Mehr Aufmerksamkeit an Weihnachten schenken

Interview mit Bonner Glücksforscherin Maike van den Boom

Glücksforscherin Meike van den Boom auf dem Weihnachtsmarkt.

Glücksforscherin Meike van den Boom auf dem Weihnachtsmarkt.

Bonner Glücksforscherin Maike van den Boom spricht über das Glück in der Advents- und Weihnachtszeit mit Ebba Hagenberg-Miliu.

„Wo geht's denn hier zum Glück?“, fragt die Therapeutin und Autorin Maike van den Boom in ihrem Besteller. Wie es mit dem Glück in der Advents- und Weihnachtszeit steht, wollte Ebba Hagenberg-Miliu von der Bonner Glücksforscherin wissen.

 

Indiskret gefragt: Wie feiern Sie eigentlich Weihnachten?

Maike van den Boom: Oh, mit meinen Eltern. Und die kommen zu mir. Ich habe sie nach Bonn eingeladen.

Und wie läuft Weihnachten bei Ihnen?

Van den Boom: Ach so, das wollen Sie wissen (lacht). Na ja, das ist ja einer der Anlässe, bei denen ich mir vorgenommen habe, dieses Jahr total stressfrei zu bleiben. Und wo bin ich auf die beste Lösung für mich persönlich gekommen? In der Sauna.

Das müssen Sie jetzt erklären.

Van den Boom: Ich saß letztens in der Sauna und las da in einem Flyer, wie man es ganz schlau anfängt, keinen Weihnachtsstress aufkommen zu lassen: indem man sich die Weihnachtsgans einfach fertig gebraten bestellt. Man muss sie nur um 14 Uhr abholen und noch mal kurz in den Ofen schieben. Da habe ich mir gesagt: Gut, gebongt.

Das heißt, Ihre Gans kommt fertig zu Ihnen?

Van den Boom: Genau. Das probiere ich dieses Jahr mal aus. Und ich werde keinen Stress haben. Denn ich schreibe momentan an meinem neuen Buch und habe für extra Stress keine Zeit. Ich will einfach nur glücklich mit meiner Familie zusammen sein. Man muss also einfach mal spontan sein und Ideen, die sich bieten, aufgreifen. Und sich in der Sauna die Weihnachtsgans bestellen (lacht).

Apropos Stress: Die Ankunft Christi müsste doch eigentlich Anlass zur Besinnung sein?

Van den Boom: Tja, Besinnung finden wir sicher nicht in unseren vollen Läden. Wir können uns ja momentan so viel kaufen wie nie. Wir geben uns Geschenke en masse. Da fragt man sich natürlich, ob das, was wir uns gegenseitig kaufen, dann auch die richtigen Geschenke sind.

Geschenke sollten nicht materiell sein?

Van den Boom: Ja, ich war zum Beispiel letzte Woche mit meiner Tochter Elisa und ihrer Freundin Schlittschuhfahren. Die Einladung dazu hatte sie in ihrem Adventskalender gefunden. Und dann auf der Eisbahn war es super entspannend für die Mädels und mich. Wir haben etwas zusammen gemacht, und dazu haben wir uns bewegt und Spaß gehabt.

Kann das ein größeres Geschenk sein als die tolle Neuanschaffung?

Van den Boom: Sicher. Wir leben so verteufelt im Überfluss, dass auch der Beschenkte sich gar nicht mehr so richtig über etwas Materielles freuen kann. Im Übrigen ist Materielles aus der Glücksperspektive kein weises Geschenk, weil das, was erst besonders scheint, schnell normal wird. Und dann ist’s auch mit der Freude vorbei. Wir wissen doch langsam nicht mehr, wohin mit dem ganzen Zeug. Eigentlich haben wir viel mehr als das, was wir benötigen zum glücklich sein.

Sie sind in vielen Ländern gewesen. Geraten die Leute dort auch wie wir in einen Kaufrausch vor dem Fest?

Van den Boom: Nicht überall. Aus Holland zum Beispiel kenne ich den Brauch, dass die Geschenke an sich gar nicht so groß sein müssen. Wichtiger ist da die Verpackung, die „surprise“. Die Holländer machen sich damit absurd viel Mühe. Und das Wichtigste überhaupt ist das Gedicht zum Fest. „Der Weihnachtsmann“ schreibt also ein Gedicht für die Person, die beschenkt werden soll. Und da drin stehen meist total witzige und persönliche Dinge. Da hat man sich also über andere vorher richtig Gedanken gemacht. Man geht nicht nur in einen Laden und bezahlt für etwas.

Was mit dem Jesuskind in der kargen Krippe auch wenig zu tun hat.

Van den Boom: Bestimmt. Kennen Sie die Idee, statt einer „To-do-Liste“ vor Weihnachten eine „Not-to-do-Liste“ anzulegen? Das heißt, anstatt uns anzustrengen, vor und zu Weihnachten noch alles Mögliche abzuarbeiten, wäre es doch mal praktisch, aufzulisten, was wir alles lassen könnten. Lassen wie Gelassenheit. Wir könnten zum Beispiel von den Dänen und Schweden lernen, dass auch zu Weihnachten nicht alles perfekt sein muss. Optimal kann auch sozusagen die Mitte sein: also nicht zu viel und nicht zu wenig vorzubereiten, damit es auch allen gut geht. „Lagom“ nennen das die Schweden. Maß halten und dafür dem wenigen mehr Aufmerksamkeit schenken.

Wir brauchen also nicht noch das letzte Ritual zu Weihnachten?

Van den Boom: Genau. Muss ich auch bei Regen auf dem Weihnachtsmarkt stehen? Muss echt jeder eine Karte bekommen? Ich muss auch nicht auf jede Advents- und Weihnachtsfeier gehen, wenn ich nicht wirklich Lust habe. Daran habe ich mich in diesem Jahr mal konsequent gehalten.

Wir brauchen also auch kein perfektes Menu zum Glücklichsein?

Van den Boom: Vor allem dann nicht, wenn ich vorher schon so genervt bin, dass ich das Menu dann selbst gar nicht mehr genießen kann. Schlimmer noch, selber ungenießbar zu sein. Damit mache ich auch den anderen keinen Gefallen. Denn Vorsicht! Launen färben ab. Und schon haben wir Stress unterm Weihnachtsbaum.

Dabei haben die Köche doch alles besonders gut gemeint.

Van den Boom: Sie sagen es. Die größte Aufgabe für ein schönes Fest müsste deshalb darin bestehen, dafür zu sorgen, dass es auch mir selbst gut geht. Eine Prise Humor ist da dem Glück sicher zuträglich. Einfach mal einen Schritt zurück tun, sich selber betrachten, den Kopf schütteln und über sich selber lachen. Perfekt ist doch langweilig. Worüber unterhalten wir uns noch Jahre danach? Nicht über den super dekorierten Gabentisch, sondern über den umgekippten Weihnachtsbaum.

Womit Sie uns Frauen besonders ins Gewissen reden?

Van den Boom: Ja, irgendwie schon. Deshalb ist es ja so wichtig, dass alle mit dafür sorgen, dass wir miteinander feiern können. Auch die Männer. In Schweden ist es übrigens so, dass jeder zum Weihnachtsessen, dem „Julbord“, etwas mitbringt. Da steht nicht nur einer oder eine am Herd. Wir halten das bei mir zu Hause auch so. Meine Eltern bringen zu diesem Weihnachtsfest mein Lieblingsessen mit. Das sind leckere süddeutsche Schäufele, also gepökelte Schweinshaxe mit Kümmelbiersoße.

Sie lieben es also deftig. Was aber, wenn man als Familie mehrere Tage aufeinanderhockt? Und die Familie kann ja auch bucklig sein.

Van den Boom: (lacht) Da hilft nur rauszugehen. Auch in den nordeuropäischen Ländern sind die Leute an den Weihnachtsfeiertagen möglichst viel draußen. Jede Schneeballschlacht ist besser, als sich drinnen die Köpfe einzuschlagen. Gemütlichkeit ist schön, aber man sollte immer auch frische Luft schnappen gehen. Und dazu nicht laufend an seinem iPhone daddeln.

Kein Handy unterm Christbaum?

Van den Boom: Mit diesem Ratschlag könnte natürlich schon der Familienstress programmiert sein, besonders bei Kindern, ich weiß (lacht). Ich habe mit meiner Tochter momentan vereinbart, für zwei Wochen unsere Handys auszuschalten. Also zumindest für private Dinge. Das hilft uns, uns nicht deshalb in die Haare zu kriegen (lacht).

Kommen wir noch einmal auf die Gemütlichkeit zurück.

Van den Boom: Gerne, sprechen wir also über das, was sich hinter dem dänischen Glücksrezept des „Hygge“-Seins verbirgt: Das heißt ganz praktisch, zusammen zu sitzen, mit einem Heißgetränk und bei Kerzenschein, und sich dann die Leute um sich herum anzuschauen und zu sagen: Mensch, hab ich's gut. Denn uns geht es doch heute in Deutschland unheimlich gut.

Sie haben sich weltweit auf die Suche nach glücklichen Menschen gemacht?

Van den Boom: Ja, ich habe über 15 Jahre in zwei Ländern mit ziemlich zufriedenen Menschen gelebt: mit Niederländern und Mexikanern. Dann habe ich mich irgendwann gefragt, warum Menschen in gleichen oder objektiv misslicheren Umständen mehr Lebensfreude erfahren als wir in Deutschland. Weshalb klagt der eine dauernd nur, während der andere mit einem Schulterzucken in die Hände spuckt und einfach weiter macht?

Und zu welchem Ergebnis sind Sie gekommen?

Van den Boom: Ein glückliches Leben hat damit zu tun, welche Dinge ich im Leben wichtig finde. Es hat mit dem Glück zu tun, also damit, wie ich subjektiv Lebensqualität erfahre. Und was ich daraus mache. Da helfen bestimmt keine Kalendersprüche oder der nächste Extra-Urlaub pro Jahr. Ich bin deshalb in die 13 glücklichsten Länder der Welt gereist und habe ein Buch geschrieben, das ein Bestseller wurde.

„Wo geht's denn hier zum Glück?“ Und wo war das?

Van den Boom: Unter den Glücksländern waren reiche wie Kanada, Schweden, Dänemark, Finnland und die Schweiz, aber auch ärmere Staaten wie Costa Rica, Mexiko und Kolumbien. Deutschland kam nur auf einen hinteren Platz. Jeder Mensch ist letztendlich für sein eigenes Glück verantwortlich, und dazu bedarf es ganz schön viel Mut. Aber, und das finde ich ganz wichtig, eine Gesellschaft kann es uns schwieriger oder einfacher machen, mutig und glücklich zu sein.

Und was, wenn uns Deutsche wieder mal die „german Angst“ treibt? Machen wir uns hierzulande zu viele Sorgen?

Van den Boom: Das kann sein. Und es liegt sicher auch am mangelnden Vertrauen in uns selbst und in unsere Mitmenschen. Wenn man mehr das Gefühl hat, dass man sich auf andere verlassen kann, dann braucht man sich auch nicht laufend zu ängstigen. Wir setzen glaube ich in Deutschland zu viel auf materielle Sicherheit. Die Skandinavier zum Beispiel verlassen sich viel mehr auf die Sicherheit im Mitmenschen. So bekommt man einen viel stärkeren Zusammenhalt. Davon könnten wir, glaube ich, schon etwas lernen.