Kommentar zur Inklusion im Bonner Nahverkehr

Im ÖPNV zeigt der Mensch sein wahres Gesicht

Nicht nur der Einstieg in einen Bus ist für Rollstuhlfahrer beschwerlich. Oft ist für sie auch im Fahrzeug nicht genügend Platz.

Nicht nur der Einstieg in einen Bus ist für Rollstuhlfahrer beschwerlich. Oft ist für sie auch im Fahrzeug nicht genügend Platz.

Bonn. Eine Bonnerin erklärt anhand zweier Beispiele eindrucksvoll, dass für Behinderte in Bus und Bahn oft kein Platz gemacht wird. Offensichtlich hapert es auch bei immer mehr Menschen an der Erziehung.

Die Inklusion, also die gleichberechtigte Teilhabe am gesellschaftlichen Leben und die gegenseitige Rücksichtnahme aller Menschen mit und ohne Handicaps, ist seit Jahren landauf, landab in aller Munde. Ob in der Politik, an Runden Tischen, in Schulen und Kitas und natürlich in den Talkshows im Fernsehen. Doch in unserem Alltag ist die Inklusion leider längst noch nicht angekommen. Im Gegenteil.

Man hat vielmehr den Eindruck, die Ellenbogengesellschaft gewinnt mehr und mehr die Oberhand. Eine neue Dimension der Rücksichtslosigkeit konstatieren denn auch Experten, vor allem im Straßenverkehr. Doch auch in Bussen und Bahnen begegnen uns immer wieder rücksichtslose, zumindest aber gleichgültige Personen, wie die Bonnerin Linda Mattern eindrucksvoll am Mittwochabend im Ausschuss für Bürgerbeteiligung an nur zwei Beispielen veranschaulicht hat. Tatsächlich sind es natürlich erheblich mehr.

Gut, viele Fahrgäste sind vielleicht einfach nur unaufmerksam, weil ihr Blick ausschließlich auf dem Handy ruht. Einmal angesprochen, stehen junge Leute in der Regel für den älteren und/oder behinderten Fahrgast auf oder helfen ihm oder der Mutter mit dem Kinderwagen beim Ein- oder Aussteigen. Bei anderen, den echten Rüpeln, stellt sich allerdings unweigerlich die Frage: Warum kann man diese respektlosen Personen, die noch nicht einmal den eigens ausgewiesenen Platz für Schwerbehinderte in Bussen oder Bahnen trotz ausdrücklicher Aufforderung freigeben wollen, nicht dazu zwingen?

Das Hausrecht in Bussen und Bahnen haben schließlich die Stadtwerke. Und wenn das Machtwort der Fahrerin oder des Fahrers nichts bewirkt, muss man eben zu spürbareren Sanktionen greifen. Denn wenn einer ohne gültiges Ticket erwischt wird, geht das ja auch: Dann muss der Schwarzfahrer das Fahrzeug verlassen. Warum soll das nicht auch bei rüpelhaftem, rücksichtslosem Benehmen gelten? „Wir haben ein Defizit in punkto Nettigkeit“, wurde einmal die Sprecherin eines Nahverkehrsbetriebes in einer Zeitung zitiert. Wir haben nicht nur dieses Defizit. Offensichtlich hapert es auch bei immer mehr Menschen an der Erziehung. Und das ist – wie gesagt – nicht nur im öffentlichen Nahverkehr zu beobachten.