Kunst!Palast

Martin Noël, Nils Landgrens "Funk Unit" und ein Skandinavien-Gipfel

Bonn. Es hätte so ein schönes Sommermärchen werden können, wenn "wir" mit "unserem" Ball "Teamgeist" 2006 Fußballweltmeister geworden wären. Es war trotzdem ein tolles Fest. Auch ohne Titel.

Vielleicht hätte der Siegerball so aussehen müssen, wie ihn der Ende 2010 erst 54-jährig gestorbene Bonner Künstler und Fußballfan Martin Noël sich ausgemalt hat. Besser: Wie er ihn bemalt hat. 2006 entstanden drei "Teamgeist"-Bälle von Noël, auf denen er seine neuen Farben ausprobierte: Rosa, Hellblau, ein geradezu ausgelaugtes Lindgrün.

Die Nummer zwei der "Teamgeist"-Serie taucht jetzt an prominenter Stelle wieder auf: Sie ziert nicht nur das Album von Noëls Freund Nils Landgren und seiner "Funk Unit", das nicht zufällig "Teamwork" heißt; sie findet sich auch auf dem Katalog von ACT, dem Echo-prämierten "Jazz Label des Jahres" 2010 bis 2012.

Noëls so schöne und formal ausgereifte wie überraschungsträchtige und experimentell suchende Kunst findet sich auf etlichen Covers von ACT: CDs von Lars Danielsson und Leszek Mozdzer, Wolfgang Haffner und Nguyên Lê, Ulf Wakenius und immer wieder Landgren halten die Erinnerung an den Maler wach.

Es ist riskant, den Bogen von der Kunst zur Musik zu schlagen und dabei den Sport zu streifen. Bei Noëls "Teamgeist II" zu Landgrens "Teamwork" gelingt das spielend. Landgrens "Funk Unit" ist ein Garant für rasantes Kombinationsspiel, für atemberaubende Doppelpässe zwischen Landgrens roter Posaune und dem satten Bass von Magnum Coltrane Price, dem Saxofon Markus Lindgrens und der Trompete von Sebastian Studnitzky.

Antreiber bei diesem packenden Spiel ist Robert Ikiz am Schlagzeug, eine Cameo-Rolle hat Startrompeter Till Brönner mit einem Solo in der treffenden Nummer "Rhythm is our Business". Weitere Gäste sind Joe Sample und Wilton Felder. "Teamwork" ist eine der besten Produktionen dieser seit 2010 spielenden Formation um Landgren.

Das funkige Rhythmus-Gerüst steht, die präzisen Bläsersätze pumpen Energie hinein, dann kommen Landgrens satte Posanunen-Soli und seine vergleichsweise dünne, aber sehr ausdrucksvolle Stimme, die durch die souligen Organe von Magnum Coltrane Price, der Mitproduzent ist und eine Reihe von "Funk Unit"-Nummern geschrieben hat, Jonas Wall, Magnus Lindgren und Andy Pfeiler wunderbar ergänzt wird.

Vielseitigkeit ist Trumpf: "Teamwork" bietet aufpeitschende Tanznummern, schmachtende, hoch gefühlige Stücke für einen lauschigen Sommerabend, mixt innovative Improvisationen mit einem unglaublich groovenden Retro-Drift zu den 70ern, den Crusaders, der Funk-Ikone George Clinton.

Wie dieses Album entstand, das Ende August auch in einer Vinyl-Edition herauskommt, schildert Landgren: "Der Aufnahme sind stundenlange Jams vorausgegangen. Wie haben drauflosgespielt und das Aufnahmegerät mitlaufen lassen. Magnum Coltrane Price und Robert Ikiz zimmerten das Groove-Fundament, das uns zu Melodien und Bläser-Riffs inspirierte." Kein Wunder, dass "Teamwork" wie live klingt.

Und ein bisschen schade ist, dass Landgren zwar am 11. August im Bonner Kunst!Palast spielt, aber eben nicht mit den wilden Jungs von der "Funk Unit". Das unter dem Motto "Scandinavian Music Festival" stehende Konzert folgt einem anderen Konzept. Opener ist der fantastische Jazz-Pianist Iiro Rantala.

Dann kommt Landgren mit Gästen der Extraklasse: Mit dem immer noch jungen Michael Wollny hat er eines der ganz großen Talente am deutsche Jazzpianisten-Himmel an seiner Seite, mit Wolfgang Haffner den prominentesten Schlagzeuger der Szene und mit Tim Lefebrve einen ausgezeichneten Bassisten.

Von Wollny hat ACT einen spannenden Mitschnitt vom JazzFest Berlin herausgebracht, der die ganze Bandbreite des Ausnahmepianisten aufs Schönste präsentiert. Haffner ist ebenfalls bei ACT vertreten. Ein Hörerlebnis ist sein Album "Heart of the Matter" mit einer zauberhaften Version von Lionel Richies "Hello".

Für viele Bonner dürfte der Finne Iiro Rantala die Entdeckung des Festivals sein: Er ist ein furchtloses musikalisches Urgestein mit Virtuosität und einem großen Herzen für seine "Lost Heroes" wie Esbjörn Svensson und Michel Petrucciani, Bill Evans und Oscar Peterson. Und vor Bachs Goldberg Variationen hat er weder Angst noch Respekt. Ein toller Kerl.