GA-Serie: "Bonn schreibt ein Kinderbuch"

Kapitel zwei: Schwindelig vor lauter neuen Worten

Sima, die Hauptfigur der Geschichte, vermisst ihre Familie in Syrien. Sie malt sie mit Kreide auf den Bonner Schulhof. ILLUSTRATION: STEFANIE MESSING

Sima, die Hauptfigur der Geschichte, vermisst ihre Familie in Syrien. Sie malt sie mit Kreide auf den Bonner Schulhof. ILLUSTRATION: STEFANIE MESSING

Bonn. Der erste Schultag. Es spricht Hauptfigur Sima, die mit der Familie ihres Onkels aus Syrien geflüchtet ist.

In meiner ersten Nacht in Bonn konnte ich nicht gut schlafen. Ich musste die ganze Zeit an meine Familie denken. Am nächsten Tag fuhr mich der fremde Mann mit meinem Onkel zur neuen Schule. Er brachte uns zur Schulleiterin. Sie sprach mit mir und schenkte mir einen Schulranzen mit vielen Stiften darin. Ich verstand nicht, was sie sagte, aber sie lachte freundlich. Sicher war sie nett. Danach nahm sie mich an die Hand, und mein Onkel sagte, dass sie mich jetzt in meine neue Klasse bringen würde. Ich winkte ihm zum Abschied.

Die Lehrerin klopfte an eine Tür und öffnete sie. Als wir im Klassenraum waren, starrten mich viele Augen neugierig an. Meine neue Lehrerin zeigte auf einen freien Platz neben einem rothaarigen Mädchen. Den Blick auf den Boden gerichtet lief ich zu meinem neuen Platz. Das Mädchen drehte sich zu mir und lächelte. Dann zeigte sie mit ihrer flachen Hand auf den freien Platz neben sich, und ich setzte mich dorthin.

Jetzt schrieb die Lehrerin irgendetwas Unverständliches an die Tafel – der Unterricht begann. Sie fragte etwas und das Mädchen neben mir hob die Hand. Dann nahm die Lehrerin das rothaarige Mädchen dran. Es war schwierig für mich, weil ich nichts verstand. Von den vielen neuen Worten wurde mir ganz schwindelig.

Irgendwann holten alle ihr Essen raus. Ich hatte nichts mit. Das Mädchen neben mir hatte ein Käsebrot dabei. Sie teilte es und bot mir eine Hälfte an. Es schmeckte sehr gut. Ein Junge trank Milch. Irgendwer erzählte etwas auf Deutsch, was wohl ziemlich lustig war, denn die Milch spritzte ihm aus der Nase. Alle fingen an laut zu lachen, und auch ich konnte endlich wieder lächeln.

Es ertönte ein Glockengeräusch und alle Kinder stürmten nach draußen. Sollte ich einfach hinterhergehen? Die Lehrerin machte ein Handzeichen, ihr zu folgen. Ich stand auf dem Schulhof. Eine Gruppe von Kindern malte mit Farben auf den Boden. Ein Mädchen gab mir auch einen Kreidestift. Ich malte meine Familie: Mama, Papa, meinen Bruder und meine Schwester.

Doch dann fing ich an zu weinen, weil ich alle so sehr vermisste. Plötzlich ertönte das Geräusch zum zweiten Mal. Alle rannten in ihre Klassen zurück. Das verstand ich auch, aber ich wusste gar nicht, wo ich hinmusste. Zum Glück winkte das rothaarige Mädchen, sodass ich ihm zurück in die Klasse folgte.

Ich setzte mich wieder auf meinen Platz. Der Unterricht ging weiter. Als Nächstes kam ein anderer Lehrer mit vielen Farbkästen und Pinseln herein. Er rief der Reihe nach einzelne Kinder auf, die ihren Farbkasten bekamen. Nur ich hatte noch keinen. Doch dann sagte er meinen Namen: „Sima!“ Ich freute mich, dass er noch einen Farbkasten für mich dabeihatte.

Nun malten wir uns gegenseitig: Das rothaarige Mädchen malte mich und ich sie. Das machte Spaß. Das Mädchen schrieb komische Zeichen auf mein Bild, zeigte erst darauf und dann auf sich, und sagte immer wieder „PAU-LA“.

Ich verstand, was sie mir damit sagen wollte: Das war ihr Name. Das Geräusch ertönte zum dritten Mal. Alle Kinder räumten hektisch ihre Tische auf. Sie verabschiedeten sich von dem Lehrer und gingen aus der Klasse. Ich folgte ihnen, und draußen warteten schon mein Onkel und der Mann, der uns hergebracht hatte. Das rothaarige Mädchen winkte mir zum Abschied und sagte noch ein neues Wort. Jetzt kannte ich schon zwei neue Wörter. Ich nahm all meinen Mut zusammen und rief ihr zu: „Tschüss, Pau-la!“