Viel Ramba-Zamba in der Gronau

Hinter dem Langen Eugen schlug das Herz des Bonner Sports

BONN. Wenn irgendwo in Bonn viel Schweiß vergossen wurde, dann hier. Vor dem Langen Eugen, wo im Plenarsaal und im Bundeshaus früher Parlament und Regierung tagten, schwitzten die Politiker, dahinter die Fußballer. Denn im Schatten des Abgeordneten-Hochhauses (heute UN-Campus) schlug bis 1989 das Herz des Bonner Sports.

Viele Ältere werden sich noch mit Wehmut daran erinnern: Auf dem Stadionrasen und auf den drei Aschenplätzen daneben wurde gekickt und gebolzt, fanden viele Fußball-Lokalderbys statt. Hier mussten sämtliche Schüler Bonns ihre Bundesjugendspiele zentral absolvieren. Und die Abgeordneten im Langen Eugen hatten immer beste Aussicht darauf. Auch als 1967 hier Bayern München antrat und sensationell mit 1:3 gegen den Bonner SC verlor. Und ein gewisser Doppeltorschütze Horst Koep aus Kessenich den großen Franz Beckenbauer tunnelte.

Die Lage, das Grün, die Atmosphäre lässt uns noch heute behaupten: Ohne dieses Stadion hätte es nie den bis heute existierenden "FC Bundestag" gegeben.

Es war die Zeit, als Tiki-Taka noch Ramba-Zamba genannt wurde und ein sportbegeisterter Mann namens Adolf Müller-Emmert jeden Tag aus dem AbgeordnetenHochhaus auf dieses Stadion sah. Und flugs die parlamentarische Fußballmannschaft gründete. "Fußball ist unsere einzige Freude, die wir in Bonn haben", sagte Müller-Emmert, MdB von 1961 bis 1987, zur Begründung.

Also kickten die Parlamentarier häufig, nicht immer hochklassig, aber stets für einen guten Zweck und zuweilen verstärkt durch Gastspieler wie Wolfgang Overath. Es gibt Bilder, auf denen Norbert Blüm den Anstoß ausführt. Oder Annemarie Renger. Als der junge Joschka Fischer noch als Linksaußen die Linie rauf und runter flitzte. Oder als Willy Millowitsch für den Gegner, ein WDR-Promi-Team, antrat, aber mehr prustend auf dem Hosenboden sitzt als er spielt.

"Dieses Spiel habe ich gesehen, das war wirklich sehr lustig", erinnert sich Armin Ebner (70), der später von 1995 bis 2013 Bonner Fußball-Kreisvorsitzender war. "Und ich habe noch den unvergessenen Platzwart Franz Baylai vor Augen, der kriegsbeschädigt war und gleich neben den Umkleidekabinen wohnte. Der hat immer alte Turnmatten hinter sein Moped gehängt und damit die Aschenplätze abgezogen."

Doch die Gronau - damals war damit nicht der heutige Stadtteil, sondern ausschließlich die Sportanlage mit dem Begriff gemeint - stand an der falschen Stelle. Musste weichen für den Post-Tower und die Deutsche Welle. Aber es war ein schleichender Tod.

Erst zog der Bonner SC weg, dessen Spiele hier bis zu 12 000 Zuschauer anlockten. Der Sportpark Nord und später die Sportanlage Wasserland liefen dem alten Stadion langsam, aber sicher den Rang ab (siehe Chronik). Es blieben die Rugbyspieler des BSC und die Footballer der Bonner Jets bis 1988 in der Gronau, auch Bogenschützen ließen hier noch die Pfeile fliegen. Und Kreisklassen-Teams kickten noch dort.

Doch weil längst klar war, dass die Gronau keine Zukunft hatte und hier für den Bund gebaut werden musste, verfiel das Stadion in den letzten Jahren zusehends. Am 5. Oktober 1989 war dann Schluss mit Fußball, ein paar Wochen später kamen die Bauarbeiter, um den Schürmann-Bau zu errichten.

Das Abschiedsspiel ließ sich der FC Bundestag nicht entgehen. Er siegte auf den Rheinwiesen 2:1 gegen eine Bonner Presseauswahl. Das Anschlusstor für die Journalisten schoss übrigens GA-Redakteur Hartmut Eickenberg.

Entwicklung der Gronau

  • 1949: Zur Bundesfeier des deutschen Sports kommen 20 000 Besucher ins Gronaustadion - einsamer Rekord.
  • 1967: Die Stadt verkauft dem Bund das Gronaugelände für 98 Millionen Mark, ein Teil davon fließt in den Bau des Sportparks Nord.
  • 1969: Der Lange Eugen ist nach zweieinhalb Jahren Bauzeit fertig.
  • 1970: Der Bonner SC zieht aus der Gronau weg in den neuen Sportpark Nord. Die Stadt kauft Teile der Rheinaue Plittersdorf.
  • 1975: Die Sportanlage Wasserland in Kessenich wird eingeweiht, langsam wird es daher ruhiger in der Gronau.
  • 1979: Die Bundesgartenschau in der Rheinaue findet statt. In den Jahren zuvor waren die Felder zum Freizeitpark umgebaut worden.
  • 1982: Professor Joachim Schürmann gewinnt den Architektenwettbewerb für den Bürobau des Abgeordneten-Bürohauses (heute Deutsche Welle).
  • November 1989: Baubeginn für den Schürmann-Bau auf dem Areal des Gronau-Stadions. Jetzt gehen hier für den Sport endgültig die Lichter aus.
  • 1993/1994: Der Rohbau des Schürmann-Baus wird vom Weihnachtshochwasser 1993 überflutet und hebt sich an. Danach ruht die Baustelle lange, das Gebäude wird erst 2003 eingeweiht.
  • 1996: Die Post AG fällt den Beschluss, den Post-Tower in der Gronau zu errichten. Damit ist klar: Das letzte Gronau-Grundstück wird bebaut. Baubeginn ist im Jahr 2000.
  • 2002: Der Post-Tower ist fertig, ein Jahr später folgt die Deutsche Welle. Das Stadion ist Geschichte.