Urteil am Bonner Landgericht

Mehrjährige Haftstrafe für Haribo-Erpresser

Bonn. Ein 74-jähriger Rentner ist wegen der versuchten räuberischen Erpressung von Haribo, Lidl und Kaufland zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt worden. Er selbst äußerte in seinen letzten Worten der Verhandlung sein großes Bedauern.

Das Entsetzen steht dem 74-Jährigen ins Gesicht geschrieben, als er das Urteil hört: Die 1. Große Strafkammer verurteilt den Rentner aus Dortmund, der 2016 die Bonner Firma Haribo und die Unternehmen Kaufland und Lidl um insgesamt mehr als zwei Millionen Euro erpressen wollte, wegen versuchter räuberischer Erpressung in drei Fällen, in einem Fall tateinheitlich mit Sachbeschädigung, zu drei Jahren und neun Monaten Haft. Obwohl der 74-Jährige, wie er dem GA vor dem Urteil sagte, mit Freiheitsentzug rechnete, da der Ankläger vier Jahre und vier Monate Haft gefordert hatte, so hoffte er doch bis zuletzt auf Milde.

„Es tut mir sehr leid, was ich getan habe, es war eine große Idiotie“, beteuerte der Mann in seinem letzten Wort vor dem Urteil. Das nimmt ihm das Gericht zwar ab, aber vor dem Gefängnis bewahrt diese Reue den 74-Jährigen nun dennoch nicht. Denn die Strafkammer ist sicher: Altersarmut war nicht das alleinige Motiv für die Erpressungen, sondern Ziel sei es auch gewesen, „cleverer zu sein als andere Erpresser“, wie Kammervorsitzender Hinrich de Vries im Urteil sagt und erklärt: Wäre es nur eine Verzweiflungstat aus Altersarmut gewesen, wäre der Rentner vielleicht mit Bewährung davongekommen.

Aber er habe weitergemacht, als es beim ersten Mal nicht geklappt habe – und seine Drohungen mit Zyankali-Anschlägen noch verstärkt und die geforderten Summen erhöht. An dem verhängnisvollen Tag im August 2016, an dem der 74-Jährige, der nur 180 Euro Rente erhält und mit seiner Frau zusammen monatlich 1200 Euro hat, mit nur noch drei Euro im Geschäft stand, fiel ihm das Paar ein, das Lidl vergeblich mit einer Bombendrohung erpresst hatte. Er dachte an seine Schulden, an die defekte Heizung und das kaputte Auto und wusste nicht mehr ein noch aus.

Warnhinweise "Achtung Gift" auf Gummibärchentüten

Da kam der Mann auf die Idee, es auch mit Erpressung zu versuchen – aber geschickter. Er kaufte Buttersäure, verteilte sie in Kühltheken von neun Lidl-Filialen, schickte Mails von getarnten IP-Adressen und forderte 200.000 Euro, zahlbar in Bitcoins und via Internet. Als Lidl nicht reagierte und er das Gefühl hatte, nicht ernst genommen zu werden, beschloss er, massiver vorzugehen – bei Haribo und Kaufland. Er klebte Warnhinweise an Gummibärchentüten und andere Waren mit „Achtung Gift“ und schickte mehrmals Mails mit der Drohung, er werde Waren mit Zyankali vergiften, wenn nicht eine Million gezahlt werde. Er schrieb in falschem Deutsch und unterschrieb mit Allahu Akba, um eine falsche Spur zu legen. Bei einer Mail vor Weihnachten unterlief ihm jedoch ein Fehler: Er benutzte seine eigene IP-Adresse. Am frühen Heiligabend wurde er bei einer Kurierfahrt, mit der er sich etwas dazu verdiente, in Würzburg gefasst und gestand sofort.

Zwar hält das Gericht ihm zugute, dass er bisher unbescholten, in seinem Alter als Erstverbüßer besonders haftempfindlich ist und seit Bekanntwerden seiner Tat von seiner Familie geächtet werde. Als strafschärfend hält ihm der Richter jedoch vor, sehr raffiniert und mit hoher krimineller Energie vorgegangen zu sein. Verteidiger Thomas Ohm kündigt Revision an. Er wolle nun erreichen, dass der 74-Jährige die Haft heimatnah im Offenen Vollzug verbüßen könne.

Der 74-Jährige ist sichtlich am Boden zerstört, als er das Gericht verlässt. „Ich weiß nicht, wie ich das meiner Frau beibringen soll“, sagt er. Die hatte vom Treiben ihres Mannes keine Ahnung.