Serie "100 Köpfe: Wir sind Bonn"

Katja de Bragança: Magazin Ohrenkuss

Gemeinsam für (kulturelle) Teilhabe und Gleichberechtigung: Katja de Bragança mit ihrem Ohrenkuss-Kollegen Achim Priester.

BONN. "Die Zeiten sind vorbei, in denen Pauschalurlauber Geld zurückbekommen, weil ein Behinderter mit ihnen am Frühstückstisch saß." Manchmal sagt Katja de Bragança so aufrüttelnde Sätze wie diesen, um zu verdeutlichen, dass in unserer Gesellschaft ein Umdenken stattgefunden hat.

Der Umgang mit Menschen mit Behinderung sei ein anderer als noch vor zehn, 20 oder gar 30 Jahren, meint die 54 Jahre alte Chefredakteurin von "Ohrenkuss", dem Bonner Magazin von Autoren mit Down-Syndrom.

Mehr als 15 Jahre nach der Gründung des Magazins, das zwei Mal im Jahr zu einem Schwerpunkt-Thema erscheint, zieht Katja de Bragança eine erfolgreiche Zwischenbilanz. Beim Interview im Caffe Cultura in Beuel berichtet die Humangenetikerin, dass sich in der Ohrenkuss-Redaktion mittlerweile eine zweite Generation etabliert hat.

Auf der einen Seite gibt es die erfahrenen "alten Hasen", die Ohrenkuss mit gegründet haben und heute um die 40 sind, und auf der anderen Seite stehen die jungen dynamischen Autoren Anfang 20. Sie sind in einer anderen Zeit geboren und aufgewachsen, haben eine Schulbildung genossen und gehen wie selbstverständlich mit dem Internet, mit Tablets und Smartphones um. "So haben sie einen ganz anderen Zugriff auf die Welt", sagt de Bragança.

Dank der Medien können die jungen Autoren ganz anders kommunizieren, sich ausdrücken und damit einen Einblick in ihre Gedankenwelt eröffnen. Und das ist es auch, was jedes Ohrenkuss-Heft macht: Es öffnet den Lesern eine ganz neue, ganz eigene und mitunter wunderschön poetische Welt. Nebenbei unterhalten die Autoren mit Down-Syndrom den Ohrenblog auf der Homepage und beliefern über ihre Facebook-Seite mehr als 5000 Fans mit Neuigkeiten.

Zwar gibt es immer noch Ohrenkuss-Autoren, die nichts von Themen wie vorgeburtlicher Diagnostik, Schwangerschaftsabbruch oder Euthanasie ahnen. Die junge Generation dagegen will es ganz genau wissen und geht damit auch ganz souverän um. Mit der Ohrenkuss-internen kleinen Forschergruppe "Trisomie 21" will de Bragança mehr über diese genetische Besonderheit in Erfahrung bringen, zum Beispiel beim Besuch eines Chromosomen-Labors im kommenden Monat.

Katja de Bragança ist fest davon überzeugt, dass Menschen mit Down-Syndrom die kulturelle Szene bereichern. Sie spielen Theater oder agieren in Filmen, sie schreiben und interviewen, sie inspirieren Künstler oder arbeiten in kleinen kreativen Teams. Wie in dem neuen Filmteam von Ohrenkuss, das demnächst in Zusammenarbeit mit der Bundeszentrale für politische Bildung auf deren Internetseite einige kleine Erklärfilmchen zum Thema Europa präsentiert.

Darüber freut sich die Chefredakteurin besonders, weil bei diesem Projekt Akteure mit und ohne Down-Syndrom auf Augenhöhe miteinander verhandeln, was sie gemeinsam machen wollen. Das gilt auch für die Veranstaltungsreihe "Totentanzcafé", die Katja de Bragança mit ihrer Ohrenkuss-Kollegin Anne Leichtfuß ins Leben gerufen hat. In unregelmäßigen Abständen treffen sich Gleichgesinnte an wechselnden Orten, um offen und ohne Scheu bei Kaffee und Kuchen über das Tabuthema zu diskutieren.

Ohrenkuss-Autoren erarbeiten dazu Fragen und stellen sie den Gästen; das Gleiche gilt für ihre regelmäßigen Interviews in "Menschen", dem Magazin der Aktion Mensch. Katja de Bragança spricht nicht gerne über das Modethema Inklusion, dafür lieber über persönliche Einstellungen: Wer weiß, dass es keine Hürden gibt, der stellt den Wunsch nach Gleichberechtigung und Teilhabe überhaupt nicht mehr in Frage, sondern macht sich Gedanken, wie er das Ziel erreicht.

"Es freut mich, dass meine Kollegen in Familien leben, für die selbstverständlich ist, dass junge Menschen ausziehen oder sich mit der Familienplanung beschäftigen." So sei die Mutter eines jungen Kollegen mit Down-Syndrom der Ansicht, wenn es bei der Umsetzung seiner Lebenspläne Grenzen gebe, müsse ihr Sohn sie selbst erfahren. "Das finde ich toll", sagt Katja de Bragança.

Ihre eigenen vier Kinder sind mittlerweile alle aus dem Haus. Neben ihrer Arbeit für Ohrenkuss bleibt der gebürtigen Neumünsteranerin Zeit für ein Urban-Gardening-Projekt. Momentan beschäftigt sie sich mit der Zucht von Kompostwürmern. Vor kurzem hat sie 3000 "Tennessee-Wigglers" zu Zwecken der Kompostierung ausgewildert.

Am Urban Gardening gefallen ihr die Arbeit an der frischen Luft und die Teepausen zwischen den selbstgebauten Hochbeeten. "In meinem Leben ist alles gut, außer der Tatsache, dass meine beiden Enkelkinder in Australien leben", berichtet Katja de Bragança. Aber zum Glück kommt ja schon bald der Sommer: "Dann besucht mich meine Tochter mit ihrer Familie für zwei Monate."

Weitere Informationen auf www.ohrenkuss.de und www.totentanzcafe.de. Das nächste Totentanzcafé in Bonn mit dem Künstler Peter Kurenbach ist für Samstag, 24. Mai, auf dem Alten Friedhof geplant.

Typisch bönnsch

Das sagt Katja de Bragança über ihre Heimat:

  • An Bonn gefällt mir... wie schön es hier ist. Das merke ich auf dem Weg von der Südstadt über Hofgarten und Kennedybrücke zum Ohrenkuss-Büro in Beuel. Zu allen Jahreszeiten sieht es hier wunderbar aus. Einfach toll, hier zu leben.
     
  • Ich vermisse... eine belebte Fußgängerzone in der City. Wenn man da abends durchgeht, ist das doch schon sehr öde.
     
  • Mein Lieblingsplatz... ist der Botanische Garten, ein grünes Kleinod mitten in der Stadt. Der Garten ist ein Ort der Vielfalt. So gesehen machen die dort das Gleiche wie wir bei Ohrenkuss.
     
  • Typisch bönnsch... ist das "Treppchen". Ich liebe es, dort den Salat "Bonner Markt" zu essen. Und dazu gibt es natürlich ein Bier. Typisch bönnsch ist auch die "Rheinnixe".