Zehn Jahre Hilfe in Bonn

MediNetz fängt Flüchtlinge auf

Im Gespräch: Imke Krahl von MediNetz (von links) mit Barbara Pitzen und Hanna Liese.

BONN. Ihre Schwangerschaft konnte die junge Frau nicht genießen, sich nicht freuen auf eine Zukunft mit Kind. Jeder Schritt aus dem Haus war gefährlich, jede Fahrt mit der Straßenbahn vielleicht das Ende ihres Lebens hier in Deutschland.

Das Baby hat sie allein, ohne ärztliche Hilfe in der Wohnung bekommen müssen - und all das, weil sie aus Ecuador stammte und keinen deutschen Pass hatte.

Fälle wie dieser führte zur Gründung von MediNetzBonn, einer medizinischen Beratungs- und Vermittlungsstelle für Flüchtlinge ohne Papiere, wie Sigrid Becker-Wirth schildert. Am Wochenende feierte die Institution im "Kult 41" zehnjähriges Bestehen und stellte bei einer Podiumsdiskussion, in einem Kurzfilm und bei der anschließender Feier ihre Arbeit vor.

Für Becker-Wirth war der Geburtstag aber nicht nur Grund zur Freude: "Es kann nicht sein, dass für Menschen wie diese Familie aus Ecuador Krankheit in Deutschland zur Katastrophe wird. Deswegen wollten wir damals aktiv werden. Aber unser Ziel, uns auf lange Sicht überflüssig zu machen, haben wir leider nicht erreicht. Noch gibt es keinen anonymisierten Krankenschein in diesem Land".

Auch wenn die großen politischen Folgen ihres Engagements bislang ausgeblieben seien: Das Netz, das Sigrid Becker-Wirth in den Folgejahren um den Verein gesponnen hat, ist immer dichter geworden, das zeigt schon die große Zahl der Besucher und Unterstützer an diesem Abend. Inzwischen seien es in und um Bonn rund 70 Praxen mit über 80 Medizinern und Heilberuflern, die bereit sind, Menschen ohne Papiere zu behandeln. So hätten etwa 4000 Flüchtlinge medizinische Hilfe erfahren, 56 Schwangerschaften konnten begleitet werden, wöchentlich kämen immer noch bis zu zehn Menschen in die Sprechstunde des MediNetz.

Hanna Liese, Bonner Allgemeinmedizinerin, kann die Frage aus dem Publikum, warum sie sich im Verein beteilige, einfach beantworten: "Wir haben einen Eid geschworen. Es gibt keine Menschen zweiter Klasse, wir müssen allen helfen". Ziel sei immer gewesen, den Menschen Würde zurückzugeben und ihnen zu ihrem Grundrecht auf medizinische Versorgung zu verhelfen. Damit Behandlungen Illegaler nicht augenblicklich in Abschiebungen resultierten, berät Rechtsanwältin Barbara Pitzen den Verein. In Deutschland dürften die erkrankten Flüchtlinge meist nur bleiben, wenn sie nicht transportfähig seien oder wenn eine Behandlung im Herkunftsland unmöglich ist. "Dass sich in der Gesetzgebung bald etwas bewegt, sehe ich nicht. Deshalb ist MediNetz umso wichtiger - als Stachel im Fleisch einer allzu bequemen Gesellschaft".

Erfolge des Vereins gebe es aber dennoch: So hat sich zum Beispiel auch ein Runder Tisch für Menschen ohne Papiere in Bonn etabliert. Aber "es gibt noch so viel zu verändern in diesem Land, für diese Menschen", so Ulrich Kortmann, der erste Vorsitzende, zum Abschluss der Diskussion. "Man ist nicht krank und muss nicht zum Arzt gehen, wenn man da noch Visionen hat." Bei MediNetz hätten die Ärzte die Visionen.