Interview mit Professor Martin Exner

Keime verbreiten sich über das Abwasser

Der Direktor des Instituts für Hygiene der Universität Bonn, Martin Exner

Der Direktor des Instituts für Hygiene der Universität Bonn, Martin Exner

Bonn. Kläranlagen sind eine Brutstätte von Antibiotikaresistenzen. Bonner Wissenschaftler untersuchen, ob und wie resistente Keime sich über das Abwasser ausbreiten – und wie das verhindert werden könnte.

Professor Martin Exner ist Direktor des Instituts für Hygiene und Öffentliche Gesundheit an der Uni Bonn, zudem leitet er das vom Bundesumweltministerium geförderte Projekt „HyReKa“.

Herr Professor Exner, wie entstehen multiresistente Keime?

Exner: Bakterien und Viren speichern wie alle Lebewesen ihre Eigenschaften in ihren Genen. Der genetische Code ändert sich immer ein wenig. So können sich die Lebewesen den Lebensbedingungen anpassen. Komplett neue Eigenschaften entstehen – bei Bakterien etwa die Fähigkeit, sich gegen Antibiotika zu wehren. Antibiotika gibt es schon, seit es Bakterien gibt, die sich damit gegen andere Bakterien zur Wehr setzen. Und viele Bakterien sind gegen manche Antibiotika resistent. Über verschiedene Mechanismen können die Gene, die diese Resistenzen verleihen, weitergegeben werden.

Was macht die Keime so gefährlich?

Exner: Gegen resistente Bakterien wirken unsere Medikamente nicht mehr. Als ich ein junger Arzt war, hatten wir beispielsweise eine breite Auswahl an Antibiotika, mit denen wir Krankheiten bekämpfen konnten. Das ist heute nicht mehr so. Dadurch lassen sich selbst Erkrankungen, die längst als besiegt galten, nicht mehr behandeln. Dann kann eine einfache Wundinfektion tödlich enden. Mittlerweile wirken sogar manche Reserve-Antibiotika nicht mehr, weil Bakterien gegen diese Verbindungen, die eigentlich nur im Notfall eingesetzt werden sollten, resistent geworden sind. Die Wirksamkeit von Antibiotika muss unbedingt erhalten bleiben, da ohne sie eine moderne Medizin nicht mehr möglich sein wird. Aus diesem Grund hat sich 2017 sogar der G 20-Gipfel in Hamburg mit der Bedeutung der zunehmenden Antibiotikaresistenz für die globale Gesundheit befasst.

Welche Rolle spielen dabei Kläranlagen und das Abwasser?

Exner: Auch durch das Projekt „HyReKa“ ist mittlerweile gut dokumentiert, dass sich multiresistente Keime über das Abwasser in die Umwelt verbreiten. In Kläranlagen können sie ihre Resistenzinformationen auch gegen Reserveantibiotika untereinander austauschen. Sie sind sogar in Gewässern, wenn auch in geringen Mengen, nachweisbar. Nicht alle Antibiotika und Keime werden in den Anlagen herausgefiltert, weil man bisher primär die klassischen Seuchenerreger im Blick hatte. Dass Sie mich nicht falsch verstehen: Dieses System funktioniert gut, und darauf können wir in Deutschland stolz sein. Aber wir müssen uns Gedanken machen, wie wir nun auf die neu erkannte Problematik von Resistenzen gegen Reserveantibiotika reagieren können.

Wie können sich Bürger im Alltag richtig verhalten?

Exner: Arzneimittel sollten nie in der Toilette, sondern immer im Restmüll entsorgt werden. Bei Krankheiten gilt, Antibiotika nicht leichtfertig einzunehmen und sich an das Rezept und die Anweisung des Arztes zu halten. Dazu muss man sagen, dass wir in Deutschland hinsichtlich der strengen Rezeptpflicht viel weiter sind als andere Länder auch in Europa, wo Antibiotika frei verfügbar ohne Rezept gekauft werden können.

Und was können die Kommunen tun?

Exner: Zum einen geht es um eine gute Hygieneausstattung, zum Beispiel in öffentlichen Toiletten. Aber auch Investitionen in Kläranlagen ist wichtig. Dabei muss aber darauf geachtet werden, dass ein Konsens besteht und Maßnahmen effektiv sind. Im HyReKa-Projekt erwies sich die Ultrafiltration als bewährtes Verfahren zur Eliminierung von Antibiotika aus Abwasser. Doch es muss überlegt werden, in welchen Kläranlagen der Einsatz sinnvoll ist.