20-jähriger Angreifer erneut festgenommen Kippa-Attacke in Bonn: Zeugenaussage belastet Polizisten

Auf der Wiese zwischen Gehweg und Spielplatz am Hofgarten haben Polizisten den Professor niedergestreckt.

BONN. Nach der antisemitischen Attacke im Bonner Hofgarten hat sich ein weiterer Zeuge beim GA gemeldet. Er hat den Schlag eines Polizisten auf den am Boden liegenden israelischen Professor gesehen. Der 20-jährige Angreifer ist unterdessen erneut auffällig geworden und sitzt nun in Haft.

Der Mann, der dem jüdischen Professor Yitzhak Melamed am Mittwoch vergangener Woche die Kippa vom Kopf geschlagen, ihn antisemitisch beleidigt und geschubst haben soll, wird an diesem Donnerstag in eine Justizvollzugsanstalt gebracht. Wie die Polizei mitteilte, habe der 20-jährige Deutsche mit palästinensischen Wurzeln am Dienstagabend gegen 23.45 Uhr mit mehreren Menschen am Hofgarten gestritten. Er soll ein Messer gezückt und es einem der Beteiligten an den Kopf gehalten haben. Ein Zeuge berichtete den Beamten, er habe gerufen: „Ich könnte euch alle töten.“ Verletzt wurde niemand. Der 20-Jährige verließ den Tatort und setzte sich in eine Bahn.

Die Fahnder spürten ihn jedoch schnell auf. Wie bei der antisemitisch motivierten Attacke gegen Melamed, die ebenfalls am Hofgarten geschah, könnte der junge Mann wieder unter Drogeneinfluss gestanden haben. Ein Bluttest soll das nachweisen. Nach der erneuten Festnahme geht das Gericht von einer Wiederholungsgefahr aus, erklärte Polizeisprecher Robert Scholten. Mit dieser Begründung setzte die Justiz einen alten Haftbefehl gegen den 20-Jährigen in Kraft. Dieser Haftbefehl beruht auf seiner Teilnahme an einem Raubüberfall auf einen Bonner Supermarkt im Februar. Er war vom Gericht allerdings „außer Vollzug“ gesetzt worden. Warum der Mann damals nicht ins Gefängnis musste, dazu liegen Scholten keine Informationen vor.

Der Tatverdächtige war einen Tag nach dem Angriff auf den Professor wieder auf freiem Fuß, weil nach Angaben von Polizei und Staatsanwaltschaft weder die Gründe für eine Unterbringung in der Psychiatrie, noch für eine in Untersuchungshaft ausreichten. Der Bonner habe einen festen Wohnsitz. Die Vorwürfe seien nicht schwerwiegend genug gewesen.

Zeugen beobachteten den Angriff

Unterdessen hat sich nach dem Angriff von Polizisten auf Melamed, den die Beamten offenbar versehentlich für den Tatverdächtigen und nicht für das Opfer hielten, ein weiterer Augenzeuge beim General-Anzeiger gemeldet. Der Zeuge sagt, er habe den Schlag eines kräftig gebauten Polizisten auf den Wissenschaftler gesehen. „Zwei oder drei Polizisten hatten den Professor bereits am Boden fixiert. Dann kamen weitere Beamte hinzu. Einer von ihnen holte aus und schlug mit seiner Faust auf die am Boden liegende Person“, erinnerte sich der Wuppertaler, der namentlich nicht genannt werden will. „Das war ein Schlag, der saß und der sehr wehgetan haben muss“, erklärte der Zeuge. Der Mann am Boden habe geschrien, Worte konnte der Zeuge nicht verstehen.

Ihn und seinen Begleiter habe besonders empört, dass es eine Attacke war, „die nicht nötig war“. Melamed habe bereits in Handschellen bewegungsunfähig am Boden gelegen. Der Polizist, der hinzukam und den Schlag ausgeübt habe, habe „geprügelt, ohne vorher Fragen zu stellen oder sich einen Überblick über die Situation zu verschaffen“. „Dieses martialische Geschehen beschäftigte uns den ganzen restlichen Tag. So etwas hatte ich mir nur in einem brutalen Unrechtsstaat vorgestellt.“

Was zuvor geschehen war, den eigentlichen Zugriff, beobachtete dieser Mann nicht. Ein anderer Augenzeuge, der sich bereits am Freitag beim GA gemeldet hatte, beschrieb, dass ein Polizist den Professor, der seinem 20-jährigen Angreifer hinterherlief, im Hechtsprung niederlegte und fixierte. Er konnte schnelle Armbewegungen des oben liegenden Polizisten erkennen, anschließend seien weitere Polizisten hinzugeeilt und hätten im engen Kreis um den 50-jährigen Melamed herumgestanden. Direkte Schläge konnte dieser Augenzeuge, ein pensionierter Beamter, von seiner Position aus nicht erkennen. Aber auch er sprach von einem „äußerst brutalen Angriff“.

Polizei und die Staatsanwaltschaft ermitteln

Der Tatort liegt nahe der Hofgartenwiese auf einem mit Bäumen bewachsenen Stück Wiese unweit dem Abgang zur U-Bahn-Haltestelle Uni/Markt. Der Pensionär beobachtete die Situation nahe dem Spielplatz. Der Zeuge aus Wuppertal stand an der Adenauer-allee. Letzterer ist sich auch sicher, dass mehr als vier Beamte beteiligt gewesen sein müssen. Er habe mindestens zwei Polizisten auf dem Opfer gesehen, zwei seien aus dem Polizeiwagen gestiegen, der an der Adenauerallee parkte. Ein weiterer, der den Schlag ausgeübt habe, sei von der Hofgartenwiese gekommen. Die Bonner Staatsanwaltschaft äußerte sich mit Blick auf weitere Untersuchungen nicht zu diesen Schilderungen. „Die Ermittlungen laufen, erste Zeugen sind vernommen worden“, erklärte Behördensprecher Sebastian Buß. Nach Informationen des GA ist mittlerweile auch die Begleiterin Melameds befragt worden.

Der israelische Professor aus Baltimore in den USA hatte schwere Vorwürfe gegenüber der Polizei erhoben und deren Bericht über den Vorfall als „Lüge“ bezeichnet. Er widersprach der offiziellen Darstellung der Polizei. Die Behörde hatte nach persönlicher und öffentlicher Entschuldigung der Polizeipräsidentin für die Verwechslung offiziell erklärt, Melamed habe sich beim Zugriff der Polizei gewehrt. Weil die Polizisten ihn zu dem Zeitpunkt für den Täter hielten, hätten sie ihn auch geschlagen. Melamed erklärte, er sei Dutzende Male geschlagen worden. Anschließend hätten die Polizisten auf der Wache versucht, ihn von einer Beschwerde gegen die Polizei abzubringen.

Die Kölner Polizei und die Staatsanwaltschaft Bonn ermitteln deshalb gegen die Beamten in einem zweigeteilten Verfahren – einerseits wegen des Verdachts auf Körperverletzung und andererseits wegen Strafvereitelung im Amt. Die Bonner Polizei hat vier der am Einsatz beteiligten Beamten der Einsatzhundertschaft mittlerweile intern versetzt und in Kommissariaten untergebracht. Sie fahren bis auf Weiteres keinen Streifendienst. Polizeisprecher Scholten sagte: „Es geht nun um Aufklärung. Die Wahrheit muss ans Licht kommen.“

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