Präventionskongress im Telekom Dome

Kongress für Gesundheitsvorsorge startet in Bonn

Bonn. Ab Donnerstag lädt die Gesellschaft für Prävention im Telekom Dome zum Präventionskongress. Am 1. Juni organisiert der GA in der Stadthalle seine erste Vitalmesse.

Professor Mathias Bellinghausen von der Kölner Hochschule für angewandtes Management gehört zum Veranstalterteam eines Präventionskongresses, der diesen Freitag und Samstag jeweils ab 9.30 Uhr im Telekom Dome auf dem Hardtberg stattfindet. Zum Fachkongress werden Vertreter aus Politik, Wissenschaft und Wirtschaft erwartet. Auch Bundesgesundheitsminister Jens Spahn hat sich angesagt. Parallel läuft ein kostenfreies Informations- und Mitmachprogramm für jedermann.

Prävention wird als das Schlüsselthema heutiger Gesundheitsvorsorge angesehen. Warum?

Mathias Bellinghausen: Gründe dafür findet man in aktuellen Untersuchungen über chronische Krankheiten wie Diabetes, Krebs oder Kreislaufbeschwerden. Unsere Lebenserwartung ist statistisch gestiegen. Aber der Leidensdruck durch Faktoren, die uns das Leben erschweren, ist heute noch auf demselben Level wie früher. Diabetes Typ 2 beispielsweise, genannt Altersdiabetes, tritt heute sogar vielfach früher ein, ist also inzwischen eine durch nicht gesundheitsbewussten Lebensstil bedingte Erkrankung, gegen die man sich aber wappnen kann. Neue Untersuchungen zeigen, dass wir chronische Krankheiten mit guter Prävention weiter hinausschieben oder sogar verhindern können und damit unsere Lebensqualität steigern und die Leistungsfähigkeit verlängern.

Wir haben gewisse gesundheitliche Entwicklungen selbst in der Hand?

Bellinghausen: Absolut. Die Folgen des Rauchens sind relativ klar. Bei der Ernährung scheiden sich inzwischen die Geister, was für den Einzelnen gut oder weniger gut ist. Aber was Bewegung betrifft, da ist die Sachlage eindeutig. Unser Körper ist darauf ausgerichtet, sich am Tag zehn bis zwölf Stunden moderat zu bewegen. Und das tun leider die wenigsten von uns noch.

Aber sind nicht besonders die Gene ausschlaggebend für unsere Gesundheit?

Bellinghausen: Das Argument schlechter oder guter Gene stimmt natürlich. Belastbare Studien zeigen aber, dass auch bei einer ungünstigen genetischen Veranlagung ein für die Gesundheit guter Lebensstil statistisch gesehen die Eintrittswahrscheinlichkeit für chronische Krankheiten immer noch geringer hält, als wenn ich gute Gene und einen schlechten Lebensstil habe.

Es reicht also nicht, sich ein bis zweimal die Woche auszupowern?

Bellinghausen: Nein, der permanente Mangel an Bewegung bringt einfach zu viele gesundheitliche Nachteile mit sich.

Sie sind auch Betriebswirt. Prävention bedeutet auch knallhartes Rechnen. Ohne Gesundheitsvorsorge hat unser Krankenversicherungssystem wohl keine Zukunft?

Bellinghausen: Das sehe ich genauso. Wir werden im Durchschnitt immer älter. Die Wahrscheinlichkeit, pflegebedürftig zu werden, steigt immens. Es muss Ziel jedes Einzelnen bis hin zum Bund sein, Leistungsfähigkeit und Gesundheit möglichst vieler Bürger aufrecht zu erhalten. Prävention ist die einzige Alternative.

Beim Bonner Präventionskongress spricht Minister Jens Spahn für den Bund. Wie kriegt man jedoch den Einzelnen dazu, von der Couch hoch zu kommen?

Bellinghausen: Da muss uns ein guter Doppelpass gelingen. Indem wir einerseits die unterschiedlichen Lebenswelten so gestalten, dass sie die Gesundheit fördern und nicht schädigen. Und indem wir andererseits den Einzelnen motivieren, eine persönliche Gesundheitskompetenz zu entwickeln.

Was leistet dazu der Kongress im Telekom Dome?

Bellinghausen: Er behandelt nicht nur Spezialthemen für Fachleute aus Bereichen wie Kindergesundheit oder Betriebliches Gesundheitsmanagement. Wir sagen: Gesundheitsförderung muss unser gesamtes Leben durchdringen, sie hört ja auch nicht am Werkstor auf. Wir wollen jede Zielgruppe erreichen. Wir bieten neben Vorträgen und Diskussionen Mitmachaktionen. Jeder kann hier den Weg zu dem finden, was er selbst präventiv tun kann, bis ins hohe Alter.

Prävention darf also auch nicht am Betriebstor aufhören?

Bellinghausen: Die Verantwortung von Arbeitgebern, betriebliches Gesundheitsmanagement zu betreiben, ist mittlerweile sehr weitreichend. Der Gesetzgeber hat die Arbeitgeber nicht nur zum umfassenden Arbeitsschutz verpflichtet, sondern seit Längerem auch zum Schutz vor physischer und seit 2013 vor psychischer Gefährdung.

Was bedeutet das?

Bellinghausen: Dass jeder Arbeitgeber alle zwei Jahre systematisch psychische Gefährdungen analysieren muss. Zudem befinden wir uns in einer Phase großen Fachkräftemangels. Merkmal eines verantwortungsvollen Arbeitgebers ist längstauch, dass er einiges für die Gesundheit seiner Mitarbeiter und für Familienfreundlichkeit tut. Der Arbeitgeber muss gute Fachkräfte finden und binden. Das ist eine große Herausforderung in fast allen Branchen. Gerade die jüngere Generation hat heute den Anspruch, ein gesundes Arbeitsklima vorzufinden.

Wie kann Prävention bei einem Mitarbeiter mit acht Arbeitsstunden am PC aussehen?

Bellinghausen: Der Arbeitgeber kauft schon einmal verstellbare Schreibtische. Aber die sind auch nur so gut wie diejenigen, die sie verstellen. Es gibt aber jede Menge Tricks, die einem im Arbeitsalltag helfen. Ich selbst habe immer Kopfhörer zum Telefonieren auf, so dass ich im Gespräch herumlaufen kann. Wichtig ist auch ein guter Schreibtischstuhl und einmal in der Stunde von diesem aufzustehen, sich zu recken und zu strecken, damit die Muskulatur in Bewegung kommt. Dazu sollten sich Personen mit Schreibtischarbeit nicht belastend ernähren und keinem chronischen Stresslevel ausgesetzt werden.

Warum ist Stress auf Dauer bedrohlich?

Bellinghausen: Psychische Erkrankungen sind auf Platz eins der Gründe für Arbeitsunfähigkeit. Stress führt zum Burn-out oder entwickelt sich schleichend über Jahre etwa zur Herz-Kreislauf-Erkrankung. Deshalb tun auch jüngere Menschen gut daran, Prävention ernst zu nehmen.

Sitzen Sie als Hochschulprofessor selbst den ganzen Tag?

Bellinghausen: Im Gegenteil. Ich habe meist Blockunterricht von acht Stunden. Davon sitze ich die wenigste Zeit. Wenn ich unterrichte, laufe ich fast ausschließlich herum. Und ich fordere meine Studierenden auf, es mir gleichzutun. Sie können also zwischendurch gerne aufstehen und sich dehnen. Bei Weiterbildungsmaßnahmen sorge ich dafür, dass auch Stehtische im Raum sind. Ich fordere die Leute direkt auf, sich zur Auflockerung auch mal zu bewegen.

Erreichen Sie denn Studenten und Auszubildende gleichermaßen mit Ihrem Thema?

Bellinghausen: Nein, leider nicht. Gesundheitsvorsorge hängt gemäß neuen Studien immer auch mit dem Bildungsniveau zusammen. Studierende zeigen sich sehr empfänglich für Prävention. Wenn ich aber in Betriebe gehe, treffe ich nicht unbedingt auf offene Ohren, weil sich die Zusammenhänge zwischen Prävention und Gesundheit nicht so leicht erschließen lassen. Gesundheitskompetenz muss gelernt werden. Diejenigen, die die Zusammenhänge verstehen, muss man unbedingt auch motivieren.

Wie sprechen Sie die Teilnehmer des Kongresses denn an?

Bellinghausen: Bei den Angeboten für jedermann arbeiten wir bewusst niederschwellig. Es gibt Aktionen, bei denen jeder aktiv werden kann. Wir haben 400 Bonner Grundschulkinder zu Gast, die sicher auch ihre Eltern oder Großeltern mitbringen, so dass sich möglichst viele Familien hoffentlich vom Präventionsgedanken anstecken lassen.