Flüchtlinge in Bonn

Migranten lernen Deutsch - auch wenn es sie zur Verzweiflung bringt

Treffen mit Flüchtlingsfamilie Wanli für Serie Sprache/Kultur

Treffen mit Flüchtlingsfamilie Wanli für Serie Sprache/Kultur

Bonn. Frust und Scham auf der einen, Begeisterung auf der anderen Seite: Mit der Kultur in Deutschland können Migranten durchaus ihre liebe Mühe haben.

Es hat einen Tag im November 2016 gegeben, grau und nass, an dem nahm Roubel L. sein Deutschbuch in die Hand und feuerte es dermaßen gegen seine Zimmerwand, dass es in drei Teile zerfiel. Es war die Verzweiflung. Noch heute bringt die deutsche Sprache mit ihren Tücken den Mann aus Eritrea, der in Wirklichkeit einen anderen Namen trägt, ins Schwitzen.

„Aber es ist besser geworden“, sagt der Mittlerweile-Bonner. Er ist vor zwei Jahren mit den denkbar schlechtesten Voraussetzungen vor der Diktatur in seiner Heimat geflohen. Er spricht fließend die semitischen Sprachen Tigrinisch und Arabisch, aber er ist Analphabet. Er tut sich weiter schwer mit den Buchstaben. Deshalb steckt viel Scham in dem jungen Mann, oft Wut, wenn er wieder vergessen hat, wie die Verben in diesem verflixten Deutsch korrekt gebeugt werden.

„Das Sprachniveau ist so unterschiedlich wie die Menschen”, sagt Claudia Rodemann, Leiterin des Fachbereichs Deutsch-Projekte in der Volkhochschule der Stadt Bonn. Manche hätten mehr Talent als andere. Aber vor allem der Bildungsstand sei natürlich von großer Bedeutung für den Erfolg. „Manche Flüchtlinge kommen mit guter Vorbildung, sprechen Englisch und haben sich Lerntechniken erarbeitet, andere müssen dagegen zunächst alphabetisiert werden.” Rodemann sitzt im Haus der Bildung, vor ihr liegt ein B2-Sprachtest. Wer in Bonn arbeiten will, muss ihn erfolgreich absolvieren. In der Regel bedeutet das mindestens 2000 Unterrichtsstunden, anderthalb Jahre büffeln. Roubel L. ist noch nicht soweit, er hat gerade den leichteren B1-Test absolviert.

Für die Bildungsträger bedeutet die Zuwanderung einen enormen logistischen Aufwand. Beispiel VHS: 2015 führte sie 170 Einstufungstests durch, ein Jahr später waren es bereits 620. Lehrer unterrichteten 2015 in sechs Integrationskursen Sprache und Kultur, 2016 waren es dagegen 33 Kurse – mehr als das Fünffache. Anderen Bildungsträgern geht es in Bonn nicht besser. Im vergangenen Jahr waren nach Auskunft des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (Bamf) 2721 Teilnahmeberechtigte in Bonn zu Integrationskursen angemeldet. Voraussetzung: Die Bleibeperspektive, also ein positiv beschiedenes Aslyaufnahmeverfahren muss wahrscheinlich sein.

Um zu erkennen, wie unterschiedlich die Voraussetzungen sind, wie unterschiedlich die Menschen sind, die in Bonn vor zwei oder mehr Jahren gestrandet sind, kann man den Heiderhof besuchen. Im Februar 2015 ist Abdulla Wanli aus dem syrischen Damaskus zunächst nach Bad Godesberg gekommen, seine Frau und alle vier Kinder sind ebenfalls hier. Die Eltern sind gelernte Landwirtschaftsingenieure. Er bringt bereits ein Jahr nach seiner Ankunft Flüchtlingen die ersten deutschen Worte bei.

Die Kinder lernen in der Karnevalszeit zunächst das Wort Kamelle. Mittlerweile gehen die Zwillinge Rwaim und Tim (zehn Jahre), Bayan (15 Jahre) und Amr (18 Jahre) auf weiterführende Schulen. Intissar, die Mutter, findet „die Sprache sehr interessant”. Sie erkennt Ähnlichkeiten zur arabischen Grammatik, hört viel deutsches Radio und trifft sich regelmäßig mit der Nachbarin für einen Plausch. Sie tut das, was nach Ansicht von Rodemann notwendig ist, um eine Sprache sicher zu beherrschen: „Was vielen fehlt, ist der Austausch, die praktische Umsetzung der deutschen Sprache.”

Integrationskurse lehren auch Demokratie und Kultur

Das sieht Rahim Öztürker ebenso. Der Vorsitzende des städtischen Integrationsrates weiß, wovon er spricht. Als Leiter des DAAG-Bildungswerks Bonn hält er engen Kontakt zu den Lehrern, die in Alphabetisierungs- und Integrationskursen Menschen aus elf Nationen die deutsche Sprache beibringen. „Die Leute, die hierherkommen, lernen nicht nur die Sprache, sondern auch etwas über ihre Rechte, die Demokratie, das kulturelle Leben in Deutschland.” Für Öztürker ist das ein wichtiger Baustein zur Integration.

Er, der vor Jahrzehnten aus der Türkei kam, sieht den Staat nur dann als funktionsfähig an, „wenn man die Rechte und die Pflichten einhält”. Im vergangenen Jahr hat er mit allen Teilnehmern Weihnachten im Bildungswerk gefeiert. „Jeder hat etwas mitgebracht, und es hat funktioniert. Keiner hat gesagt, das wollen wir nicht.” Die Kultur einatmen, nicht darüber lamentieren.

Aber es ist wahrlich nicht alles Gold, wenn es um das Beibringen der Sprache und Kultur geht. Im Haus der Bildung hat Angela Büren, Leiterin im Bereich Deutsch für den Alltag, Folgendes beobachtet: „In den Kursen müssen klare Regeln herrschen. Mit nur ,nett und hilfsbereit' kommen nicht alle Teilnehmenden zurecht.” Im Gegensatz zu Öztürker haben sie in der VHS die Erfahrung gemacht, dass Teilnehmer, die dieselbe Sprache sprachen, oft den Unterricht in ihrer Heimatsprache stören. Sie werden mittlerweile auseinandergesetzt. Auch Roubel L. suchte und sucht immer noch den Kontakt zu seinen Landsleuten. „Wer die Sprache nicht richtig beherrscht, der bleibt ein Fremder”, sagt er dem Übersetzer auf Arabisch, weil der Satz im Deutschen zu schwierig für ihn ist.

Das Bamf erstattet 3,90 Euro pro Flüchtling und Unterrichtsstunde

Es dreht sich in den Kursen nicht nur um Sprache und Kultur, sondern auch darum, Aggressionen aufzufangen, Menschen aus schwierigen Lebensumständen zu betreuen, so Büren von der VHS. „Wünschenswert wären kleinere Kurse mit höchstens 18 Teilnehmenden, es können aber tatsächlich bis zu 25 Teilnehmende sein”, erklärt Rodemann. Die Kosten, die das Bamf erstattet, liegen allerdings bei 3,90 pro Stunde und Person gedeckelt. Und ganz vorsichtig fügt sie hinzu: „Es gibt für viele eine Verpflichtung, an den Inte-grations- und Sprachkursen teilzunehmen, und dem kommen die meisten Teilnehmenden auch nach. Eine Sanktion kann aber zum Beispiel bei hohen Fehlzeiten ein sinnvolles Signal sein.”

Wie Natalie Bußenius aus der Bamf-Pressestelle auf Anfrage mitteilt, können je nach Zuständigkeit von Ausländerbehörden, Trägern der Grundsicherung oder von Leistungen nach Asylbewerberleistunggesetz das Arbeitslosengeld II in einem ersten Schritt um 30 Prozent gekürzt werden oder es sind Bußgelder fällig. Alleine: Nach Auskunft vieler Bildungsträger kommt es viel zu selten zu solchen Maßnahmen.