Anzahl der Kirchenaustritte nimmt zu

Lobbyisten für den Atheismus

Haben der Kirche im vergangenen Jahr den Rücken gekehrt: Kerstin und David Lohmer. FOTO: ANDREAS DYCK

Haben der Kirche im vergangenen Jahr den Rücken gekehrt: Kerstin und David Lohmer.

Region. Wenn Kerstin Lohmer über ihre Zeit in der Kirche nachdenkt, dann sind es keineswegs nur negative Gedanken, die ihr durch den Kopf gehen. Ihre Kommunion, die Firmung, jahrelang war sie Messdienerin, ihre Mutter Organistin und Chorleiterin.

"Ich bin eng mit der Kirche aufgewachsen und habe die schöne Seite des Gemeindelebens erlebt", sagt die 30-Jährige aus Siegburg. Auch ihr Mann David erinnert sich "an das volle Programm Kirche". Als Kind habe er all das "gern mitgemacht und nicht hinterfragt". Doch das ist lange her. Vor gut einem Jahr sind die Lohmers aus der katholischen Kirche ausgetreten.

Warum? Zum einen seien sie nicht gläubig, zum anderen habe es "mehrere Vorfälle im privaten Bereich gegeben", bei denen sich die Kirche sehr unchristlich verhalten habe, sagt der 33-Jährige. "Das war sehr erschreckend, von der Kirche hätte ich da etwas anderes erwartet." So sei zum Beispiel eine Erzieherin in einem kirchlichen Kindergarten schwer krank geworden, doch statt sie zu unterstützen, hätte der Träger gewollt, dass sie nicht länger in der Einrichtung arbeite.

Seine Frau Kerstin berichtet, dass selbst ihre Mutter in der Heimatpfarrei bei Krefeld "Unannehmlichkeiten" bekommen habe, nachdem ihr Kirchenaustritt bekannt geworden sei. Die Lohmers haben sich inzwischen dem Bund der Konfessionslosen und Atheisten angeschlossen. Ihr Ziel: eine Lobby für den Atheismus zu schaffen. Noch immer hätten Menschen in der Gesellschaft Nachteile, wenn sie nicht Mitglied einer Kirche seien. So etwa könnten deren Kinder nicht alle Tagesstätten besuchen.

Zum großen Teil um den materiellen Aspekt ging es Michelle Walker, einer 23-Jährigen aus Swisttal, als sie 2010 aus der evangelischen Kirche austrat. "Ich bin eine eher skeptische Person und hinterfrage alles. Mit der Kirche und dem religiösen Glauben kann ich nur wenig anfangen. Außerdem habe ich ja Kirchensteuer bezahlt, für etwas, wovon ich eigentlich nichts habe. Wenn ich für etwas bezahle, möchte ich auch etwas zurückbekommen. Die Kirche gibt mir nun einmal nichts", sagt sie.

Um das Sparen von Kirchensteuer ging es Ines Wenzlaf eher weniger. Gemeinsam mit ihrer älteren Tochter ist die Mittfünfzigerin aus Forsbach im Bergischen Land im Oktober 2014 aus der evangelischen Kirche ausgetreten. Ihre Begründung: In der Vergangenheit hätten Kirchenvertreter die Menschen aufgrund ihres Wissens immer wieder bevormundet. Die Misshandlung von Kindern durch Kirchenleute liege ebenfalls darin begründet, dass diese mehr Macht über die Menschen gehabt hätten als andere. "Das will ich nicht auch noch unterstützen", sagt Wenzlaf.

Deutliche Worte fand Rodney Perkins, Anfang 20, aus Bonn - er trat im Juni aus der katholischen Kirche aus: "Von mir aus kann die Gesellschaft die harmlosen Traditionen mit christlicher Herkunft aufrechterhalten, aber mit dem Glauben, dem Indoktrinieren von Kindern und dem Rechtfertigen biblisch-fundierter politischer Ideologien muss irgendwann Schluss sein", schrieb er auf der Facebook-Seite des GA.

Wohltätigkeitseinrichtungen könnten effektiver sein, wenn die Einnahmen, die man für Kirche und Kirchentradition ausgebe, auch der Wohltätigkeit zugutekämen. Vor zwei Jahren habe er begonnen, sich "Gedanken um Kirche und Religion zu machen". Aus Rücksicht auf seine Eltern sei er erst eineinhalb Jahre später ausgetreten. Eine kleine Rolle habe insgeheim allerdings auch der Wunsch gespielt, "in einer Kirche zu heiraten mit einer schönen und traditionellen Zeremonie".

Für Oliver C. Thornton, einen Selbstständigen aus Bonn, sei der Brief seiner Bank zur Kirchensteuerabfuhr auf Kapitalerträge der letzte Punkt gewesen, der ihn dazu bewegt habe, "sich einen Tag freizunehmen", um aus der Kirche auszutreten. Dass er zu diesem Zweck zum Amtsgericht habe gehen und Gebühren bezahlen müssen, nennt er "eine unverschämte Hürde". "Die Kirche sollte sich um ihre Mitgliedschaften, Mitgliedsbeiträge und deren Einziehung selber und im Wettbewerb kümmern", schrieb er dem GA.