Missbrauch am Aloisiuskolleg

Jesuiten zahlten an 32 Ako-Betroffene Geld

Die Villa Stella Rheni des Aloisiuskollegs.

Die Villa Stella Rheni des Aloisiuskollegs.

BONN. Der Jesuitenorden gibt einen Zwischenbericht mit irritierenden Fakten heraus. Zahlen zu Tätern und Opfern bleiben unklar.

Der Jesuitenorden hat auf Anregung des Betroffenenvereins Eckiger Tisch Bonn einen neuen Zwischenbericht zur Missbrauchsaufklärung an seinen fünf Schulen vorgelegt. Der solle einerseits die Öffentlichkeit informieren. Zum anderen solle er „den Austausch unter Betroffenen und deren Gespräch mit dem Orden oder den Vertretern einzelner Institutionen auf Augenhöhe“ erleichtern, schreibt Provinzial Pater Stefan Kiechle auf der Ordenshomepage.

Im Fall des Aloisiuskollegs (Ako) bezieht er sich offensichtlich auf laufende Gespräche zwischen einer Ako-Kommission unter Rektor Pater Johannes Siebner und dem Verein der Betroffenen des Ako und des ehemaligen Ako-pro-Seminars.

Wirklich neu am Bericht ist zweierlei: Zum Einen, dass sich auch sechs Jahre nach Beginn des Skandals noch weiter Betroffene bei den vom Orden für Missbrauch Beauftragten melden: bei Rechtsanwältin Katja Rabat seit 2011 noch 17 Personen und beim Therapeuten Marek Spitczok von Brisinski seit 2014 noch 23.

Die Zahlen sind nicht nach Schulen aufgeschlüsselt. Aus rechtlichen Gründen dürfe der Orden auch nicht Mehrfachnennungen ermitteln, schreibt Kiechle, er gehe aber davon aus, „dass die meisten identisch mit den bei uns Gemeldeten sind.“ Er vermutet also: Personen, die sich aktuell den Beauftragten anvertrauten, hätten das größtenteils zuvor schon direkt beim Orden getan.

Neu im Bericht ist auch, dass der Orden bislang an 118 Betroffene, darunter 32 Ako-Opfer, „Anerkennungszahlungen“ von im Schnitt 4991 Euro vergeben hat, also für Opfer aller Jesuiteneinrichtungen 589.000 Euro. Zusätzlich habe man bundesweit Therapiekosten von 132.000 erstattet.

Auch die weiteren vom Provinzial aufgeführten Opferzahlen werfen Fragen auf. Aufs Ako bezogen hätten sich seit 2010 bis heute 34 Betroffene gemeldet, so Kiechle. Dabei sind schon die Betroffenenzahlen höher, die 2011 im vom Orden selbst in Auftrag gegebenen Aufklärungsbericht von Julia Zinsmeister und dann 2013 im vom Ako veranlassten Bericht Professor Arnfried Bintigs erfasst wurden: Zinsmeister zählte damals allein 58 Opfer und direkte Zeugen auf. Bintig beschrieb die von zahlreichen weiteren Interviewten geschilderten möglichen sexuellen Handlungen an Kindern und Jugendlichen im Ako-pro-Seminar.

Ebenso sind die im Zwischenbericht vermeldeten Täterzahlen rätselhaft: Zum Ako führt Kiechle nur fünf Taten eines unter Pseudonym „Julius“ genannten Paters und 15 des „Georg“ benannten Ex-Schulleiters Pater Ludger Stüper auf.

Die anderen Ako-Täter seien nach Ordenszählung „fast alle nur einmal genannt“ worden. Was erstaunt, denn allein ein Blick in den Zinsmeister-Bericht von 2011 offenbart allein für Pater Stüper 31 Meldungen über auch strafrechtlich relevanten Missbrauch. Unter anderem bei einem „Pater Ludwig“ sind bei Zinsmeister vier Gewaltfälle verzeichnet, bei einem „Herbert“ sechs, bei „Harald“ vom Ako-pro-Seminar schon vor dem Bintig-Bericht drei schwere Beschuldigungen.

„Der Bericht des scheidenden Provinzials beinhaltet weiterhin Nebelkerzen. Erneut ist eine Chance auf Klarheit vertan“, kommentiert Heiko Schnitzler vom Eckigen Tisch Bonn die vorgelegten Zahlen des Ordens. Ohnehin sei jeder Betroffene einer zu viel. „Allerdings müssen wir leider mindestens von einer zehnfachen Dunkelziffer plus X ausgehen.“

Beim General-Anzeiger und dem Eckigen Tisch Bonn melden sich nach den Aufklärungsberichten und nach dem Buch „Unheiliger Berg“ von 2014 bis heute weitere möglicherweise Betroffene. Ob sie den Weg zum Orden und den „Anerkennungszahlungen“ weitergehen, bleibt ihre Entscheidung.