Problemviertel Tannenbusch

Nährboden für Salafismus?

Herbstliche Tristesse: Im Innenhof einer Hochhaussiedlung in Neu-Tannenbusch begegnen sich Menschen unterschiedlicher Nationen und Kulturen.

BONN. Bonns Stadtteil mit der höchsten Anzahl an Migranten und einer enorm hohen Arbeitslosigkeit bleibt in den Negativ-Schlagzeilen. Denn eine Reihe muslimischer Extremisten wohnte und wohnt hier: Wie groß ist der Nährboden für die Radikalisierung junger Menschen?

Schauplatz von Razzien gegen mutmaßliche Unterstützer der islamistischen Terrormiliz IS. Wohnort von Dschihadisten und radikalen Predigern. Rekrutierungsterrain für Salafisten, die zu Grillfesten und Treffen in Privatwohnungen einladen: Neu-Tannenbusch gerät immer wieder in die Schlagzeilen, seit der international bekannte und 2010 getötete Al-Kaida-Terrorist Bekkay Harrach 2007 aus dem Viertel in den "heiligen Krieg" ins afghanisch-pakistanische Grenzgebiet zog.

Auch der mutmaßliche Bombenleger vom Hauptbahnhof, Marco G., der sich zurzeit vor Gericht verantworten muss, hat dort gewohnt. Und es heißt, junge Dschihad-Rückkehrer aus Syrien hielten sich wieder in dem Stadtteil auf.

Wie fruchtbar ist der Nährboden für die Radikalisierung junger Menschen in Neu-Tannenbusch, das neben Lannesdorf und Brüser Berg offensichtlich ein bevorzugter Wohnort von Salafisten ist? Auf Streifzug durch ein Viertel, das geprägt ist von extrem hoher Arbeitslosigkeit, dem höchsten Anteil von Migranten in Bonn und heruntergekommenen Hochhaussiedlungen.

Udo Fricke und die Ausländer: Die Hochhäuser am Schweidnitzer und Brieger Weg bei Nacht: Finster ist der Durchgang von der Straße in den schummrig beleuchteten Innenhof. Dort versperrt Gebüsch an den Fußwegen die Sicht. Viele Hauseingänge sind in der Dunkelheit kaum auszumachen. In einer Ecke liegt ein kindgroßes Etwas: ein schmutziger Teddybär. Von Betonmauern eingefasste Treppen zur Tiefgarage sind mit Einkaufswagen versperrt.

Ein Auto parkt dort unten niemand mehr - aus Angst, der Wagen könnte aufgebrochen, demoliert oder angezündet werden. Ein Bewohner berichtet, in einer der gespenstisch-leeren Tiefgaragen hätten vor einigen Wochen 15 bis 20 Männer gegen Mitternacht trainiert. Es seien Salafisten gewesen. Niemand sonst in der Nachbarschaft kann das jedoch bestätigen. Auch nicht die Polizei.

Nach 22 Uhr ist in diesem Hochhausgebirge kaum noch jemand auf der Straße. Nur hier und da ein paar junge Männer. "Wir gehen abends bestimmt nicht mehr vor die Tür", erzählen zwei junge Mütter.

Angsträume oder bloß subjektives Bedrohungsempfinden?

Die Bonner Polizei, deren Dienststelle in der Oppelner Straße nachts nicht besetzt ist, spricht von "subjektivem Bedrohungsempfinden". Polizeisprecher Frank Piontek sagt: "Die Polizei wird nicht häufiger als anderswo in Bonn gerufen." Stadtplaner Michael Isselmann hingegen nennt solche Ecken "Angsträume".

Udo Fricke zog 1981 in eines der Hochhäuser am Grünzug Nord. Als die Welt in Neu-Tannenbusch noch ziemlich in Ordnung war. "Erst habe ich dort oben im sechsten Stock gewohnt", erzählt der 71-Jährige. "Mittlerweile wohne ich da unten." Er zeigt vorbei an drei Terrassen voller Gerümpel, dahinter heruntergelassene Rollläden am helllichten Tag. Er habe hier nachts keine Angst, sagt der Mann auf dem Trekkingrad.

Fricke war viele Jahre Filialleiter eines Geldtransportunternehmens: "Fünf Mitarbeiter wurden damals erschossen. Angst dürfen Sie in einem solchen Beruf nicht haben." Hat er die Razzia bei seinem Nachbarn gegenüber mitbekommen?

Dieser Nachbar - ein bundesweit bekannter Salafistenprediger - soll mit sechs Komplizen die Terrormiliz "Islamischer Staat" mit "geländegängigen Fahrzeugen" beliefert haben. "Ja, da war mal was", sagt Fricke. Und die nächtlichen Schussgeräusche, von denen Nachbarn berichten? "Die hört man hier öfter."

Was den Rentner viel mehr beschäftigt, sind die Handwerker, die im dritten Stock seines Hochhauses Fenster austauschen. Wenigstens das will der neue Eigentümer in dem maroden Hochhaus verbessern. Fricke weiß nicht, wie die neue Wohnungsgesellschaft heißt.

"Irgendein türkischer Unternehmer aus Dortmund. Hier wechseln ja alle zwei Jahre die Eigentümer", sagt er. "Drüben der Block steht komplett leer." Fricke zeigt quer über den Innenhof mit wildwucherndem Unkraut zu einem Hochhaus, wo zerschlagene Fenster und offene Balkontüren auffallen.

"Hier in der Gegend wohnen zu 90 Prozent Ausländer. Viele Deutsche sind weg, weil es ihnen zu schmutzig war." Fricke sagt das ohne eine Spur von Abfälligkeit. Er selbst will nicht ausziehen. "Die Miete ist günstig. 49 Quadratmeter für 411 Euro - warm. Wenn ich meine Tür hinter mir schließe, habe ich meine Ruhe." Zu seinen Nachbarn hat er kaum Kontakt.

Einmal habe ihn eine ausländische Familie zum Essen eingeladen. Aus Dank, weil nur er mit seiner Schlagbohrmaschine Löcher in die Wände aus Beton bohren konnte. Obwohl der Beton längst nicht mehr dem Wasser vom Dach bis hinunter ins Erdgeschoss standhalten kann. "Hier müsste mal grundsaniert werden."

Verschimmelte Wohnungen, defekte Aufzüge

Doch selbst von einfachen Sanierungen in den Hochhäusern, wo oft Aufzüge kaputt sind und Wohnungen schimmeln, ist kaum etwas zu sehen - trotz 6,7 Millionen Euro an öffentlichen Zuschüssen, die im Rahmen des Programms "Soziale Stadt" zur Verfügung stehen. Einzig die vielgescholtene "Heuschrecke" Deutsche Annington hat am Chemnitzer Weg und an der Riesengebirgsstraße mit der Sanierung begonnen.

Von Grundsanierung könne man aber nicht reden, kritisiert Bernhard von Grünberg, SPD-Politiker und Hauptgeschäftsführer des Bonner Mieterbundes. Auch wenn die Annington wirbt, ihre 320 Wohnungen in ganz Bonn für mehr als neun Millionen Euro energetisch zu sanieren, konstatiert von Grünberg: "Groß bewegen tun sich die Immobiliengesellschaften immer noch nicht. Sie haben in den vergangenen Jahren eine hohe Substanzvernichtung hingenommen. Dabei wären sie gut beraten, auf ihr Immobilienvermögen zu achten. Nicht nur im Sinne ihrer Mieter."

Die Soziale Stadt - der "Rohrkrepierer": Müll. Wo man hinschaut - Müll. Hausmüll neben der offenen Eingangstür. Altkleider und Autoreifen am Straßenrand. Leere Tüten im Gebüsch. Und kaputte Klingelanlagen, auf die Mieter, wo noch Platz ist, ihre Namen mit Filzstift schreiben. Und Einkaufswagen. Überall. Auf Straßen und in Innenhöfen. Vom Großeinkauf mitgebracht und stehengelassen.

Mehr als 75 Prozent leben von Sozialleistungen

Für Helmuth Göbel, Leiter des Stadtteilbüros der evangelischen Diakonie an der Oppelner Straße, sind das Zeichen mangelnder Identifikation mit dem Viertel - einem, wo in manchen Hochhäusern mehr als 75 Prozent der Haushalte von Sozialleistungen leben und drei Viertel der Bewohner Einwanderer sind. Wo Jugendliche kaum eine Perspektive haben, weil schon die Adresse auf der Bewerbung zum Stigma wird, wie Sportpädagoge Younis Kamil von der "Rheinflanke" weiß, die Jugendlichen bei der Berufssuche hilft.

Murad (Namen geändert) hat sich nach der Mittleren Reife und zwei Jahren Berufskolleg zunächst mit Gelegenheitsjobs durchgeschlagen. Jetzt, mit 21, macht er eine Lehre als Monteur in einem Küchenstudio. Viele seiner Freunde hätten weniger Glück. Oder sich weniger angestrengt: "Die schlafen viel zu lange." Und kiffen, wie sein "Bruder" Ercan (Name geändert) meint. Perspektiven sehen anders aus.

Murad wohnt noch zu Hause. Zusammen mit seiner arbeitslosen, weil kranken und vom Vater verlassenen Mutter und seinen drei jüngeren Brüdern. In einer Vier-Zimmer-Wohnung für 1100 Euro warm. Bezahlt vom Jobcenter. Immerhin fange die Wohnungsgesellschaft an, die Wohnungen zu renovieren, freut sich Murad. Aber: "Dann wird die Wohnung noch teurer. Dabei will das Jobcenter schon jetzt, dass wir uns was Billigeres suchen."

Neu-Tannenbusch ist für Murad Heimat und Hölle zugleich: Hier ist er aufgewachsen, hat seine Kumpels, "Brüder", wie sie sich nennen, hat seine Familie. Er findet, dass sich sein Viertel zum Besseren mausert. Und doch: Den Traum von der eigenen Familie und dem eigenen Häuschen will er hier nicht verwirklichen. Dabei stehen die schmucken Reihenhäuser nur wenige Straßen weiter. Auch das ist Neu-Tannenbusch.

Entlang des Parks "Grünzug Nord" wohnen Leute wie Roman Rudnick, der sich seit Jahren gegen den Verfall des Viertels engagiert. Der 71-Jährige ist Mitglied im Arbeitskreis Vielfalt, einem Zusammenschluss von engagierten Bürgern und Vereinen, Migranten wie Deutschen, die auch das Potenzial in ihrem Quartier sehen.

Wie all die "Gutbürgerlichen" möchte Rudnick nicht, dass der ramponierte Ruf von Neu-Tannenbusch noch weiter leidet. Und mit ihm der Wert seines Hauses. Andererseits hat er die Nase voll, macht aus seinem Ärger gegenüber der Stadtverwaltung keinen Hehl: "Das Projekt Soziale Stadt ist doch ein Rohrkrepierer." Warum? "Ja, schauen Sie sich doch um."

"Die Armut hier ist groß"

Jugendamtsleiter Udo Stein und Stadtplaner Isselmann sehen das anders. Sie bestreiten nicht, dass es ein verdammt dickes Brett ist, das Politik und Stadt mit einem Heer an Mitarbeitern freier Wohlfahrtsverbände, von Kirchengemeinden, engagierter Streetworker und der Polizei bohren müssen, bis Tannenbusch vielleicht (wieder) ein Ort ist, wo man hinziehen möchte.

Stein verweist auf Ansätze, die er für gelungen hält. Wie etwa den Neubau der Carl-Schurz-Grundschule oder das Freizeitgelände KBE-Dreieck an der Hohen Straße. "Da treffen sich wieder Familien", sagt Stein. Kollegin Coletta Manemann, städtische Integrationsbeauftragte, nennt den Arbeitskreis Vielfalt ein "gelungenes Beispiel für bürgerschaftliches Engagement. Es gibt aber auch Enttäuschungen", räumt sie ein und beklagt, dass der Bund wichtige geplante Sozial- und Bildungsprojekte nicht mehr finanzieren will.

Auch viele Bürger haben den Eindruck, die "Soziale Stadt" komme nicht bei den Menschen an. Im Tannenbusch-Center, wo ein Laden nach dem anderen schließt und wo 2015 die Bagger anrücken, um den Hit-Supermarkt abzureißen, damit ein "Kaufland" bauen kann, stellt Jalal Alo nüchtern fest: "Gehört habe ich von dem Projekt. Man merkt hier aber nichts davon. Die Armut ist groß. Es leben hier einfach zu viele Ausländer." Der dreifache Familienvater und Kurde aus Syrien wohnt in Mehlem und pendelt nach Tannenbusch zu seinem Backshop, Tür an Tür mit Döner-Imbiss und Spielhalle, die als Drogenumschlagplatz regelmäßig von der Polizei besucht wird.

Salafisten in der Nachbarschaft

Alo war zwölf Jahre Arabisch-Lehrer an der schlagzeilenträchtigen König-Fahad-Akademie in Lannesdorf. Damals habe er im Kollegium hitzige Diskussionen über die radikalen Ansichten einiger Kollegen geführt. Mit Salafismus, ja mit Religion überhaupt will Alo nichts zu tun haben. Ihn nerven schon die Salafisten in seiner Nachbarschaft. Zu den Salafisten in Neu-Tannenbusch will er nichts sagen.

Auch ein privater Wachdienst gibt sich zugeknöpft. Die bärtigen und schwarz gekleideten Männer, die sich eben noch ausgiebig mit einem Mann mit langem Bart und arabischem Gewand unterhalten haben, wissen nichts von Dschihadisten und Syrien-Kriegsrückkehrern. Sagen sie.

Freunde von Murad berichten, dass ein stadtbekannter Salafist selbst Angestellter des Wachdienstes war. Ein Hüne, der am 5. Mai 2012 bei den Krawallen gegen Polizisten in Lannesdorf dabei war. Und der versuchte, nach Syrien zu reisen, aber an der bulgarisch-türkischen Grenze von Beamten abgefangen wurde.

Ali C. und der "Menschenzoo": Ali C. (Name geändert) und seine Freunde hängen gerne abends auf dem Platz vor dem Studentenwohnheim ab. Der Geruch von "Gras" liegt in der Luft. Auch wenn Ali (26), Jurastudent vor dem Referendariat, seit kurzem nicht mehr in Tannenbusch wohnt, trifft er sich hier noch mit Freunden.

Angesprochen darauf, was sie von den IS-Sympathisanten halten, sagt Alis Freund Hamid R. (26, Name geändert): "Denen würde ich so was von ... Ich würde die zutexten, was der Scheiß soll." Ali berichtet von Autos an der Oppelner Straße, in denen am Rückspiegel Ketten mit IS-Logo hängen. Sie sehen vollverschleierte Frauen und bärtige Männer, von denen sie sich fernhalten.

Was nicht immer einfach ist: "Mich hat vor einiger Zeit einer von denen auf mein weißes T-Shirt angesprochen." Schwarz sei die Farbe der Muslime, meinte der "Sharia-Polizist", wie Ali ihn nennt. Ja, angesprochen würden junge Leute schon, erzählt das einzige Mädchen der Clique. Ihre Eltern stammen aus der Türkei. Ihr Cousin aus Frankfurt sei in den Dschihad gezogen.

"Mein Bruder wurde zuletzt von jemandem in die Moschee eingeladen. Er soll mal vorbeikommen, freitags abends ab 20 Uhr." Es muss wohl der Hassprediger gewesen sein, bei dem die Razzia stattfand und den Sicherheitsbehörden "den zurzeit dicksten Fisch" der Bonner Salafistenszene nennen. Ihr Bruder habe die Einladung nicht angenommen. Glaubt sie. Keiner von ihnen kenne einen Salafisten persönlich, sagen die jungen Leute. "Halten Sie sich fern von den IS-Leuten", rät Ali. "Die sind gefährlich."

"In Afghanistan bin ich der Deutsche, hier der Ausländer"

Dabei erlebt der 26-Jährige selbst die Angst der Anderen vor dem Fremden. "Ich wohne jetzt in der Südstadt. Zuletzt schaute mich dort eine ältere Frau völlig entgeistert an. Weil ich einen Bart trage. Unverschämtheit." Der besonnen wirkende Jurastudent gerät kurz aus der Fassung.

In seinem blauen Blouson, mit den gegelten Haaren und dem akkurat gestutzten Bart, wie ihn männliche Models derzeit tragen, könnte er selbst als solches durchgehen. Der Sohn eines ehemaligen stellvertretenden afghanischen Kultusministers floh mit seiner Familie Anfang der 1990er Jahre aus dem vom Bürgerkrieg zerrütteten Land am Hindukusch.

Ali ist Moslem, aber nicht praktizierend. Wenn er seine Sicht der Politik im Nahen Osten darstellt, hört man einen wortgewandten Mann reden - mit einer eigenwilligen Interpretation des Weltgeschehens, in der die Amerikaner die Strippen ziehen und 9/11 selbst inszeniert haben. Vielleicht liegt diese Art von Kulturpessimismus an den Erfahrungen, die Ali und seine Freunde in Deutschland gemacht haben.

Mit Lehrern, die ihnen sagten, dass sie auf ihrer Schule nichts zu suchen hätten. Oder eben mit Menschen, die ihn anstarren, weil er schwarze Haare hat und einen Bart trägt, der ihm die Karriere als Anwalt vermasseln wird, wie er glaubt. "Natürlich werde ich ihn abrasieren, bevor ich mich bewerbe." Und doch bleibe es hart für sie. "Ich fühle mich wie ein Zigeuner", sagt Hamid. "In Afghanistan bin ich der Deutsche, hier der Ausländer."

Und um das Gesagte zu veranschaulichen, erzählt Ali die Geschichte eines jungen Mädchens im schicken Oberklassewagen. "Ihre Mutter fuhr ganz langsam dort drüben durch die Oppelner Straße." Vorbei an den deutschen und russischen Junkies, den verschleierten Frauen, den dunkelhäutigen Schülern. "Das Mädchen hat mit seinem Smartphone alles gefilmt und wirkte aufgeregt." Ali regt sich wieder auf: "Wir sind hier doch nicht im Zoo. Das sind doch alles Menschen."

Der Schulleiter und der Dschihad: Das Wort "Ghetto" kommt ihm nicht über die Lippen, denn Martin Finke ist Berufsoptimist, da Leiter der Freiherr-vom-Stein-Realschule, einer Schule in einem sozialen Brennpunkt. Finke sagt: "Schreiben Sie das Viertel bitte nicht kaputt." Ohne zu verhehlen: "Die Stadt hat sich segmentiert."

Finke ist ein Überzeugungstäter, der das Pech hat, dass er nicht die Mittel, die Zeit und die nötige Unterstützung hat, um all die Projekte umzusetzen, die er für wichtig hält. So wünscht er sich zum Beispiel mehr Engagement von Ausbildungsbetrieben. Aber auch mehr Entscheidungsfreude der Jugendlichen, die für seinen Geschmack zu lange die Schulbank drücken. "Nur sechs von 90 Kindern machen nach der Mittleren Reife eine Ausbildung. Viele fangen erst mit 20 damit an."

Doch woher sollen die Schüler ihre Vorbilder nehmen? "Zwei Drittel der Eltern sind in einer finanziell prekären Lage. Und dann wird hier im Viertel vor allem gewohnt und kaum produziert." Fehlende Vorbilder, Frust in Schule und Beruf, von den Eltern vererbte Armut: Das seien die Faktoren für ein Abgleiten in Kriminalität und Radikalismus, warnt Finke. Nicht nur er und Sozialarbeiter wie Göbel meinen, dass "salafistische Rattenfänger" in Neu-Tannenbusch "ein großes Rekrutierungspotenzial" finden.

"Viele Eltern haben Angst um ihre Kinder", so Finke. Man reagiere an seiner Schule früh auf Anzeichen von Radikalisierung und versuche, den Schülern klarzumachen: "Wenn ihr die Welt verändern, sprich besser machen wollt, dann macht das nicht im Dschihad in Syrien. Verändert die Welt hier. In eurem Viertel."