Langer Donnerstag war erster Schritt

Längere Öffnungszeiten sind ein bundesweiter Trend

Die schrittweise Liberalisierung der Ladenöffnungszeiten seit 1989 hat das Einkaufen in Deutschland verändert. FOTO: DPA

Die schrittweise Liberalisierung der Ladenöffnungszeiten seit 1989 hat das Einkaufen in Deutschland verändert. FOTO: DPA

Bonn. In Bonn und der Region dehnen vor allem die Lebensmittelmärkte den Abend aus - und liegen damit bundesweit im Trend.

Das Ereignis war ein Meilenstein, und es liegt inzwischen schon fast drei Jahrzehnte zurück. Am 5. Oktober 1989 endete auch in Bonn das aus heutiger Sicht geradezu mittelalterlich anmutende Zeitalter von Ladenöffnungszeiten, bei denen sich spätestens um 18.30 Uhr die Türen hinter den Kunden zu schließen hatten. Nach dem „langen Samstag“ (ein Mal pro Monat bis 18.30 Uhr) war nun der „lange Donnerstag“ geboren.

Der „Dienstleistungsabend“ ermöglichte es dem Einzelhandel, die Geschäfte zwei Stunden länger offen zu halten. Unter tatkräftiger Mitwirkung der FDP in der damaligen Bundesregierung wurde seinerzeit der erste Stein aus der bis dahin als unumstößlich erscheinenden Ladenschlussmauer gebrochen, mit der Föderalismusreform im Jahr 2006 wurde der Ladenschluss dann Ländersache.

Trend in ganz Deutschland

Doch bereits ein Jahr nach Einführung des „langen Donnerstags“ hatte die Innovation zumindest in den Randgebieten ihren Glanz verloren. Der Hauptverband des Deutschen Einzelhandels (HDE) meldete seinerzeit für den Bezirk Bonn/Rhein-Sieg: Nur ein Zehntel der Inhaber macht von der Möglichkeit Gebrauch, ausgeschöpft wird sie in erster Linie in der Bonner Innenstadt. Das hat sich zumindest in einem signifikanten Punkt verändert, der wenigstens den Lebensmittelhandel betrifft: So hat sich seither die Landschaft der Discounter und Vollsortimenter nicht in erster Linie in der Innenstadt, sondern vor allem in den Bonner Stadtteilen deutlich verdichtet. Ebenso ist das Netz der Filialen von Aldi, Rewe und Co. im Umland dichter geworden. Und auch dort machen die Märkte hinsichtlich der Öffnungszeiten von den Möglichkeiten Gebrauch. Das bedeutet auch hier: Einkaufsmöglichkeiten bis 20, 21 oder 22 Uhr.

Eine Einschätzung des HDE bestätigt diesen Trend für ganz Deutschland: Demnach weist der Lebensmittelhandel mit durchschnittlich über 70 Stunden die längsten Wochenöffnungszeiten auf, die längsten Öffnungszeiten finden sich in den hochfrequentierten innerstädtischen Standorten und den Sonder- und Gewerbegebieten. Bereits vor einigen Jahren fiel eine Gesamtbewertung des HDE durchwachsen aus: Höhere Personalkosten durch Abendzuschläge machten die Ladenöffnung am Abend im Regelfall betriebswirtschaftlich nicht rentabel; zudem wachse mit höheren Personal- und Betriebskosten die Gefahr von Kostendruck und Preissteigerungen, zumal – so der HDE – der Umsatz nicht steige, sondern sich breiter auf den Tag verteile. Auf der anderen Seite erzielten Geschäfte, die ihren Service zeitlich ausdehnen, einen Imagegewinn, der wiederum zur Kundenbindung beiträgt.

Schrumpfung von Zeit und Raum

Und wie wirkt sich der Späteinkauf auf den Menschen aus? Das kommt vermutlich ganz darauf an, zu welchem Zweck sich der Kunde die langen Öffnungszeiten zunutze macht. Wer sich mit dem Ziel der Optimierung ein Zeitfenster zwischen 22.20 und 22.35 Uhr zum Einkaufen im elektronischen Kalender einräumt, um in den Stunden davor noch eine Telefonkonferenz oder Meeting mehr unterzubringen, wird den nächtlich geöffneten Markt kaum als „Entschleunigungsoase“ erleben.

In diesem Falle hätte der Berliner Soziologe Hartmut Rosa Recht, der in einem Buch schreibt: Die beschleunigten Prozesse und Produktivkräfte bewirkten eine Schrumpfung von Zeit und Raum, welche die persönlichen Freiheiten nicht erhöhten, wozu sie ja eigentlich durchaus das Potenzial gehabt hätten. Ebenso gibt es natürlich die Möglichkeit, den Späteinkauf in großer Muße mit dem Ziel des entspannten und bewussten Einkaufens anzugehen – gewissermaßen anstelle des althergebrachten Abendspaziergangs.