Harte Fakten im vollen Hörsaal 10

Klimaforscher Mojib Latif hält Vortrag in Bonn

Klimaforscher Mojib Latif spricht in der Universität Bonn.

Klimaforscher Mojib Latif spricht in der Universität Bonn.

Bonn. Der bekannte Klimaforscher Mojib Latif hat einen Vortrag im voll besetzten Hörsaal der Universität Bonn gehalten. Die Resonanz war überdurchschnittlich hoch.

Von einer „überdurchschnittlichen Resonanz“ spricht Professor Nikolaus Froitzheim, einer der Organisatoren der Jahrestagung GeoBonn 2018, auf der sich gerade Paläontologen, Geologen und Mineralogen mit Atommüll-Endlager, Rohstoffknappheit und Klimawandel befassen. Im mit rund 600 Bürgern, Studenten und Wissenschaftlern voll besetzten Hörsaal 10 im Uni-Hauptgebäude ist nach 50 Minuten der Kohlendioxidgehalt der Atemluft kräftig gestiegen. Doch das fällt kaum auf, zu packend ist der Vortrag von Professor Mojib Latif vom GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung und der Universität Kiel. Fakt reiht sich an Fakt, Diagramm an Diagramm. Latif hat Mühe, seine Präsentation im Vortrag „Herausforderung Klimawandel“ in 50 Minuten unterzubringen.

Gibt es noch Zweifel am menschengemachten Klimawandel durch zu viel freigesetztes Kohlendioxid? Schafft die Weltgemeinschaft das Unterbieten des Zwei-Grad-Ziels, wie es die UN-Klimakonferenz Ende 2015 in Paris beschlossen hat? Ist eine Schneedecke im Winter ein Indiz gegen die globale Erwärmung? Dreimal Nein, jedoch will Latif das Zwei-Grad-Ziel noch nicht ganz abschreiben, aber er hat große Zweifel, dass es gelingt, jedenfalls nicht im aktuellen Politiktempo. Denn: „Es gibt keinen echten Klimaschutz, nur einen gefühlten“, sagt Latif. „Wir können überall tolle Sprüche machen, aber es gibt nur eine Zahl, die zählt: der CO2-Gehalt in der Erdatmosphäre.“ Und der hat längst die Schwelle von 400 ppm (parts per million/Teile pro Million) überschritten. Nie lag er höher in den vergangenen 800.000 Jahren.

"Wir haben ein Umsetzungsproblem"

Der Mensch habe kein Erkenntnisproblem, „wir haben ein Umsetzungsproblem“. Latif zitiert seinen Kollegen, den US-Ozeanologen Roger Revelle: „Die Menschen führen ein langfristiges geophysikalisches Experiment einer Art aus, das in der Vergangenheit nicht möglich gewesen wäre und in der Zukunft nicht wiederholbar sein wird.“ Der Satz stammt aus dem Jahr 1957. Noch früher, 1896, hatte der schwedische Nobelpreisträger Svante Arrhenius mit Bleistift und Mathematik hochgerechnet, was passiert, wenn sich der CO2-Gehalt der Luft gegenüber dem vorindustriellem Niveau (280 ppm) verdoppelt: Er landete bei fünf Grad Celsius. Heutige Klimamodelle prognostizieren drei bis vier Grad. So ungenau die ersten computergestützten Modelle vor 30 Jahren auch gewesen sein mögen: Vergleiche man ihre Vorhersagen mit der Gegenwart, „so waren sie unfassbar genau“, sagt Latif.

Der renommierte Wissenschaftler kritisiert Deutschland. Es liege mit seinem CO2-Ausstoß über dem EU-Durchschnitt und in der Pro-Kopf-Betrachtung „weit über China. Wie wollen wir so einen Inder von mehr Klimaschutz überzeugen?“ Deutschland habe ein Glaubwürdigkeitsproblem. Einige Messdaten werden in grafische Animationsfilme übersetzt. Das versteht jeder in Hörsaal 10. Die roten Flächen über dem Planeten wachsen, die Arktis ist tiefrot. Über mehr als 100 Jahre betrachtet, wird klar, was Revelle mit „Experiment“ meinte.

Latif sieht das Klimaproblem „als Symptom eines größeren Problems“ – einer Wirtschaft, die auf Wachstum und Ressourcenverbrauch geeicht sei. Auch „das Postfaktische gewinnt an Boden, Wissenschaftler werden kaum noch gehört. Sie glauben ja nicht, was in meiner Mailbox los ist, wenn mal wieder Schnee liegt.“ Warum der Mensch auf die Bedrohung nicht reagiert? Er sei überzeugt, dass dies an der Unsichtbarkeit der klimarelevanten Gase liege: „Würden diese den Himmel bräunlich färben, würde der Mensch anders reagieren.“

Das Problem an diesem Abend: 50 Minuten sind 50 Minuten. Fragen danach? Nicht möglich. Latif muss zum Flughafen. Auch Klimaforscher haben ihre Zwänge, zuweilen klimaschädliche.