotografischer Rundgang mit Bildern aus zwei Jahrhunderten. Josef Niesen, Bonn-Buch-Verlag, 128 Seiten, 118 Abbildungen, 24,50 Euro. ISBN 978-3-9818821-0-0.