Stadt testet neue Verkehrserfassungssysteme

Mit Hightech aus dem Stau

BONN. Welche Wege führen in Bonn aus dem Stau? Vor allem dann, wenn bald Nordbrücke, Viktoriabrücke und irgendwann auch der Tausendfüßler (A565) saniert werden und dort Engpässe entstehen. Eines ist klar: Die Straßen in der Stadt werden nicht mehr und nicht breiter.

"Wir haben die unglückliche Situation, nicht viele durchgängige Straßen zu haben", sagt Tiefbauamtsleiter Werner Bergmann. In einer Testphase setzt die Stadt nun auf clevere Lösungen, um die Autofahrer am Stillstand vorbeileiten zu können - vorausgesetzt, sie nehmen für den Zeitgewinn auch mal einen Umweg in Kauf.

Über das Thema machen sich Wissenschaftler und Verkehrsplaner schon lange Gedanken. Erinnert sei ans Leitsystem City Traffic von 2003, das über die Induktionsschleifen der Ampeln funktionierte. Dabei waren aber nur Momentaufnahmen möglich, es konnten keine Routen der Autos verfolgt werden. Derzeit hängen an einigen Masten in der Stadt Kameras, um so herauszufinden, ob die Ampelschaltung zu bestimmten Zeiten verbessert werden kann, so Stefan Pieper, Sachgebietsleiter im Tiefbauamt.

Doch da sind die Möglichkeiten begrenzt. Sind zu viele Autos gleichzeitig unterwegs, bilden sich Schlangen. Wie sich Verkehrsströme künftig vielleicht lenken lassen, untersucht die Stadt derzeit mit Hilfe von Firmen, die für Tests kostenlos Hightech-Systeme zur Verfügung stellen.

Eine entsprechende Mitteilungsvorlage diskutieren die Politiker am 16. August im Bau- und Vergabeausschuss. Die Federführung von städtischer Seite hat Bergmanns Stellvertreter, Peter Esch.

Bluetooth-Erfassung: In zahlreichen Autos befinden sich heute sogenannte Bluetooth-Schnittstellen, die individuelle Signale senden. Das dient meist dazu, etwa ein Handy in die Audio- und Navigationsanlage des Wagens einzubinden (Freisprecheinrichtung). Zwischen 25 und 38 Prozent aller Autos haben heute solch eine Schnittstelle an Bord, was reicht, um Verkehrsströme - sogar über mehrere Fahrspuren - aufzuzeichnen und zu analysieren. Alles läuft anonym: "Uns interessiert nicht, wer da fährt, sondern wie lange er fährt", sagt Pieper.

So beginnt am Bundeskanzlerplatz eine in mehrere Abschnitte eingeteilte Teststrecke. Einmal führt sie über die Reuterstraße und Autobahn 565 bis hin zur Römerstraße (kurz vor der Nordbrücke). Ein Abzweig geht von der Reuterstraße in den Bonner Talweg bis zur Viktoriabrücke und weiter links über die Endenicher Straße bis hin zum Endenicher Ei. So ein Bluetooth-Kästchen hängt zum Beispiel an einem Ampelmast an der Poppelsdorfer Allee.

Das Prinzip: Ein Auto, das am Bundeskanzlerplatz erfasst wird, findet der Computer ein paar Minuten später wieder, wenn er an der Viktoriabrücke abbiegt. Dauert die Fahrt länger als üblich, muss es sich unterwegs stauen - zumindest, wenn mehrere Fahrzeuge für dieselbe Strecke solange brauchen.

Hirnschmalz (und damit Computeralgorithmen) sind nämlich gefragt, wenn es ums Ausmerzen der Fehler geht. So könnte ein langsamer Radfahrer mit sendendem Handy erfasst worden sein. Jemand anders befindet sich zwar auf dem Abschnitt, geht aber zwischendurch für ein paar Minuten Brötchen kaufen.

Oder da ist der Anwohner des Bonner Talwegs, der zwar über die Reuterstraße kommt, aber dann in seine Garage abbiegt. An der Viktoriabrücke kommt er dann gar nicht an.

Visuelle Kennzeichenerfassung: Es funktioniert ähnlich wie bei Bluetooth, hier können Kameras aber Kennzeichen lesen - die nachher wieder gelöscht werden, wie Bergmann versichert. Die Fehlerquote ist bei diesem System nach Angaben der Stadt etwas niedriger. Ein Test mit diesen Geräten ist in Bonn geplant.

Fazit: Die gefahrene Zeit lässt auf Staus schließen. Sind die Autos im Schnitt mit Tempo 35 unterwegs, "dann läuft's noch", sagt Bergmann. Unter 25 km/h wird's zähflüssig, unter 20 "stimmt was nicht". Möglichkeiten seien dann, eventuell Ampeln anders zu schalten, die Strecke umzubauen oder Alternativrouten anzubieten. Zukunftsmusik sind Live-Abbilder im Internet. Mit ihnen können sich Fahrer, bevor sie sich ins Auto setzen, im Internet über andere Routen informieren. Bergmann, Esch und ihre Mitarbeiter wollen bis Anfang 2013 belegen, dass die Verkehrserfassung gut funktioniert. Danach muss die Politik entscheiden, ob sie das System will und wie viel Geld sie ausgeben will.