Integration durch Bildung

Migranten an Bonner Schulen gerechter verteilen

Die Gotenschule unterrichtet fast 64 Prozent Kinder mit Migrationshintergrund. Leiterin Sabine Kütten (hinten, 3.v.r. bei der Übergabe einer Bücherkiste des Vereins "Kultur verbindet") sieht darin eine Chance.

Die Gotenschule unterrichtet fast 64 Prozent Kinder mit Migrationshintergrund. Leiterin Sabine Kütten (hinten, 3.v.r. bei der Übergabe einer Bücherkiste des Vereins "Kultur verbindet") sieht darin eine Chance.

22.06.2015 BONN. Einige Bonner Schulen haben 85 Prozent Kinder mit Migrationshintergrund, bei anderen sind's glatte null Prozent. Grund für die Jamaika-Koalition im Schulausschuss, für eine ausgewogeneres Mischung einzutreten. .

Da strahlten sie um die Wette, Zweitklässler der GGS Gotenschule. Vom Verein "Kultur verbindet" hatten sie in einem Lesepatenprojekt Bücher geschenkt bekommen. Rektorin Sabine Kütting gratulierte. Ihre städtische Grundschule unterrichtet im Vergleich zu den umliegenden Schulen mit fast 64 Prozent einen sehr viel höheren Prozentsatz an Kindern mit Migrationshintergrund. Weil eben wohl die meisten Muslime des Quartiers die Bedingungen der katholischen Nachbarschulen nicht unterschreiben wollten, vermutet Kütting. Und doch wäre sie mit ihrem engagierten Team wohl die letzte, die darüber klagen würde.

Lebhaft berichtet Kütting über all die sprach- und religionsübergreifenden Unterrichts-, Sport- und Theaterprojekte, die international begangenen Feste und das vom Land geförderte Lernen in sprachheterogenen Klassen. "Wir sehen unsere Vielfalt als Chance, als Bereicherung." Daran müsse man aber natürlich auch hart arbeiten und auf die Familien zugehen, fügt Kütting dann noch ernst hinzu.

Das muss man andernorts noch stärker. Denn in Bonn gibt es Schulklassen, in denen sitzen nach GA-Informationen sogar gut 85 Prozent Kinder mit Migrationshintergrund - und in anderen glatte null Prozent. Es gibt Stadtteile, da besuchen fast 50 Prozent Schüler mit Zuwanderungsgeschichte ein städtisches und, nur ein paar Hundert Meter davon entfernt, weit unter einem Prozent von ihnen ein Privatgymnasium.

Ein anderes Beispiel: Nur ein paar Straßen trennen zwei Grundschulen, in denen hier 74 Prozent und dort nur 27 Prozent Migrantenkinder lernen. Das alles hat der Landesbetrieb Information und Technik (IT) NRW in seiner neuesten Schülerstatistik 2014/2015 ermittelt, die nicht öffentlich ist, "damit nicht Rückschlüsse auf Personen gezogen werden können", so das Presseamt.

Die detaillierten Zahlen sind Grundlage eines Antrags, mit dem die Jamaika-Koalition im Schulausschuss für "eine ausgewogenere Schülerverteilung" eintritt. "Für eine gelingende Inklusion sind diese Extrema in der Verteilung negativ", so urteilen CDU, FDP und Grüne einstimmig. Der SPD, der Linken und dem Bürger Bund Bonn ging der Antrag jedoch nicht weit genug. Die Opposition enthielt sich somit der ansonsten einstimmigen Abstimmung.

Die Koalition will nun die Verwaltung beauftragen, bei allen Schulen, die weniger als 20 Prozent oder mehr als 60 Prozent Migrantenkinder betreuen, zu hinterfragen, "wie sich die Werte ergeben und welche Überlegungen angestellt werden, um diese Situation zu ändern".

Wobei, das muss angemerkt werden, der Begriff "Schüler mit Zuwanderungsgeschichte" in der Statistik weit gefasst ist: Er schließt sowohl die aus dem Ausland neu Zugewanderten wie im weitesten Sinne auch diejenigen mit nur einem Elternteil, das nicht in Deutschland geboren wurde, ein. Man wolle erreichen, dass die Lasten gerechter verteilt werden, erläutert Peter A. Spyra, CDU, den Antrag auf GA-Anfrage. "Natürlich geht das nur dann, wenn die Schulen auf diesem Weg mitgenommen werden und sie überzeugt sind, dass Migration eine Bereicherung darstellt. Hierzu können Politik und Verwaltung beitragen." Die Koalition wolle aus den Zahlen Konzepte entwickeln und auch mit den Eltern, die die Schulwahl vornehmen, ins Gespräch kommen.

Die Schulausschussvorsitzende Dorothee Paß-Weingartz (Grüne) reagiert ebenso betroffen: Schulen nähmen vor allem stadtteilbedingt, manche auch aus Überzeugung bis zu 85 Prozent Kinder mit Migrationshintergrund auf, "und andere lehnen sich vornehm zurück und sind dann Zielschulen für das Bildungsbürgertum oder für die, die sich dafür halten." Aber gerade in einer internationalen Stadt mit der Zukunftsaufgabe, Flüchtlinge weiter zu integrieren, müsse Integration durch Bildung eine Aufgabe für alle Bonner Schulen sein.

Auf das doch bindende Prinzip ausgewogener Klassenzusammensetzungen weist auch Ulrich Meier für die Stadtschulpflegschaft hin. Den Antrag der Koalition sieht er aber skeptisch. "Das ist ein zu einfacher Lösungsansatz. Er wird der Komplexität des Problems nicht gerecht." Vor allem müssten Konzepte und stützende Maßnahmen her. (Ebba Hagenberg-Miliu)