Baustellen an A565 und Nordbrücke

Im Bonner Norden droht der Verkehrskollaps

Bekanntes Bild nicht nur im Berufsverkehr: An der Josephshöhe stauen sich die Autos. Die Straße ist eine wichtige Verbindung zwischen Kölnstraße und Nordbrücke. Anlieger rechnen damit, dass die künftigen Autobahnbaustellen die innerstädtischen Staus verschärfen.

Bekanntes Bild nicht nur im Berufsverkehr: An der Josephshöhe stauen sich die Autos. Die Straße ist eine wichtige Verbindung zwischen Kölnstraße und Nordbrücke. Anlieger rechnen damit, dass die künftigen Autobahnbaustellen die innerstädtischen Staus verschärfen.

Bonn. Vor den Baustellen auf der A565 am "Tausendfüßler" und der Nordbrücke geht im Bonner Norden die Angst vor dem Verkehrskollaps um. Denn viele Autofahrer suchen sich Ausweichstrecken und blockieren damit kleinere Straßen.

Als „Zustand völliger Unordnung“ wird gemeinhin der Begriff Chaos umschrieben. Genau das, ein Chaos, befürchten viele Bewohner der nördlichen Bonner Stadtteile für die Zukunft, wenn sie an den Straßenverkehr vor ihren Haustüren denken.

Konkret richtet sich ihr sorgenvoller Blick auf den als „Tausendfüßler“ bekannten Abschnitt der Autobahn 565 zwischen Autobahnkreuz Bonn-Nord und Endenicher Ei, mit dessen Sanierung Ende 2021 begonnen werden soll. Und dann ist da noch die Nordbrücke, deren Abriss und Neubau im Anschluss – nach heutigem Stand nicht vor 2028 – auf der Agenda steht.

Beide Großbaustellen, so die Erwartung vieler Menschen im Bonner Norden, werden zu erheblichem Verdrängungsverkehr in Richtung der innerstädtischen Straßen führen. Hört man sich vor Ort um, so sind schon die aktuellen Baustellen dies- und jenseits der Nordbrücke etwa in Auerberg deutlich zu spüren – dabei stellen die im Vergleich zu dem, was noch kommen wird, ein leichtes Vorgeplänkel dar.

„Die Verkehrsprobleme auf der Kölnstraße und An der Josefshöhe/Herseler Straße existieren nicht erst, wenn die Großbaumaßnahmen beginnen, sondern schon jetzt“, sagt Jürgen Haffke aus dem Vorstand des Ortsausschusses Auerberg. So riefen schon die heutigen Baumaßnahmen hinter der Nordbrücke täglich massive Staus auf den genannten Straßen hervor.

(rot: künftige Großbaustellen, grün: Ausweichstrecken)

In Buschdorf sieht man es ähnlich. „Der Verkehr auf der Kölnstraße in Richtung Innenstadt kommt fast immer ab etwa 15 Uhr zum Stillstand“, schildert Petra Gimbel-Baecker ihre regelmäßigen Beobachtungen. So werde Bonn nicht nur zur „Staustadt Nummer 1“, meint die Vizevorsitzende des Ortsfestausschusses Buschdorf. Wer wie sie jenseits des Nordfriedhofs wohne, gelange mit dem Auto deshalb nicht einmal zu den Geschäften und Banken an der Kölnstraße. Laut Gimbel-Baecker stärke das langfristig den Onlinehandel und nehme jede Lust aufs Einkaufen in der Innenstadt. Ihr Eindruck: „Ich denke, Bonn eröffnet zu viele Baustellen parallel, und die Stadtwerke können es aufgrund der wirklich teuren Fahrkarten nicht wirklich auffangen.“

Vergleichsweise stoisch beantwortet der verantwortliche Landesbetrieb Straßen NRW die Fragen zu dem Projekt. Im Sommer dieses Jahres plane man die sogenannte Planfeststellung für den „Tausendfüßler“ einzuleiten, teilt Projektleiterin Friederike Schaffrath mit. Zweck sei es, alle relevanten Sachverhalte zu prüfen und möglicherweise widerstrebende Interessen auszugleichen. Am Ende stehe dann der Planfeststellungsbeschluss.

(Dieses Video ist Teil einer Kooperation von GA und WDR)

Mit der Stadt Bonn sei man kontinuierlich im engen Dialog. Das bestätigt auch die Verwaltung und verweist auf die sogenannte Begleitgruppe, in der Spitzen von Landesbetrieb und Stadtverwaltung sowie Vertreter der Bonner Ratsfraktionen tagen, und in die zudem die Bonner Landtags- und Bundestagsabgeordneten eingeladen sind. Parallel gibt es das „Dialogforum“, in dem die Baumaßnahmen mit allen wichtigen Wirtschafts- und Branchenverbänden, Verkehrsbetrieben, den großen Arbeitgebern der Region und Umweltorganisationen erörtert werden. Der Landesbetrieb bietet überdies Infomessen an, bei denen sich interessierte Bürger neben den aktuellen Maßnahmen auch über Themen wie Baustellenkoordination erkundigen können.

„Zur A565 haben bereits verschiedene Termine mit den Anliegern stattgefunden“, sagt Friederike Schaffrath. Ziel sei es, auf die Frage nach drohendem Ausweichverkehr, alle bestehenden Fahrstreifen während der Baumaßnahmen aufrecht zu erhalten, sodass „für jede Fahrtrichtung weiterhin mindestens zwei Fahrstreifen zur Verfügung stehen“. Nach Informationen des General-Anzeigers liegt außerdem inzwischen ein Verkehrsgutachten vor, zu dem die Stadt Bonn Rahmendaten beisteuerte.

Merklich gedämpfter als seitens des Landesbetriebs fällt der Optimismus mit Blick auf die Abläufe in den Antworten der Verwaltung aus. Zum Thema „Koordination“ sagt der stellvertretende Stadtsprecher Marc Hoffmann, diese bedeute allerdings nicht, wie häufig in der Öffentlichkeit angenommen, einen Verzicht auf jegliche städtische Straßenbaumaßnahmen. „Auch in der Zeit der Großbaumaßnahmen des Landesbetriebs kann die städtische Infrastruktur nicht dem Verfall preisgegeben werden“, sagt Hoffmann.

Estermannstraße wird zur Hauptverkehrsader

Noch deutlicher wird er beim Thema Verdrängungsmaßnahmen. Es sei „illusorisch“, dass Verdrängungseffekte während der Autobahnbaustellen im städtischen Netz aufgefangen werden könnten. Bereits unter normalen Bedingungen auf den Autobahnen sei der Verkehrsfluss an zahlreichen Stellen in der Stadt zu Spitzenverkehrszeiten regelmäßig empfindlich beeinträchtigt. Wie sich Baustellen an der Nordbrücke sofort auswirken, sei derzeit nachmittags an der Achse Oxfordstraße/Bertha-vonSuttner-Platz/Kennedybrücke/Sankt Augustiner Straße gut zu erkennen, so Hoffmann.

Auch im Bonner Norden wird man ihm mutmaßlich uneingeschränkt zustimmen, wie entlang der klassischen „Bypässe“ wie Graurheindorfer Straße, Kölnstraße oder An der Josefshöhe regelmäßig zu beobachten ist. Dort kommt offenbar noch ein – vergleichsweise neues – Phänomen hinzu, das Jürgen Haffke wie folgt beschreibt: „Viele Verkehrsteilnehmer aus nördlicher Richtung nutzen die Abfahrt Bornheim für eine vermeintliche Umgehung des Staus auf der Autobahn und fahren nur in einen neuen Stau hinein, wenn sie die Auffahrt Bonn-Castell/Auerberg erreichen wollen“. Die logische Folge auch dort: Staus auf den innerstädtischen Straßen, nicht selten beherrscht von Lastwagenfahrern, die ihr Heil ebenfalls im Umweg über Hersel suchen.

Zu ihnen gehört auch die enge Estermannstraße. Trotz ihrer bescheidenen Breite von teilweise gerade einmal dreieinhalb Metern, in weiten Teilen ohne Gehweg und mit hohem Parkdruck, übt sie – notgedrungen – die Funktion der Hauptverkehrsader Graurheindorfs aus. Und wenn nicht gerade wie in der vergangenen Woche schweres Baugerät die Fahrbahn blockiert, wird auch sie zur Ausweichstrecke für Autofahrer, die sich zwischen Autobahn und Bonner Norden geschickt hindurchschleichen möchten. Die Folge an manchen Tagen auch dort: ein Zustand völliger Unordnung. Lösung verzweifelt gesucht.