Bonner Kirchen und ihre Schätze

Mahnwachen gegen die "Ketzerei"

TANNENBUSCH. Der Kreuzweg in Sgraffito-Technik von Künstler Ludwig Schaffrath entzweite einst die Sankt-Paulus-Gemeinde

Die Wogen schwappten bis nach Rom. Eine Welle der Empörung rückte den Bonner Stadtteil Tannenbusch plötzlich ins Interesse des ganzen Landes. Was für ein Skandal! Gerade erst war Sankt Paulus als erster Kirchenneubau in Bonn nach dem Zweiten Weltkrieg eingeweiht worden, schon gab es mächtig Ärger, der bis hinter die Vatikanmauern getragen wurde. Selbst von Ketzerei war vor 60 Jahren die Rede.

Während die einen eine sofortige Entfernung forderten, reisten Kunstinteressierte und Neugierige aus ganz Europa an, um die Werke an Ort und Stelle zu betrachten. "Vielen war die moderne Darstellung des Kreuzweges ein Dorn im Auge", erzählt Franz Hetzel vom Pfarrgemeinderat. Sogar mit Mahnwachen vor der Kirche protestierten Gegner gegen die Arbeit von Ludwig Schaffrath. Dessen Darstellung des Leidensweges Jesu brach mit allen Konventionen. Der in Sgraffito-Technik in den Putz geschnittene Kreuzweg läuft als Bildband an den weißen Wänden entlang. Diese Darstellungsform war im Nachkriegsdeutschland allerdings nur aus der Werbung bekannt.

Sogar der Spiegel berichtete 1955 mit der Schlagzeile "Im Netz der Ketzerei" über den Tannenbuscher Kirchenstreit. Ein wenig Ruhe trat erst ein, als man die abstrakten Darstellungen an der Kanzel mit einem weißen, seidenen Vorhang verhüllte. "Schön oder nicht schön. Diese Arbeiten sind einmalig und damit unser größer Kirchenschatz", sagt Hetzel. Der Grundstein für Sankt Paulus wurde im Dezember 1952 gelegt. Stefan Leuer hatte den Entwurf für das neue Gotteshaus geliefert. Er gehörte zur Avantgarde der jungen katholischen Kirchenarchitekten. Für die Innenausstattung engagierte Leuer mehrere junge, moderne Künstler. Unter ihnen war auch der Maler Ludwig Schaffrath.

In wochenlanger Arbeit ritzte Schaffrath eine Darstellung der vier Evangelisten in die Kanzel und die Darstellung der vierzehn Leidensstationen Christi in den frischen Putz der Seitenwände. In den bewusst einfach dargestellten Kreuzwegstationen sind Legionäre und Pharisäer nur in Konturen gezeichnet. Jesus, Maria oder der Jünger Johannes bekamen hingegen Gesichtszüge. Es dauerte nicht lange, bis Forderungen laut wurden, die Arbeiten an Wänden und Kanzel zu verputzen. Das Kölner Generalvikariat stellte dafür jedoch kein Geld bereit, denn dort gab es durchaus Unterstützer der modernen Kirchenkunst. So wurde der Antrag des Kirchenvorstandes, Schaffraths Werke zu übertünchen, abgelehnt, ein Vorhang an der Kanzel jedoch gebilligt. Heute existiert der Streit, der die Gemeinde damals in zwei Lager teilte, nur noch in den Annalen der Gemeinde.

Mit der Ernennung Bonns zur provisorischen Bundeshauptstadt entwickelte sich in Tannenbusch ein reger Bauboom. Für die vielen Beamten der Regierungsbehörden und ihre Familien, die an den Rhein versetzt wurden, musste neuer Wohnraum geschaffen werden. Hand in Hand ging damit auch die Entwicklung der Kirchengemeinde einher. Der Grundstein für den ersten Bonner Kirchenneubau seit Ende des Zweiten Weltkriegs wurde am 7. Dezember 1952 gelegt. Gotteshaus, Pfarrhaus, Jugendräume, Kindergarten und Glockenturm wurden als einheitliches Ensemble geplant. Alle Außenwände sind in Backstein errichtet.

Ohne störende Stützen wird der Blick in der hellen Kirche gleich auf den schlichten Altar gelenkt. Darüber schwebt ein imposantes Kreuz aus Bronze. Altar und Taufstein sind aus rotem Sandstein gearbeitet. Der vergoldete, mit Bergkristallen besetzte Tabernakel und das Altarkreuz in rotem Emaille mit weißem Elfenbeinkorpus, sowie die Altarleuchter entwarf Goldschmied Fritz Schwerdt. Die kupferne Taufsteinhaube und die Sakristeiglocke entstanden nach den Entwürfen von Egino Weinert.

Den rückwärtigen Abschluss des Kirchenraumes bildet das große Bogenfenster, in dem der untere Teil bis zum Boden hin klar verglast ist. Der größere, obere Teil des Fensters wird durch Glasmalereien ausgefüllt. Sie wurden nach den Plänen von Professor Wilhelm Rupprecht gefertigt. Die bildlichen Darstellungen sind in zwei kreuzförmigen Achsen angeordnet. Die Horizontale enthält Heiligendarstellungen, während die Vertikale Lebensstationen der Gottesmutter darstellt.

Seit Weihnachten 1966 läuten drei Glocken im Turm neben dem Kindergarten zum Gottesdienst. "Sankt Paulus bin ich zubenannt, hört alle mich in Stadt und Land. Ich rufe die Menschen zu Gottes Ehr, wie einst bei Damaskus den Paulus der Herr", lautet die Inschrift auf der größten Glocke, die dem Pfarrpatron geweiht ist. Die beiden kleineren sind nach St. Joseph benannt sowie zu Ehren der heiligen Engel.

Sankt Paulus

Nach der Grundsteinlegung im Dezember 1952 wurde die Kirche im Juni 1953 geweiht. Etwas später entstand der frei stehende Glockenturm. Pfarrsaal, Kindergarten und Jugendzentrum waren im April 1959 fertig.

Erste Instandsetzungsarbeiten waren 1963 fällig. Zugleich errichtete man eine Kapelle sowie die Kaplanei im Norden der Kirche. Zu größeren Umgestaltungen kam es bei Renovierungen in den Jahren 1979/1980 und 1994/1995. Dabei wurde das Gemeindezentrum umgebaut.