Erschließung neuer Stadtteile

Hierhin verlagert sich die Bonner Drogenszene

Bonn. Fast wöchentlich nehmen Ermittler Tatverdächtige aus dem Drogenmilieu fest. Dealer stellen sich auf die stärkeren Polizeikontrollen ein und verlagern ihre Geschäfte in andere Stadtteile.

Weiße Turnschuhe, die schwarze Jogginghose steckt in den Tennissocken, der Reißverschluss der roten Trainingsjacke ist offen. Die Bauchtasche hängt, lässig über die Schulter geworfen, auf der Brust, darunter blitzt ein Silberkettchen hervor. Auch wenn sich der junge Mann, der noch nicht einmal Bartwuchs hat, die Kappe tief ins Gesicht gezogen hat: Irgendwie ist er auf den ersten Blick zu erkennen – als Drogendealer. Sich anschauen reicht. „Gras?“

Für zehn Euro gibt es knapp ein Gramm Marihuana, eingerollt in Alufolie. An einem Mittwochnachmittag, auf einer Parkbank mitten im Bonner Hofgarten. Auch wenn die Polizei derzeit in Bonn konsequent gegen Drogenhandel vorgeht und den Markt aufwendig überwacht, wird sie des illegalen Treibens nicht Herr. „Wir wissen, dass das schwer zu bewältigen ist, weil sich die Szene immer wieder verlagert. Die Nachfrage ist in Bonn nunmal da“, sagt Heinz Schmitz, Leiter des Kriminalkommissariats 33, das für die Rauschgiftkriminalität zuständig ist.

Dealer haben ein komplexes Vertriebssystem aufgebaut

Seit März hat es drei großangelegte Polizeieinsätze gegeben. 40 Personen wurden festgenommen. Zudem stellten die Ermittler Drogen im Wert von rund 330.000 Euro sicher – darunter 11,5 Kilogramm Marihuana, 670 Gramm Kokain sowie 2,4 Kilogramm Amphetamine und rund 600 Gramm Heroin. Immer wieder fanden die Beamten auch Waffen – und insgesamt mehr als 100.000 Euro Bargeld. Die Bilanz ist das Ergebnis monatelanger verdeckter Ermittlungen. Denn nur so konnten von vornherein Haftbefehle bei der Staatsanwaltschaft erwirkt werden. Das Ziel: „Den Sumpf trockenlegen.“ An die Hintermänner kommen, die harte Drogen wie Kokain und weiche Drogen wie Cannabis nach Bonn schmuggeln.

Das Problem: Es gibt keine beständige Hierarchie in der Szene. Wird jemand festgenommen, rückt ein anderer nach. „Das muss man sich vorstellen wie einen großen Ameisenhaufen, so was wie einen Paten gibt es nicht“, erklärt Schmitz. Die Ermittler unterscheiden drei Handelsebenen: Die Dealer auf der Straße, die den Stoff an den Konsumenten bringen. Die Mittelsmänner, die Drogen lagern, verpacken und verteilen. Und dann diejenigen, die wie auf einem Großmarkt den Nachschub sichern.

Das System dahinter ist komplex, wie die Polizei vor allem in Tannenbusch feststellte. Die Kunden wurden durch eine Kette von Dealern an die wechselnden Übergabeorte für die harten Drogen geführt. Beispielsweise in Grünanlagen legten sie Drogendepots an. Während einige Bandenmitglieder häufig mit der Straßenbahn ankommende Konsumenten abpassten, waren andere Teil eines Warnsystems. Mit Pfiffen, die von Person zu Person weitergegeben wurden, alarmierten sie sich. Das war im Mai schlagartig vorbei, als rund 300 Polizisten bei einer Razzia unzählige Wohnungen durchsuchten und 23 Tatverdächtige festnahmen.

Geschäfte werden verlagert

„Es ist ruhiger geworden“, erzählt ein junger Mann, der in Tannenbusch lebt und aufgewachsen ist. Es werde nicht mehr so offensichtlich auf der Straße gedealt, mit den Händler seien auch die „Heroin-Junkies“ verschwunden. „Hier in Tannenbusch wissen doch alle, dass sie beobachtet werden“, sagt er und zeigt auf eines der Hochhäuser an der Oppelner Straße. „Da oben ist eine Kamera der Polizei.“ Wer den Leuten nicht geheuer ist, wird sofort der Kripo zugeordnet. Gut findet er die ständige Polizeipräsenz mit Streifenwagen und Fahndern in Zivil nicht. Dass die harten Drogen von der Straße verschwinden, allerdings schon.

Während vor allem Eltern das Durchgreifen der Polizei befürworten, weil sie Angst haben, ihre Kinder alleine durch Tannenbusch gehen zu lassen, gibt es auch viele Gegner der Staatsgewalt. Eine Frau Mitte 30 parkt mit ihrem Cabrio in einer Seitenstraße. „Jeder, der den Bullen nicht passt, wird kontrolliert“, sagt sie. „Die sollten sich lieber mal um die richtigen Straftäter kümmern, nicht um ein paar Kiffer.“ So gefährlich, wie Tannenbusch immer dargestellt werde, sei es nicht. „Und jetzt, wo die Bullen hier ständig rumhängen, werden die Geschäfte eben versteckter gemacht.“ Oder direkt in andere Stadtteile verlagert.

„Wir stellen einen Verdrängungseffekt fest“, sagt Kriminalinspektionsleiter Uwe Neuser. Auch Orte wie Schulhöfe oder andere Treffpunkte werden deshalb stärker kontrolliert. Der Hofgarten sei nun zum Umschlagplatz Nummer eins für Cannabis geworden. Die offene Drogenszene aus dem Bonner Loch, das mittlerweile eine Baustelle ist, verteile sich in der gesamten Stadt. So treffen sich die Suchtkranken nun beispielsweise auf dem Platz zwischen Rosental und Kölnstraße, aber auch am Hauptbahnhof.

Rauschgiftkriminalität steigt

„Für die Konsumenten ist wichtig, dass die Infrastruktur stimmt“, erklärt Schmitz. Die Orte müssen mit öffentlichen Verkehrsmitteln leicht zu erreichen, ein Kiosk und sanitäre Anlagen sollten in der Nähe sein. Mit der offenen Drogenszene pflege man einen engen Kontakt, vor allem durch die Wache Gabi. „Das sind suchtkranke Menschen, das darf man nicht vergessen.“

Wer mit einer geringen Menge Cannabis von der Polizei erwischt wird, hat meist nicht mehr als eine Strafanzeige zu befürchten. Die Verfahren werden von den Staatsanwaltschaften in der Regel eingestellt. In Nordrhein-Westfalen gilt seit einem Runderlass des Justizministeriums eine Eigenbedarfsgrenze von zehn Gramm. Das wissen nicht nur die Konsumenten, die sich im Hofgarten Cannabis kaufen, sondern auch die Dealer. „Ich habe immer nur so viel dabei, mit dem ich keine große Strafe zu erwarten habe“, erzählt ein Dealer. Sind die Drogen verkauft, holt er sich neue bei seinem Mittelsmann in Tannenbusch – manchmal mehrmals am Tag. Daraus zieht er einen Erlös, der es ihm erlaubt, keiner regulären Arbeit mehr nachgehen zu müssen. Und ihn das Risiko eingehen lässt, im Hofgarten zu dealen – obwohl die Polizei dort ständig mit Zivilfahndern kontrolliert.

Wer es schafft, sich einen Kundenstamm aufzubauen, muss sich dieser Gefahr nicht mehr aussetzen. „Häufig lernt man über Freunde jemanden kennen, der einem Gras besorgen kann. Dann verabredet man sich“, sagt ein Bonner Student, der schon öfter Marihuana gekauft hat. Das ist ein Markt, den die Polizei nur schwer überwachen kann. Genauso wie all das, was über das Internet läuft und über das Darknet bestellt wird. „Wir kriegen davon meist nur etwas mit, wenn ein Paket nicht zugestellt wird“, sagt Schmitz. Kurios: Oftmals liegt es daran, dass zu wenig Porto gezahlt wurde. Dann geht die Drogenlieferung, die per Post verschickt wird, zurück an einen fingierten Absender. „Der wundert sich dann und ruft die Polizei.“

Wie groß der Drogenmarkt in Bonn ist, lässt sich kaum erahnen. „Je mehr wir kontrollieren, desto mehr Fälle gibt es“, so Schmitz. Deswegen steige die Rauschgiftkriminalität in den Statistiken, zugleich sei die Aufklärungsquote hoch. Lediglich die niedrigen Bonner Drogenpreise ließen darauf schließen, dass viele Drogen im Umlauf seien. „Das wird sich auch nicht ändern, solange die Nachfrage da ist.“