Bonner Organist und Chorleiter Markus Karas

Leidenschaft für Improvisation

Kantor Markus Karas an seinem Arbeitsplatz: Organist zu sein, ist kein Nischenberuf für devote, todlangweilige Menschlein, lautet seine Devise.

BONN. Leise spielt Markus Karas seine große Klais-Orgel im Münster an. Summend gehen Klangwellen einer Kirchenliedmelodie ins riesige Gotteshaus. Um dann nach und nach zu einem fulminanten Klangteppich anzuwachsen. Denn der Organist und Chorleiter an Bonns katholischer Stadtkirche zieht jetzt im wahrsten Sinne des Wortes an seinem Instrument alle Register.

Donnernd laufen nun Karas Improvisationen des einfachen Kirchenlieds durch den Raum. Klingt die Melodie nicht plötzlich jazzig? Hat sie nicht einen Touch von Pop? Der 53-Jährige freut sich über die überraschten Reaktionen auf der Empore hoch über dem Kirchenschiff. Es gilt Markus Karas silbernes Dienstjubiläum am Münster zu würdigen. "Ich bin hier nicht ein dressierter Affe, der jeden Gottesdienst nur sein Programm abspult. Ich gestalte die Messe mit: mit Kopf, Herz und Verstand", sagt der Maestro selbstbewusst.

Das geborene Nordlicht ist, weil er in Hessen aufwuchs, ein "gefühlter Frankfurter", der nun aber schon über die Hälfte seines Lebens am Bonner Münster beschäftigt ist. Zwei Gottesdienste habe er damals als 28-Jähriger zur Prüfung spielen und eine Chorprobe vor der strengen Jury halten müssen, erinnert sich Karas noch lächelnd. "Und dann wollten sie mich unter den vielen Bewerbern haben." Was mit leichtem Nervenflattern begann, wuchs sich offensichtlich zu einer großen Bereicherung für beide Seiten aus. Der studierte Kirchenmusiker, Komponist, Chorleiter und Dirigent mit Konzertexamen hatte seine erste und dazu noch wunderbare Anstellung. Und das Münster einen Allround-Musikleiter, der neben dem Münster-Chor "BonnSonata", einen vielfach national und international preisgekrönten Frauen-Kammerchor, aufbaute, den Rheinischen Kinder- und Jugendchor leitet und seit 1992 zudem die Funktion des Regionalkantors für das gesamte Stadtdekanat Bonn ausführt.

"Man muss am Puls der Zeit bleiben", nennt Karas als eines seiner Prinzipien, das ihn auch die moderne Kirchen-, aber durchaus auch Unterhaltungsmusik in sein Spiel einbeziehen lässt. "Und ich habe eine Leidenschaft für die Improvisation", fügt der Vater dreier Töchter strahlend hinzu. Alles das nutze er, um mit seiner Musik die Frohe Botschaft zu vermitteln. Die Kirchenmusik sei dafür eine universelle Sprache, in der sich neben christlicher Zuversicht und Hoffnung auch schmerzhafte Erfahrungen wie Trauer und Verzweiflung verarbeiten ließen. Wenn in der Welt Schreckliches passiert sei, werde die Kirchenmusik keine fröhlichen Weisen intonieren. "Wir nehmen durchaus am Tagesgeschehen musikalisch teil."

Und dann setzt er sich wieder an seine Königin der Instrumente. Nein, Organist zu sein, das sei kein "Nischenberuf für devote, todlangweilige Menschlein", hat er zuvor noch gescherzt. Und dann lässt er das Münster wieder von einer Wucht von Klängen erschallen, dass die Besucher hochschauen zur Empore, wo alles andere als ein verhuschtes Männlein in die Tasten haut.