Interview mit den Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde

Juden in Bonn erleben alltäglich Antisemitismus

In der Synagoge tragen die Bonner Juden ihre Kippa, so wie hier bei einer Vortragsveranstaltung in der vorigen Woche. Auf der Straße wagen sie das selten.

In der Synagoge tragen die Bonner Juden ihre Kippa, so wie hier bei einer Vortragsveranstaltung in der vorigen Woche. Auf der Straße wagen sie das selten.

Bonn. Margaret Traub und Ricky Kaminki, die Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde, sprechen im Interview über ihre Erfahrungen mit Antisemitismus und ihren Alltag in Bonn.

Jeden Tag im Durchschnitt vier antisemitische Straftaten – das ist die bundesweite Bilanz der deutschen Polizei für das Jahr 2017. Margaret Traub und Ricky Kaminski sprechen über ein Leben mit dem Gefühl latenter Bedrohung.

Warum sieht man in Bonn nirgendwo Juden, die eine Kippa auf dem Kopf tragen?

Margaret Traub: Weil die Leute Angst haben. In anderen Städten ist es schon passiert, dass Juden brutal angegriffen worden sind, so wie vor wenigen Wochen in Paris. Man wird aber auch verbal attackiert. Ich war mit unserem Religionslehrer, der mit einer Kippa lief, auf der Straße, und da drehten sich einige Leute um und sagten: „Kuck mal, ein Jude! Ein Jude!“ Da habe ich mich umgesehen und gerufen: „Nee, zwei Juden!“ Zwei meiner fünf Enkel aus London, drei und vier Jahre alt, wollen immer mit Kippa auf die Straße, wenn sie uns in Bonn besuchen. Ich muss ihnen leider jedesmal erklären, warum das hier nicht geht.

Was würde denn passieren, wenn Sie mit ihnen mit Kippa durch die Innenstadt gingen?

Traub (sehr energisch): Das möchte ich nicht. Selbst in der Weltstadt London kann Folgendes passieren: Wir sind einmal zur Synagoge gegangen und drei meiner älteren Enkel trugen die Kippa, als eine Dame mit Rollator auf uns zukam. Sie beleidigte uns mit einem üblen Schimpfwort. Die Kinder fragten mich, warum sie denn gehasst werden. Es tat mir weh, ihnen das zu erklären.

Gibt es in der Gesellschaft noch immer antisemitische Vorurteile?

Traub: Ja. Viele glauben, es gäbe mehr als eine Milliarde Juden auf der Welt. Dabei sind wir nicht einmal zwölf Millionen. Und das alte Klischee, alle Juden seien reich, ist weit verbreitet.

Wie kann das sein – in einer modernen, vermeintlich aufgeklärten Welt?

Traub: Viele fragen mich, wenn sie zu einer Führung in die Synagoge kommen: „Warum werdet ihr gehasst?“ Meine Antwort lautet: „Das weiß ich leider nicht.“ Antisemitismus ist wie ein Virus, und das mutiert. Ich finde, die Eltern und die Lehrer sollten mehr dagegen tun. Mir ist die Religion anderer Menschen egal, ob Christen oder Moslems – ich lade sie zum Schabbat ein. Woran die Leute glauben, ist keine Wissenschaft, es ist einfach ein Glaube.

Ricky Kaminski: Aber wir sind eben auch eine Minderheit. Dann ist man immer angreifbarer als eine Masse von Menschen.

Hat sich die Situation in den letzten Jahren verschärft?

Traub: Wir haben auf jeden Fall mehr Angst. Deswegen habe ich auch um mehr Schutz gebeten. Die Bonner Polizei passt wirklich gut auf uns auf; die sind immer da. Es ist schade, dass unsere Kinder nicht ohne Polizeischutz aufwachsen konnten und können. Früher waren es die Rechtsextremisten, jetzt kommen die Angriffe aus der Mitte der Gesellschaft.

Kaminski: Wir hatten immer Polizeischutz, aber früher gab es in Bonn nicht so viele Juden, bevor die Auswanderer aus Russland kamen. Wenn die Kinder sonntags zum Religionsunterricht gingen, war immer Polizei da. Aber heute ist die Polizei fast immer vor der Tür, wenn jemand in der Synagoge ist, und in der Nacht fahren regelmäßig Streifenwagen vorbei.

Ist die Synagoge schon einmal angegriffen worden?

Traub: Ja, wir hatten vor einigen Jahren zerstörte Fenster und judenfeindliche Schmierereien an den Wänden und auch auf dem jüdischen Friedhof.

Kaminski: Früher war die Bonner Gemeinde völlig offen. Man konnte aus und ein gehen. Vor einigen Jahren hat uns das Land verschärfte Sicherheitsvorkehrungen auferlegt. Wir mussten die Schleuse einbauen, Sicherheitsglas, Kameras.

Traub: Jetzt muss man klingeln. Wen unser Sicherheitsmann nicht kennt, den muss er durchsuchen, bevor er die Person einlässt.

Kommt denn viel Besuch in die Gemeinde?

Kaminski: Wir öffnen uns der Gesellschaft, indem wir Führungen veranstalten, für Schulklassen und für Erwachsene. Wir versuchen, die Leute zu uns einzuladen.

Traub: Die kommen auch von sich aus, rufen an und machen einen Termin. Vor Kurzem waren mehrere Kindergartengruppen, Schulklassen und eine Gruppe von Konfirmanden bei uns, und die haben wirklich tolle Fragen gestellt. Ich wünschte, alle Besucher wären so gut vorbereitet.

Das Interesse an der Jüdischen Gemeinde ist also da?

Kaminski: In den Schulen ja. Dort gehört das ja auch zum Unterrichtsstoff. Meine Kinder sind damals an ihrer Schule oft gebeten worden, in den Klassen über ihren jüdischen Glauben zu berichten. Sie sind am Ernst-Moritz-Arndt-Gymnasium auch nie angemacht worden, obwohl bekannt war, dass wir eine jüdische Familie sind. Bei Einladungen sind sie oft gefragt worden, ob sie als Juden besondere Essenswünsche hätten. Das waren positive Erfahrungen.

Sie erleben also beides: Ablehnung und Entgegenkommen?

Traub: Ja. Als meine Tochter ihr Abitur machte, sagte eine gute Bekannte: Na, was wird der Rabbiner euch schenken? Einen Nerzmantel, einen Brillant oder einen Mercedes? Als ich einmal im Fernsehen war, sprach mich am nächsten Tag eine Frau im Sonnenstudio an, das ich regelmäßig besucht hatte: „Frau Traub, ich habe Sie gestern gesehen. Was haben Sie mit diesen Juden zu tun?“ Ich antwortete, dass ich selbst Jüdin bin. Und sie: „Aber das kann doch nicht sein, Sie sind doch nett.“

Seit wann hat sich die Situation verschlimmert?

Traub: Seit drei, vier Jahren.

Woran liegt das?

Traub: Dazu sage ich lieber nichts.

Heißt das, Sie sehen einen Zusammenhang mit der Einwanderung aus islamischen Ländern?

Kaminski: Vielleicht trauen sich dadurch auch andere Leute eher, ihren Antisemitismus offen zu zeigen. Heute sehen wir Demos, auf denen Sprüche wie „Juden ins Gas“ kommen. Das hätten die Leute vor zehn Jahren nicht gewagt.

Reagieren Muslime nicht auch auf den Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern, wenn sie judenfeindlich auftreten?

Kaminski: Ich denke schon. Bei den Demonstrationen hat man das ja gesehen, wenn auch nicht in Bonn.

Warum werden Sie für die Politik Israels in Haft genommen, obwohl Sie in Deutschland leben?

Traub: Es werden alle in einen Topf geworfen. Dabei gibt es viele Juden, die gegen Israel sind. Das finde ich zwar unmöglich, aber das ist deren Sache. Die Medien berichten einseitig über Israel, und die Menschen glauben alles. Dass die Gewalt von den Palästinensern ausgeht, wird kaum wahrgenommen.

Wo ist die Grenze zwischen legitimer Kritik an Israel und Antisemitismus?

Traub: Die Aktionen der BDS-Kampagne („Boykott, Desinvestitionen und Sanktionen gegen Israel“ - d.R.) zum Beispiel erinnern uns an das „Kauft nicht bei Juden“ während der Hitler-Zeit. Diese Gruppe wird auch in Kaufhäusern aktiv. Ich wollte einmal koscheren Wein kaufen, konnte ihn aber nicht finden. Man zeigte mir den Wein aus Israel. Den Namen Israel hatte die Kaufhausleitung entfernen lassen, weil diese Gruppe sonst alles auf den Boden schmeißt. Ein anderer Fall: Bei Edeka ging eine Frau auf mich zu. Als sie den Davidstern an meiner Halskette sah, sagte sie: „Ihr bringt palästinensische Kinder um!“ Ich habe ihr die passende Antwort gegeben.

Sind denn alle Juden so mutig, sich zu wehren?

Traub: Viele der älteren Menschen haben Angst davor. Aber ich wurde so erzogen.

Die Bundesregierung will einen Antisemitismusbeauftragten benennen. Der richtige Weg?

Traub: Das werden wir sehen. Ich glaube eher nicht, dass es etwas ändert.

Muss die Gesellschaft mehr über Antisemitismus sprechen?

Kaminski: Das ist wichtig, gerade in den Schulen. Es ist viel Aufklärungsarbeit erforderlich.

Was muss passieren, damit die Bonner Juden mit weniger Angst hier leben können?

Traub: Es ist nicht Bonn, es ist ganz Europa. Antisemitismus gab es hier schon immer. Ich weiß nicht, die Menschen scheinen Angst vor den Juden zu haben. Es tut mir weh, aber es ist so.

Das klingt ratlos...

Traub: Ja, wir sind ratlos. Ich weiß nicht, wie es weitergeht. In Frankreich ist schon ein Drittel der Juden nach Israel ausgewandert. Manchmal überlege ich mit meinem Mann, ob wir in Europa bleiben können.

Kaminski: Das überlegen wir auch, ja.

Traub: Meine Kinder leben in London und Rom. Ich möchte nicht nach Israel oder Amerika auswandern und sie hier lassen. Es müsste die ganze Familie mitkommen.

Wenn das der einzige Ausweg ist, ist das ein bedrückender Befund...

Traub: Vielleicht verbessert sich die Situation. Aber wenn es so weitergeht in Europa, dass die Juden wieder so angegriffen werden... Die Juden in Bonn verstecken sich. Darum wissen es die meisten Bonner gar nicht, wenn sie ihnen begegnen.

Mit der AfD sitzt eine rechte Partei im Bundestag, aus der auch antisemitische Aussagen kommen. Macht Ihnen das Sorgen?

Traub: Da gibt es gefährliche Leute wie diesen Höcke aus Thüringen. Ich glaube aber nicht, dass alle AfD-Wähler Antisemiten sind.

Kaminski: Es ist schon gefährlich, was diese Leute da ganz offen aussprechen. So entstehen Bilder, die sich in Köpfen festsetzen.

Einmal im Jahr eine Gedenkveranstaltung, um an die Novemberpogrome von 1938 zu erinnern – reicht das?

Traub: Es kommen immer die gleichen Leute...

Ist das Thema für viele schon zu weit weg?

Traub: Es fehlt das Interesse. Viele wollen vom Holocaust nichts mehr wissen. Ich habe eine gute Freundin, die mir sagt, dass es jetzt reicht. Meine Zwillinge waren auf dem Friedrich-Ebert-Gymnasium, wo ein Lehrer den Holocaust oft zum Thema machte. Einige Mitschüler, die eigentlich nett waren, warfen meinen Kindern vor: „Euretwegen muss man dauernd über den Holocaust reden!“

Aber das Gedenken ist trotzdem wichtig?

Traub: Ja, klar. Damit das nicht wieder passiert.