Alle 29 alten Kastanien müssen weg

Kahlschlag am Alten Zoll

BONN. Für die brisanteste Nachricht gab es im Unterausschuss für Denkmalschutz am Mittwoch keine Vorlage. Doch was Stadtkonservator Franz Josef Talbot den Politikern so nebenbei als letzten Punkt des Abends mitteilte, traf wie ein Vorschlaghammer: Alle 29 alten Kastanien auf dem Alten Zoll müssen in den nächsten drei Wochen gefällt werden.

"Unter denkmalpflegerischen Gesichtspunkten gibt es keine Bedenken gegen die Fällungen", sagte Talbot. Die Untere Landschaftsbehörde habe schon signalisiert, die Fällungen zu genehmigen.

Den Kahlschlag nötig machten die Sanierungsarbeiten an dem alten Bollwerk. Wie berichtet, ist das 1644 errichtete Bauwerk, das auf dem Gelände der Bonner Universität steht, so marode, dass der Zugang mittlerweile gesperrt ist. Als Experten des Bau- und Liegenschaftsbetriebs (BLB) die alte Bastion vor etwa drei Jahren begutachteten, hatten sie zunächst nur festgestellt, dass sich einzelne Steine lösten. Daraufhin wurde das Mauerwerk mit einer weißen Spezialfolie gesichert. Erst nach und nach wurde das ganze Ausmaß des Zerfalls offenbar.

Nach 20 Bohrungen stellten die Gutachter fest, dass die Gesamtkonstruktion in Bewegung ist und auf Dauer dem Erddruck nicht mehr standhalten kann, wenn das Bauwerk nicht gesichert wird. Dies soll mittels 225 armdicken, zum Teil fast acht Meter langen Stahlankern geschehen, die in das Mauerwerk gesetzt werden. Unter dem Alten Zoll befindet sich noch ein Gewölbegang mit Flügelmauern, doch darüber wurde wohl alles mit Bauschutt aufgefüllt, vermuten die Fachleute. Unterlagen gibt es jedenfalls keine.

Und das ist auch die Krux. Im Erdreich könnten noch Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg schlummern. Daher müssen, so erläuterte Talbot im Ausschuss, Suchsonden in den Boden gebohrt werden, und zwar in einem sehr dichten Raster, so dass das Wurzelwerk der Bäume komplett beschädigt werden wird.

"Nicht nur, dass Bäume nach den Bohrungen eventuell nicht mehr standsicher sind, die Schäden an den Wurzeln könnten zu einem Sterben auf Raten führen", erläuterte gestern Stefanie Zießnitz vom Presseamt. "Es würde mehr und mehr Bäume geben, die Jahr für Jahr nicht mehr ausschlagen."

Diese nach und nach zu ersetzen, gebe kein stimmiges Bild auf dem Plateau zwischen neugepflanzten und älteren, möglicherweise geschädigten Bäumen. Es könnte auch nicht in jede Lücke ein neuer Baum gepflanzt werden, "weil diese zwischen den großen Bäumen nicht genug Platz und Licht zum Wachsen hätten".

Es gibt wohl noch einen weiteren Grund, wie Stadt- und Bezirksverordneter Herbert Spoelgen (SPD) gestern erfahren hat: Die Höhe der Brüstung entspricht nicht mehr den gesetzlichen Bestimmungen. Da das Mauerwerk weder erweitert noch aus denkmalschützerischen Gesichtspunkten ein Geländer montiert werden darf, will man den Boden soweit abtragen, dass die Brüstung höher liegt.

"Wir waren alle entsetzt. So sehr die Gründe nachvollziehbar erscheinen, kann es nicht sein, dass solch eine Aktion ohne Beratung in der Baumkommission und in der Bonner Bezirksvertretung genehmigt wird", sagte Spoelgen.

Das sehen auch Christiane Overmans (CDU) und Werner Rambow (Grüne) so. "Ich habe eh den Eindruck, dass die Stadtverwaltung viel zu sorglos mit den Bäumen umgeht", meinte Rambow.

Overmans kritisierte, dass der Verfahrensgang nicht eingehalten worden sei: "Ob es keine Möglichkeit gibt, die Bäume noch zu retten, kann ich nicht beurteilen. Aber es muss ein ordentliches, transparentes Verfahren geben, bei dem wenigstens die Bonner Bezirksvertretung beteiligt wird."

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