Lutherkirche in der Südstadt

Krise im Kirchenraum

Südstadt. Form gewordende Farben ergießen sich in den Raum: Die Installation von Paul Schwer in der Lutherkirche in der Bonner Südstadt ist voller Symbolik und lässt viel Platz für Interpretationen.

Die Fenster über der Orgel der Lutherkirche bersten auseinander, ihre Farben ergießen sich in den Kirchenraum, tropfen auf die Besucher nieder – so sieht es aus, wenn Pfarrer Joachim Gerhardt vom Altarraum aus auf die Kunstinstallation blickt, die Paul Schwer dort arrangiert hat. Der in Düsseldorf lebende Künstler hat aus bemalten und durch Hitze verformten PET-Kunststoffplatten Objekte in den Farben jener Fenster angefertigt, die nun in der evangelischen Kirche über den Sitzreihen schweben. Aus dem „Kunstraum“, den schon vor Schwer viele Kreative gestaltet haben, macht er gleichzeitig einen „Krisenraum“.

„Man kann sich dem Kunstwerk nicht entziehen“, stellt Gerhardt fest. Als Pfarrer blickt er immer darauf, und die Elemente hängen teils so tief, dass die Menschen in den Bänken sie berühren können – das geht so weit, dass sie sogar an einigen Stellen die Sicht versperren. Es geht quer, bricht mutig mit den räumlichen Konventionen: „Das passt zu 500 Jahren Reformation.“

„Was die Welt dominiert“

Warum Krisenraum? „Ich glaube, dass die Kirche in einer Krise ist“, sagt der Künstler, und damit meine er alle Konfessionen. Mitglied einer Gemeinde zu sein, sei heute nicht mehr selbstverständlich, wie die vielen Kirchenaustritte zeigten. Die Kunststoffelemente sind farbenfroh, hängen aber an Drahtseilen. Sie sollen „die Verspannung in der Kirche“ symbolisieren. Gleichzeitig sorgen weiße Leuchtstoffröhren mit ihrem kaltem Licht dafür, „dass die Kirche nicht im Farbrausch versinkt“, so Schwer.

Inmitten dieser Symbolik steht eine Leinwand, auf der ein Bild der Reuterstraße zu sehen ist. Schwer hatte einen Film über die Straße gedreht, und daraus ist das Bild entnommen, das ausdrücken soll, „was die Welt dominiert“: zum Beispiel Lärm und Dreck. Weiterhin ist ein Foto von einer Baulücke gegenüber der Lutherkirche zu sehen, ein Einblick in einen unfertigen Neubau, der den Künstler fasziniert hat.

„Der Krisenraum holt die Krise der Gesellschaft in die Kirche“, interpretiert Gerhardt etwas kirchenfreundlicher diese Installation, die die Konfirmanden „Fantasy“ getauft haben. Bei der Vernissage sei sie gut angekommen, berichtet Theo Nürnberg vom Verein Kunstraum Kirche, der das Projekt finanziert. „Auf einige wirkte es verstörend, weil die Teile relativ groß sind und in die Bänke hinein hängen.“ Weitgehend sei die Resonanz positiv. Die Installation begleitet auch die Gesprächsreihe „Luther und die Welt“ anlässlich 500 Jahre Reformation. Sie bleibt bis 2. September in der Lutherkirche und ist dort unter der Woche zwischen 15 und 18 Uhr sowie natürlich rund um die Gottesdienste zu sehen.