Die Szene, zeigt was sie kann

Kunstszene feiert Bonner Saisonstart 2017

Bonn. 15 Bonner Museen, Galerien und Kunstorte feiern den vierten Bonner Saisonstart mit viel Publikum. Ausklang war im Foyer der Bundeskunsthalle.

Ohrenbetäubender Lärm, rhythmisches Geklapper und eine große Frage: Wie kommt der Sound eines nordhessischen Jacquard-Webstuhls an den Hochstadenring? Die Teilnehmer des ersten Rundgangs beim vierten Bonner Saisonstart erfahren im Künstlergespräch zwischen Thomas Bayrle und Bernhard Schreiner Näheres.

Bayrle selber hat 1959 in einer Weberei in Göppingen gearbeitet – „ich war kurz vorm Durchdrehen“. Schreiber berichtet von „Aufnahmen von unfassbarer Qualität“, die beide in Hessen machten und auf Schallplatte bannten. Im Kunstverein konnte man den Auftakt zum neuen Ausstellungsprojekt erleben, das sich der Kunst im Zeitalter künstlicher Intelligenz widmet, Michelle Cottons bislang ambitioniertestes Projekt in Bonn (Eröffnung: 21. September, 19 Uhr).

Blick in die Zukunft

Ein Blick in die Zukunft auch im Kunstmuseum, wo im Rahmen des Saisonstarts die neue Kuratorin der grafischen Sammlung und für Gegenwartskunst, Barbara Scheuermann, schon einmal auf die Schau von Georg Herold einstimmte, die am kommenden Mittwoch, 20 Uhr, eröffnet wird. Hochkarätig besetzte Führungen boten auch die weiteren, am Saisonstart beteiligten Häuser an, die Bundeskunsthalle, das LVR-Landesmuseum, das Akademische Kunstmuseum und quasi gegenüber das Paul-Clemen-Museum der Universität. Die Institutionen der Bonner Nordstadt wurden wie im vergangenen Jahr durch Rundgänge erschlossen – deren Teilnehmerzahl sich im Vergleich zu 2016 mehr als verdreifacht hat.

Teil des Nordparcours war die Fabrik 45, wo sich unter dem Titel „Neon Gray“ ein starkes Duo präsentiert: Christine Steiner mit ihren fotografischen Recherchen in Büros und Sitzungsräumen und Anthony DiPaolas subtiles Spiel im Spannungsfeld von Minimal und Pop-Art – eine sehr konzentrierte, anregende Schau. Wuselig und experimentell geht es dagegen zwei Häuser weiter zu: in der Schaumburg, einer von drei Spielorten des Kunstversorgungsquartiers S.Y.L.A.NTENHEIM, wo das Kollektiv Diletanti Fotografie und Installatives im mehr oder weniger chaotischen Ambiente präsentiert. Musik kommt aus dem mit Graffiti übersäten Klo. „Vorsicht, das ist keine Kunst!“, erfährt das Publikum. Allerlei Gäste hätten das stille Örtchen verziert, heißt es.

Politische Kunst im Künstlerforum

Der Rausch der Eindrücke geht weiter. Im Dialograum Kreuzung St. Helena wird meditativer Sound vom heiseren Tuten von Schiffssirenen begleitet, man hört Knarzen und verfremdeten Gitarrenklang: Pavel Borodins Film „Ship Lock“ entführt das Publikum auf den Jangtse-Fluss in eine Schleuse des Drei-Schluchten-Damms. Kunst und Natur trift auch im gleichnamigen Raum von Cornelia Genschow zusammen: Sie hat den Alanus-Professor Jochen Breme zu Gast, der unter anderem Tierschädel auf ihren skulpturalen Gehalt hin analysiert und weiterentwickelt. Viel los war am Samstag im Künstlerforum in der exzellenten Ausstellung „Away from home“, die vier syrische und einen deutschen Künstler präsentiert, die im Video, mit Karikaturen und Malerei die aktuelle Situation in Syrien spiegeln. Eine Ausstellung, die unter die Haut geht – insbesondere Khaled Al Saais wandfüllende Chronik des Kriegs in Syrien.

Wie in den vergangenen Jahren auch sorgte der Saisonstart 2017 für interessante Einblicke, bot reichlich Gesprächsstoff – und einen Eindruck vom differenzierten Angebot der Bonner Kunstszene, die Politisches ebenso im Programm hat wie preisgekrönte Filme (Videonale im Kunstmuseum), die ästhetischen Analysen zum Plattenbau von Annett Zinsmeister (Gesellschaft für Kunst und Gestaltung), die kontemplative, sehr faszinierende Kunst eines Dirk Salz (Kunstraum 21) oder die format- und raumsprengende Wucht, die Max Frisinger und Felix Oehmann in den wunderbaren Räumen der Galerie Gisela Clement entfesseln.

Es war ein langer, spannender Kunstsamstag für die Bonner. Mit einem kühlen, regnerischen Ende. Das Finale im Persischen Garten fiel aus, dafür tummelten sich am Abend einige Dutzend Kunstflaneure rund um die Weltmusiker Marion & Sobo im Foyer der Bundeskunsthalle – 2016 kamen in einer spätsommerlichen Nacht noch Hunderte aufs Dach.