Premiere im Stadtgarten

Manege frei für Circus Roncalli in Bonn

Bonn. 40 Jahre nach der Welturaufführung gastiert der Circus Roncalli mit dem Jubiläumsprogramm erneut in Bonn. Am Sonntagabend fand die erste Aufführung im Stadtgarten statt. Wir haben die Bilder der Premiere.

„Perfektion war kein angestrebtes Ziel, als dieser Tage in Bonn ein Zirkustraum in Erfüllung ging“, begann am 20. Mai 1976 der Bericht im General-Anzeiger zur allerersten Vorstellung des Circus Roncalli auf der Hofgartenwiese. Das Unternehmen wolle als „Intensivstation der Phantasie“ dienen, hieß es weiter.

Daran hat sich nichts geändert, als Roncalli-Direktor Bernhard Paul  41 Jahre später am Sonntagabend die ausverkaufte Gala-Premiere zum Jubiläumsgastspiel im Stadtgarten eröffnete. Doch der künstlerische und artistische Anspruch im nostalgisch mit Glühbirnengirlanden und kirschroten Tüllvorhängen geschmückten Chapiteau ist längst ein anderer. Paul, der sich nur zu Beginn des Abends kurz dankend zu Wort meldete, präsentierte ein zweieinhalbstündiges Programm internationaler Spitzenklasse garniert mit – wie man es von Roncalli erwartet – Luftschlangen, Seifenblasen und einer gelungenen Musikmischung von Rock- und Weltmusik bis hin zu heiteren Wiener Kaffeehausmelodien.

Apropos Wien: Man möchte fast automatisch in diesen breiten Wiener Slang verfallen mit langen Vokalen und etwas gedrosseltem Tempo, sobald man an Jongleuren, Clowns und Possenreißern vorbei die prächtig illuminierte Zirkusfassade passiert und ein Bonbon aus dem großen Blecheimer in den Mund geschoben hat. Es ist eine ganz eigene Kunstwelt, die Bernhard Paul immer wieder aufs Neue kreiert. Ein bisserl K&K-Goldbrokatprunk vermischt sich da mit Motiven aus Alice im Wunderland, der Comedia del Arte und skurrilen Einfällen. So entsteht eine Welt, bevölkert von Kunstwesen in schrägen Kostümen und Fantasie-Uniformen, in der selbst Erwachsene über sorgsam einstudierte Missgeschicke lachen dürfen. Und in der ein Ketchup-Fleck vom „Bratwürstel“ auf der Nase als clowneskes Statement erscheint.

Das Programm bietet viel
 Artistik auf hohem Niveau

Selbst Durchschnittliches hat in dieser Welt seinen Platz und wird vom Publikum begeistert gefeiert. Klein & Groß, die klassische Freiheitsdressur der Roncalli-Pferde von Karl Trunk etwa, bringt vor allem die Kinder zum Jubeln. Zum klassischen Zirkus gehört sie unweigerlich dazu. Auch die KGB-Clowns setzen mit ihrem fallsüchtigen Napoleon auf konventionellen Slapstick der Stummfilm-Ära von Laurel und Hardy und landen damit einen riesigen Hit.

Daneben bietet das Programm viel Artistik auf hohem Niveau in teils wunderschöner Verpackung. Pauls Tochter Vivi hängt mit den Füßen am Luftring und kassiert dafür den ersten Applaus-Orkan des Abends. Ihre Schwester Lili übt sich in der Kunst des Verknotens. Das Trio Czsasar liefert turbulente Salti vom Schleuderbrett mit perfekter Landung auf den Schultern der Mitstreiter. Im zweiten Teil trippelt Yana Pykhova leichtfüßig auf einer mondförmigen Seilwippe bergan, während ihr Partner als Trommler in Uniform den Takt vorgibt. Einige Akte hat Bernhard Paul für Bonn kurzfristig neu besetzt. Aber der japanischstämmige US-Amerikaner Ty Tojo ist weiterhin an Bord. Für seine Nummer reichen fünf weiße Bälle. Doch damit vollführt der 17-Jährige bei seiner Tempo-Jonglage wahre Wunder.

Begeistertes Publikum

Getragen wird das Programm indes vor allem von den Clowns, die alle Spielarten des Genres vom ulkigen Tollpatsch bis zum wunderlichen Bühnen-Poeten ausspielen. Paolo Carillon zaubert mit seinem mechanischen Hund und haucht den selbst gebauten Maschinen mit einem leuchtenden Herz ein eigenes Leben ein. Der Mexikaner Chistirrin und Weißclown Gensi unterhalten besonders in ihrer Musikparodie als mechanische Tanz-Automaten. Das Publikum ist aus dem Häuschen.

Ein innovativer Coup ist dem Zirkus mit der Verpflichtung von Robert Wicke gelungen. Dem jungen Mann aus Hannover im Streifen-T-Shirt und mit Baskenmütze fliegen sofort die Herzen aller Generationen zu. Seinem Körper und einer knisternden Tüte Chips entlockt er mit dem Mikrofon Beats, Geräusche und Musik wie bei einem angesagten HipHop-Konzert, jongliert nebenher ein bisschen und singt mit gebrochenem Stimmchen mit dem Publikum das Abendlied von Matthias Claudius. Der Typ ist cool und knuddelig zugleich und bringt den Roncalli-Traum nach zweieinhalb Stunden mit einem Gutenacht-Liedchen zum kitschig-schönen Ende.