Interview mit Bonner Musiker

Materna: Jazz spielt auf einmal eine wichtige Rolle

Musiker und Macher: Peter Materna bei einem Auftritt im Bonner Kunstmuseum.

Musiker und Macher: Peter Materna bei einem Auftritt im Bonner Kunstmuseum.

Vom 17. bis 31. Mai 2019 bietet das Jazzfest Bonn, das seit 2010 einmal jährlich in Form von Doppelkonzerten stattfindet, wieder ein erstklassiges Programm.

Herr Materna, 2010 fand das erste Jazzfest statt. Damals an vier Tagen mit einem recht übersichtlichen Programm. Erinnern Sie sich an die Reaktionen, als Sie Ihre Idee für ein Jazzfest in Bonn ansprachen?

Peter Materna: Die waren durchweg positiv.

Es hat Sie keiner belächelt?

Materna: Nein, überhaupt nicht! Die Idee hatte ich schon 2002 nach einem Gespräch mit dem damaligen Kulturdezernenten Ludwig Krapf. Aber ich war dann so viel unterwegs, unter anderem mit der Kelly Family, und hatte so viel zu tun, dass es erst einmal liegenblieb. 2008 habe ich mit der Umsetzung begonnen. Und die Idee kam überall unglaublich gut an. Allgemein war man der Ansicht, dass das zu Bonn passt. Die spontane Reaktion einer meiner Sponsorinnen damals: Endlich kommt mal einer mit einer guten Idee!

Der Jazz fehlte noch als feste Größe in der Stadt?

Materna: Ansonsten war man ja gut aufgestellt. Das war die Zeit, in der das Theater und die Operninszenierungen sehr gut angenommen wurden, das Beethovenfest lief hervorragend. Das einzige, was fehlte, waren Jazzthemen, die auf der größeren Bühne und in einem größeren Zusammenhang stattfanden.

Hätten Sie gedacht, dass das Jazzfest in nicht mal zehn Jahren einen so guten Namen haben und international beachtet würde? 2018 haben das renommierte US-Jazzmagazin Downbeat und etliche britische Magazine über Sie berichtet.

Materna: Nein, das hätte ich nicht gedacht. Aber ich bin auch nicht mit diesem Ziel angetreten. Ich wollte ein gutes Festival machen, das seine Strahlkraft über Bonn hinaus entfaltet. Aber es gab keine Zielmarken. Ich wollte einfach ein tolles Programm präsentieren und die Menschen dafür begeistern.

Sie haben von Anfang an auf das Konzept der Doppelkonzerte gesetzt, bei denen Sie junge Nachwuchsmusiker mit Jazz-Größen präsentieren. Warum?

Materna: Das war mein Herzenswunsch. Ich bin selbst ja Musiker und weiß deshalb, wie schwer es ist, wahrgenommen zu werden, wenn man noch keinen Namen hat. Jeder hat mal ohne Namen angefangen – es sei denn, man heißt Kyle Eastwood. (lacht)

Das Konzert ist wahrscheinlich schon ausverkauft?

Materna: Die Tickets waren schon am ersten Tag weg. Aber die Kinder berühmter Eltern haben ein anderes Problem. Die müssen erst beweisen, dass sie was können. Die Doppelkonzerte – dieses Jahr haben wir sogar einen Trippelkonzertabend – haben sich bewährt, weil die Zuschauer die Möglichkeit haben, zum Bekannten auch echte Neuheiten zu entdecken.

Einzelkonzerte sollen also die Ausnahme sein?

Materna: Das hat es mit Brad Mehldau 2017 erstmals gegeben. Erstens war das sein Wunsch. Außerdem war es mir wichtig, ihn nach Bonn zu bekommen, weil er meiner Ansicht nach der zurzeit wichtigste Pianist ist. Und der Abend in der Oper hat mir Recht gegeben. Die Leute reden heute noch davon.

Woran orientieren Sie sich beim Programm?

Materna: Ich versuche, einen roten Faden zu haben, der sich aber vornehmlich an der Authentizität der Programme und der hohen Qualität orientiert. Und ich versuche möglichst so zu programmieren, dass ich viele Menschen erreiche.

Wer hat Sie in all diesen Jahren am stärksten beeindruckt?

Materna: Das kann ich gar nicht sagen. Bei jedem Festival gibt es Konzerte, nach denen ich hinterher auf Wolke Sieben schwebe. Ich entdecke jährlich mindestens fünf bis sieben Inspirationen, die hinterher noch lange in mir arbeiten.

Zum Beispiel?

Materna: Dieses irre Duo von Richard Beirach und David Liebman.

Im Beethovenhaus. Stimmt, ein unvergessliches Erlebnis. Und dann gibt es ja auch Künstler, die mit dem Jazzfest gewachsen sind. Zum Beispiel Michael Wollny, der mal im kleinen Leoninum mit kaum 100 Plätzen angefangen hat und mittlerweile das Telekom-Forum mit 1000 Plätzen ausverkauft.

Materna: Genauso definieren wir uns: Wir wollen Künstler pushen. Michael spielt mittlerweile in der ausverkauften Elbphilharmonie.

Und wer ist der nächste Große? Was ist mit Pablo Held?

Materna: Er ist auf einem sehr guten Weg, macht superschöne, sehr interessante Produktionen. Er wagt viel, probiert, ist vielseitig – ein ganz großer Musiker.

Was hat sich für Sie als Festivalmacher verändert? Ist es mittlerweile einfacher, internationale Stars zu bekommen?

Materna: Auf jeden Fall! Als ich angefangen habe, sind meine E-Mails von großen Agenturen gar nicht beantwortet worden. Das Spiel hat sich umgedreht: Ich beantworte so viel ich kann, schaffe es aber nicht, allen mehr als 10 000 Bewerbungen jedes Jahr zu antworten. Das Jazzfest ist zur Marke geworden, so dass die Anfragen geradezu explodieren. Es ist für mich heute kein Problem mehr, mit den Managern der Superstars zu reden.

Etablierte Festivals wie die in Frankfurt oder Berlin schrumpfen eher, werden zum Teil nicht mehr beachtet. Sie wachsen immer mehr. Was machen Sie richtig?

Materna: Ich sage jetzt mal ganz frech: Wir sind professionell. Das sind die anderen teilweise zwar auch, aber wir sind niemandem, zum Beispiel keinem Sender, unterstellt. Auch wenn wir unser Büro in der Deutschen Welle haben: Wir gehören nicht der DW. Wenn Sie Teil des Kulturamts sind und das Festival eines von vielen Themen ist, das Sie bearbeiten, ist es schwer, sich damit zu identifizieren.

Ist es ein Unterschied, dass Sie als Musiker Intendant eines Festivals sind?

Materna: Unbedingt! Ich weiß, wovon ich rede, wenn ich jemanden „einkaufe“. Ein Intendant am Theater muss auch wissen, wovon er redet. Viele Jazzfestivals sind angedockt an große Radiosender oder werden im eigenen städtischen Haus organisiert. Wir dagegen haben wirtschaftlichen Druck, und müssen gut arbeiten, damit unsere Sponsoren uns mögen. Das heißt, wir sind völlig frei in unserer Künstlerwahl und müssen uns jedes Jahr beweisen.

Sie müssen nichts absprechen mit Kooperationspartnern oder großen Sponsoren?

Materna: Wir müssen uns nach niemandem richten. Wir müssen nur gut arbeiten. Mit den Sponsoren haben wir eine vertrauensvolle Basis. So wie sie sich uns gegenüber verhalten, ist das ein einziger Genuss, sie an Bord zu haben. Inhaltlich reden sie uns nicht rein. Sie sind eine große, große Hilfe.

Haben Sie von Anfang an auf die finanzielle Unterstützung aus der Privatwirtschaft gebaut?

Materna: Ich habe darauf gehofft, weil wir es sonst nicht anders hätten finanzieren können. Mir war wichtig, dass wir die Kosten für das Festival gedeckt kriegen. Da die Erlöse aus den Ticketverkäufen nicht ausreichen, um die Kosten zu decken, sind wir auf Unterstützer angewiesen.

Wie hoch ist Ihr Budget?

Materna: Das bewegt sich zwischen 500 000 und 600 000 Euro.

Was bedeutet Ihnen die finanzielle Unterstützung durch die Stadt? Der Zuschuss wurde ja von 25 000 Euro ab diesem Jahr auf 40 000 Euro erhöht. Im Gegensatz zur „etablierten Kultur“ ist das nicht gerade viel.

Materna: Für mich ist die Verbindung zur Stadt und die Verankerung in der Stadt immens wichtig. Das gilt nicht nur für die institutionelle Förderung, sondern auch für die sonstige Zusammenarbeit.

Das Kulturkonzept der Stadt sieht Sie als wichtige Säule im Kulturbild Bonns. Tut die Stadt genug, um Sie dauerhaft an sich zu binden und weiter aufzubauen?

Materna: Ich musste in den vergangenen Jahren lernen, dass es nicht einfach ist, Unterstützung zu bekommen. Ich glaube aber, dass die Stadt das tut, was ihr möglich ist. Natürlich wünscht sich jeder mehr Unterstützung, vor allem finanzielle. Ich denke, dass Geld in die Kultur zu „investieren“ eine nicht zu unterschätzende Bedeutung hat. Gerade heute.

Warum?

Materna: In einer Zeit, in der Rassismus aufflammt, wo Ausgrenzung stattfindet, wo Datendiebstahl und vieles mehr übers Internet einhergeht, wo es immer mehr geopolitische Verwerfungen gibt, ist gut funktionierende Kultur ein Medium, das dafür sorgt, dass die Menschen aufeinander zugehen und wieder miteinander reden. Die öffentliche Hand ist sehr gut beraten, in Kultur zu investieren.

Wie stark ist der Druck aus Köln? Der Stadtgarten, einer der wichtigsten Jazz-Orte weltweit, wird immer stärker ausgebaut. 2017 erhielt er vom Land NRW und von der Stadt Köln jeweils 200 000 Euro, seit 2018 sind es jeweils 300 000 Euro. Damit sollen sie den Stadtgarten zum Europäischen Zentrum für Jazz und aktuelle Musik entwickeln. Wie beobachten Sie das?

Materna: Ich bekomme die Gespräche teilweise mit, zum Beispiel über die Bundeskonferenz Jazz, wo wir alle an einem Tisch sitzen. Außerdem kommuniziere ich auch eng mit dem Land. Ich freue mich wahnsinnig über so was, weil das in die richtige Richtung geht. Und Reiner Michalke, der das Programm im Stadtgarten macht, bietet dadurch so viele tolle Konzerte an. Das ist großartig, und es wird angenommen. Es ist ein ständiger Input, und siehe da: Das Thema Jazz spielt auf einmal in der regionalen Gesellschaft eine wichtige Rolle.

Und Köln hat sich zur Jazzmetropole entwickelt. Inwieweit kann das, was in Köln passiert, Sogkraft haben auf das Jazzfest Bonn?

Materna: Ich sehe uns als eine Region, nicht nur als Köln/Bonner Region, sondern als Nordrhein-Westfalen. Köln und Bonn wachsen kulturell ja immer weiter zusammen. Wir haben viele Besucher aus Köln. Ich stelle fest, dass das Liveerlebnis ein Comeback erlebt. Die Menschen wollen nicht nur Musik streamen, sie wollen sie erleben. Und je mehr hochklassiges Angebot es gibt, umso besser ist es.

Könnte es in Zukunft ein Jazzfest Köln/Bonn geben?

Materna: Das ist es ja in gewisser Art schon. Ich habe immer wieder Kölner Musiker im Programm.

Gibt es Angebote aus der Domstadt, Sie stärker an Köln zu binden?

Materna: Ja, die gibt es immer wieder…

Im zehnten Jahr gibt es etwas ganz Besonderes beim Jazzfest Bonn. Für 2019 haben Sie ein Open-Air-Event in der Innenstadt angekündigt. Ein überfälliger Schritt, oder?

Materna: Ja! Wir hatten leider nie die Mittel dazu. Ich wünschte mir immer, dass wir uns das leisten könnten. Als die 40 000 Euro von der Stadt zugesagt waren, habe ich mir gesagt: Jetzt mache ich es! Ich will es den Menschen geben. Ich will, dass alle am 18. Mai auf den Marktplatz kommen und erleben, was Jazz ist.

Können Sie schon was verraten?

Materna: Ich bin gerade in den Endzügen der Vorbereitung. Mir fehlen noch die Zusagen, daher kann ich noch nichts sagen. Aber vielleicht in einem Monat.

Veranstaltungshinweis: Peter Materna spielt selbst am Mittwoch, 13. März, ab 19 Uhr im Rahmen der NEES concert hour mit dem amerikanischen Pianisten Marc Copland. Tickets gibt's bei Bonnticket und den GA-Shops.