Radikalisierte Jugendliche

Neue Beratungsstelle gegen Salafismus in Bonn eröffnet

Salafisten in Deutschland

Eine neue Beratungsstelle in Bonn soll als Anlaufstelle für Familien radikalisierter Jugendlicher dienen. Im Bild zu sehen sind Salafisten bei einer Kundgebung Lannesdorf im Mai 2012, bei der es zu Ausschreitungen gegen Polizisten kam.

BONN. Eine weitere Beratungsstelle des Bundes für Angehörige von radikalisierten jungen Menschen ist am Dienstag in Bonn eröffnet worden. In der Anlaufstelle sollen Experten Familienangehörigen dabei helfen, junge Menschen aus gewaltbereiten islamistischen Gruppierungen zu lösen.

Es kann jede Familie treffen, nicht nur die muslimischen. Plötzlich bemerken Eltern eine Veränderung bei ihren Kindern. Sie vertreten radikale Ansichten, verändern ihr Aussehen. Eltern, die sich fragen, ob sich ihr Sohn oder ihre Tochter möglicherweise religiös radikalisiert haben, geraten nicht selten in Verzweiflung, berichtete gestern Ursula Gräfin Praschma vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF). Solchen Eltern und Verwandten will die neue Beratungsstelle Hayat helfen, die vom BAMF und Bundesinnenministerium inhaltlich und finanziell gefördert wird.

Insgesamt 140 000 Euro gibt der Bund für eine neue Beratungsstelle in Bonn – zunächst für zwei Jahre, sagte Sinan Selen vom Innenministerium. Berater ist der junge, aus Bonn stammende Islamwissenschaftler Kaan Orhan, der sich als praktizierender Muslim mit der Bonner Salafistenszene auskenne, wie er selbst sagte. Coletta Manemann, Integrationsbeauftragte der Stadt, zeigte sich erfreut, dass Bonn mit Hayat eine weitere Beratungsstelle in Sachen extremistischer Salafismus erhält.

Träger und Kooperationspartner der Beratungsstelle ist die ZDK Gesellschaft Demokratische Kultur, die bereits in Berlin eine Beratungsstelle anbietet. Anders als das 2014 vom Land NRW eingerichtete Präventionsangebot Wegweiser berate Hayat individuell Angehörige, deren Kinder sich salafistisch radikalisieren, dem Dschihadismus anschließen und möglicherweise in Konfliktregionen ausreisen oder schon ausgereist sind, sagte ZDK-Geschäftsführer Bernd Wagner.

Hayat in Berlin habe bislang von 150 Radikalisierungsfällen 50 „gut abgeschlossen“, sagte die dortige Leiterin Claudia Dantschke. Entscheidend sei die Bereitschaft der Eltern, die Hotline anzurufen und sich auf ein offenes Gespräch einzulassen. Orhan soll zunächst klären, ob es sich bei dem, was die Angehörigen schildern, tatsächlich um eine extremistische Einstellung handelt. „Der Kontakt zum Kind läuft dann über die Eltern“, so Dantschke.

Im Idealfall soll nämlich das persönliche Umfeld auf den radikalisierten Jugendlichen einwirken; der Berater und weitere von ihm empfohlene Stellen wie Jugendamt, Familienberatung oder Psychologen sollen (zunächst) im Hintergrund arbeiten. „Wichtig ist, dass der Jugendliche wieder Vertrauen zu seinen Eltern fasst“, so Orhan. Klar sei aber auch, dass die Eltern bei strafrechtlich relevanten Taten ihrer Kinder überzeugt werden sollen, Polizei und Staatsanwaltschaft einzuschalten. Ansonsten schaltet Hayat die Ermittler ein.

Die Hotline ist zunächst noch unter der Berliner Rufnummer 030/23 48 93 35 erreichbar.