Rückblick auf den Juli 1957 in Bonn

Hitzewelle mit 37 Grad und ein Orkan

Auch die Brunnen mussten zur Abkühlung herhalten.

Auch die Brunnen mussten zur Abkühlung herhalten.

BONN. Vor 60 Jahren machten den Bonnern Temperaturen bis zu 37 Grad zu schaffen. Abkühlung brachte seinerzeit ein heftiges Unwetter.

Anfang Juli 1957 kommen die Bonner gehörig ins Schwitzen, vor allem die Bundestagsabgeordneten: Bei 33 Grad im Schatten und glühender Hitze im prallen Sonnenschein löst sich am 3. Juli der Teer auf dem Dach des Bundeshauses auf. Nur ein Wasserstrahl aus dem dicken Schlauch verhindert, dass die Volksvertreter eingeschmolzen werden.

Die Bundestagsabgeordneten liefern sich trotz der tropischen Hitze heiße Redeschlachten, die Jackett-Vorschrift für Männer bleibt derweil bestehen. Am meisten leiden die Saaldiener mit Frack und steifem Kragen. Doch die Beschlüsse bei tropischer Hitze schaden der Gesundheit: Bundestagsarzt Dr. Bodo Schaum muss in diesen Tagen 20 Patienten behandeln – die meisten wegen wetterbedingter Kreislauf-Erkrankungen.

Am 4. Juli geht die Temperatur auf 35,8 Grad Celsius hoch: Die unerträgliche, schwüle Hitze und die erbarmungslose Sonne sind längst das herrschende Gesprächsthema in der Stadt. Jetzt kaufen die Bonner auch die letzte verfügbare Sommerkleidung in den Geschäften auf. Die Schulen beginnen in aller Herrgottesfrühe mit dem Unterricht, manche schon um 7 Uhr, denn meist ist schon nach der dritten oder vierten Stunde Hitzefrei.

Der Wasserverbrauch steigt ins Uferlose – 40 000 Kubikmeter an einem Tag, berichtet der GA, die höchste Leistung in den Nachkriegsjahren. „Ununterbrochen laufen die Pumpen im Wasserwerk in der Gronau und drücken das Naß in das Rohrleitungsnetz.“

Am 6. Juli stellt die Hitzewelle mit 37 Grad im Schatten einen neuen Rekord auf. Nachts kühlt es auf nur 21,5 Grad ab. „Bonn durchlitt (wieder einmal) den heißesten Tag des Jahres“, schreibt der GA am 8. Juli 1957. Die Bonner stehen Schlange vor den Milchgeschäften und Eisdielen am superheißen Samstag. Tausende suchen in den Freibädern eine Abkühlung, aber auch in der Steinbachtalsperre.

Die Bonner Personenschifffahrt macht erstmals in ihrer Geschichte Abendrundfahrten, und in den Nachtstunden spazieren Hunderte auf der Rheinpromenade, weil dort wenigstens eine halbwegs frische Brise weht. Die Gartenlokale müssen noch in der Nacht Nachschub an erfrischenden Getränken ordern.

Endgültige Abkühlung bringt erst das Unwetter am Abend des 8. Juli: 15 Minuten mit orkanartigen Böen und Windgeschwindigkeiten bis zu 300 Stundenkilometern lassen Millionen Liter Wasser auf Bonn herabregnen. Der Orkan entwurzelt Bäume, der Starkregen überschwemmt Keller. Wie durch ein Wunder unverletzt bleibt ein Mopedfahrer in Duisdorf, als ein Baum auf sein Vorderrad stürzt und das Fahrzeug zermalmt.