Kulturvereine sehen eine Chance

Neubau der Bonner Oper soll untersucht werden

Dringender Handlungsbedarf bei der Bonner Oper. Das Gebäude weißt inzwischen einige Sicherheitsmängel auf.

Dringender Handlungsbedarf bei der Bonner Oper. Das Gebäude weißt inzwischen einige Sicherheitsmängel auf.

Bonn. Die Koalition im Bonner Stadtrat ist uneins über den Prüfauftrag. Die Grünen wollen sich jedenfalls erst nach einer Klausursitzung festlegen. Architekten: Eine Sanierung kostet nie weniger als ein Neubau.

Der Vorstoß von SPD, CDU und FDP, einen Neubau der Oper untersuchen zu lassen, hat in Bonn eine lebhafte Debatte ausgelöst. Die Fraktionen wollen der Stadtverwaltung einen Prüfauftrag erteilen: Sie soll ermitteln, ob es günstiger ist, das 52 Jahre alte Opernhaus abzureißen anstatt rund 120 Millionen in die Instandsetzung des Musiktheaters, der Kammerspiele Godesberg und der Halle Beuel zu investieren. Im Neubau sollen Oper und Schauspiel unterkommen. Als Standorte sind sowohl das bisherige Operngelände am Rhein als auch das Grundstück der denkmalgeschützten Godesberger Stadthalle im Gespräch, die dafür ebenfalls abgerissen werden müsste.

Benedikt Holtbernd, Vorsitzender der Bonner Opernfreunde, zeigt sich offen für eine Prüfung aller Möglichkeiten, die Opernvorstellungen „auch äußerlich durch ein möglicherweise faszinierendes Gebäudeumfeld zu einem noch eindrucksvolleren Erlebnis auch in der Zukunft werden lassen“. Auf jeden Fall müsse der Spielbetrieb – egal ob bei Instandsetzung oder Neubau – kontinuierlich weitergehen.

Das verlangt auch die Theatergemeinde Bonn. Dazu müssten Oper und Schauspiel zunächst für den Spielbetrieb ertüchtigt werden, so Geschäftsführer Norbert Reiche. Danach sei die Neubauidee „durchaus zukunftsweisend für die kulturelle Positionierung der Stadt“. Rolf Bolwin, früherer Direktor des Deutschen Bühnenvereins, hat allerdings Sorge, dass der Prüfauftrag die Instandsetzung weiter hinauszögern könnte: „Das wäre inakzeptabel“, sagt der Bonner Theaterexperte.

Staatsoperette in Dresden kostete 96 Millionen Euro

Stephan Eisel, Vorsitzender der Bürger für Beethoven, begrüßt den Vorstoß, fordert aber einen noch größeren Wurf: Die Stadt solle ein integriertes Konzert- und Opernhaus prüfen – mit einem Saal für Musiktheater und große Konzerte sowie einem kleinen Saal für Schauspiel und Kammermusik. „Bonn braucht einen akustisch angemessenen Konzertsaal, wenn es sich als Beethovenstadt profilieren will.“ Das könne die sanierte Beethovenhalle nicht leisten.

Was ein Neubau kosten würde, werden erst konkrete Machbarkeitsstudien für verschiedene Standorte zeigen. Die Spannbreite bei realisierten Projekten ist groß: Die Staatsoperette in Dresden – eine umgestaltete Maschinenhalle mit einem neuen Anbau – kostete 96 Millionen Euro. Beim Musiktheater in Linz, einem 2013 vollendeten Zehngeschosser für Oper und Schauspiel, waren es rund 187 Millionen, beim Konzert- und Opernhaus in Oslo (2008) etwa 500 Millionen Euro.

Fragt man Architekten, scheint die Tendenz eindeutig zu sein: „Sanierung kostet nie weniger als ein Neubau“, betont Gerhard Feldmeyer, Geschäftsführer des Düsseldorfer Büros HPP. „Schadstoffbelastung, Rückbau, unvorhergesehene Probleme im alten Gebäude und dadurch gestörte Bauabläufe können die Kosten gewaltig erhöhen.“ Feldmeyer weiß, wovon er spricht: HPP begleitet die Sanierung der Kölner Oper, die finanziell aus dem Ruder gelaufen ist.

Linksfraktion hat Diskussionsbedarf

Auch Jörg Friedrich würde einem Neubau den Vorzug geben. Mit seinem Architekturbüro PFP hat der Hamburger gerade die Machbarkeitsstudie für eine Generalsanierung der Frankfurter Oper erstellt, die 850 bis 870 Millionen Euro kosten würde – ein Neubau wird von der Stadt mit etwa 890 Millionen veranschlagt.

„Für das Geld, das Sanierung und Interimsspielstätte verschlingen, bekommt man immer einen qualitätvollen Theaterneubau“, sagt der Architekturprofessor mit Lehrauftrag an der Uni Hannover. Mit den gleichen Investitionen könne ein ganzer Stadtteil – Friedrich denkt da an die Halle Beuel – mit einem Theaterneubau nachhaltig aufgewertet werden. „Das ist das zukunftsweisendere Konzept“, findet der Architekt. „Es ist also weniger eine finanzielle als eine kulturpolitische Richtungsentscheidung.“ Für eine Sanierung des bestehenden Hauses könnten aber Argumente wie zentrale Lage, besonders wertvolle Architektur oder emotionale Bindung der Bürger an das alte Gebäude sprechen.

Wie die anderen Ratsfraktionen reagieren, ist noch unklar. Die Grünen sind offensichtlich gespalten und werden in den nächsten Tagen in einer Klausursitzung beraten. Auch die Linksfraktion meldet Diskussionsbedarf in den eigenen Reihen. Fraktionschef Michael Faber: „Wir sind verwundert über die Halbwertszeit politischer Beschlüsse und Zusagen.“

AfB: Bonn muss sparen

Hans-Friedrich Rosendahl (Allianz für Bonn) fordert, alle Möglichkeiten ergebnisoffen zu prüfen. „Die Stadt hat wenig Geld und viele Projekte. Insgesamt muss Bonn sparen, auch bei den Kulturausgaben, sich also auch mancherorts verkleinern.“ Allerdings dürfe der Stadtbezirk Bad Godesberg nicht vernachlässigt werden.

Die Fraktion der Sozialliberalen begrüßt den Vorstoß, in Sachen Oper einen Neuanfang in die Überlegungen aufzunehmen. Die Kammerspiele will sie als Spielstätte jedoch beibehalten. „Ich sehe in einem Neubau der Oper auch die Chance, wesentlich kleiner zu bauen und zu einer höheren Auslastung und einem wirtschaftlicheren Betrieb in der Oper zu gelangen“, meint Fraktionsvorsitzender Felix Kopinski. Marcel Schmitt vom Bürger Bund Bonn ist dagegen überzeugt: „Bei näherer Betrachtung scheint der Vorschlag zum Neubau von Oper und Theater kaum geeignet zu sein, um Steuermittel zu sparen.“