Personalmangel in den Kliniken

Hebammen-Notstand auch in Bonn und der Region

In den Kliniken in Bonn und der Region gibt es immer weniger Hebammen, die sich um die Schwangeren kümmern können.

In den Kliniken in Bonn und der Region gibt es immer weniger Hebammen, die sich um die Schwangeren kümmern können.

Bonn. In vielen Kliniken herrscht Notstand: Fast die Hälfte der Hebammen muss sich um drei gebärende Frauen gleichzeitig kümmern. So sieht es in Bonn und der Region aus.

Der Personalmangel bei den Hebammen, wie er in einem Gutachten des Wissenschaftlichen Dienstes des Deutschen Bundestages zum Ausdruck kommt, spiegelt sich auch in der Situation auf regionaler Ebene wider. So bestätigt Gerit Sonntag, Stadtkoordinatorin der Initiative Mother Hood e.V. Bonn, auf GA-Anfrage, dass sich aktuell auch in Bonner Krankenhäusern oft drei bis vier Gebärende eine Hebamme teilen müssten.

"Überfüllte Kreißsäle und überarbeitetes Personal sind an der Tagesordnung", so Sonntag. Wie die konkreten Zahlen tatsächlich aussehen, sei aber schwer zu sagen. Die Dokumentationspflicht in den Krankenhäusern beinhalte nicht die Erfassung der persönlichen Betreuung, sondern nur die der medizinischen Kontrollen und Eingriffe. Bei den bisherigen Gesprächen von Mother Hood mit lokalen Entscheidungsträgern habe man keine belastbaren Zahlen zur lokalen Versorgung mit Hebammen erhalten, führt die Stadtkoordinatorin aus.

Beim Gesundheitsamt Bonn seien 210 Hebammen gemeldet. Leider sei aber nicht bekannt, ob die gemeldeten Personen überhaupt noch in der Geburtshilfe tätig seien oder nicht, da eine Abmeldung nicht zwingend erforderlich sei. "Viele Hebammen können sich die Haftpflichtversicherungsprämien, die für die Geburtshilfe notwendig sind, nicht mehr leisten und arbeiten daher nur noch in der Vorsorge und Wochenbettbetreuung", berichtet Sonntag.

Bedarf größer als Möglichkeiten

Von der Hebammenzentrale in Bonn wisse man, dass auch der Bedarf an Wochenbettbetreuung größer sei als die zur Verfügung stehenden Hebammenkräfte. "Es gibt immer mehr Frauen, die im Wochenbett liegen und verzweifelt aber vergeblich nach Hebammenunterstützung suchen." Außerdem müssten viele Hebammen Familie und Beruf unter einen Hut bringen, was dazu führe, dass sie in Teilzeit arbeiteten. "Das Gesundheitsamt konnte uns gegenüber keine Aussage dazu machen, in welchem Umfang die gemeldeten Hebammen ihre Dienste anbieten."

Daher werde Mother Hood e.V. in der kommenden Woche mit einer Hebammenerhebung für den lokalen Bereich Stadt Bonn und Rhein-Sieg Kreis starten. "Wir wollen alle in diesem Gebiet tätigen Hebammen nach ihren durchschnittlichen Arbeitszeiten, der Arbeitsbelastung und der Art der Betreuungsleistungen befragen", sagt Sonntag. Die Ergebnisse dieser lokalen Online-Umfrage von klinisch tätigen und freiberuflichen Hebammen werde man dann im Herbst mit den lokalen Entscheidungsträgern diskutieren.

Um dem Thema auch auf Bundesebene Gewicht zu verleihen, veranstalte Mother Hood e.V. am Mittwoch, 29. März, um 18 Uhr eine Kundgebung auf dem Platz der Vereinten Nationen vor dem WCCB. "Wir wollen Gesundheitsminister Gröhe und seine internationalen Gäste, die dort zum Thema Patientensicherheit beraten, auf die deutsche Misere aufmerksam machen." In der Initiative Mother Hood e.V. setzen sich Eltern und Interessierte bundesweit für eine sichere Versorgung von Mutter und Kind vor, während und nach der Geburt ein.

Sechs Hebammen betreuen 265 Frauen im Jahr

Kürzlich hatte das Bonner Geburtshaus, das eine Eins-zu-Eins-Betreuung garantiert, für den GA Zahlen auf den Tisch gelegt. Die sechs freien Hebammen im Haus betreuen jährlich rund 265 Frauen von der Schwangerschaft bis zum Wochenbett oder zum Ende der Stillzeit. Rund 100 Kinder kommen pro Jahr im Geburtshaus zur Welt. Pro Jahre werden rund 27 schwierige Fälle vorsorglich ins Krankenhaus verlegt. 50 Prozent der Mütter im Geburtshaus waren Erstgebärende. Und 22 Prozent von ihnen entschieden sich auch zu weiteren Schwangerschaften mit spezieller Hebammenbetreuung.

Doch immer mehr Kolleginnen würden sich den finanziellen Drahtseilakt nicht mehr zutrauen. So werde demnächst die Wahlfreiheit, ob Frauen zu Hause, in der Klinik oder in einem Geburtshaus entbänden, nicht mehr gewahrt bleiben können.

In Köln hat eine Hebamme der Uniklinik maximal eine Geburt pro Tag - theoretisch. Denn in der Praxis sieht das ganz anders aus, sagt Pressesprecher Timo Mügge: "Der Rekord liegt bei 14 Geburten pro Tag. Und selbstverständlich kann es vorkommen, dass mehrere Geburten in einer Schicht erfolgen."

Uniklinik sucht Hebammen

Die Uniklinik sieht sich mit 20 Vollzeitstellen vergleichsweise gut ausgestattet - allerdings sei das Hebammenteam durch Schwangerschaften und Elternzeiten nicht voll besetzt. "Wir stehen derzeit bei 17,6 Vollzeitstellen." Deshalb sucht die Uniklinik Hebammen. Aber: "Der Bewerbermarkt ist allerdings bundesweit äußerst angespannt."

Eine Situation, die andere Kölner Kliniken bekannt ist: Auch die Städtischen Kliniken suchen Hebammen. "Wir würden uns freuen, mehr zu haben, aber es ist nicht leicht, welche zu gewinnen", sagt Pressesprecherin Sigrid Krebs.

"Grundsätzlich ist natürlich die Betreuung der Gebärenden gewährleistet," sagt Sigrid Krebs. Doch zwei weitere Hebammen würde sich das Krankenhaus wünschen. Auch andere Kölner Krankenhäuser, etwa das in Porz oder das Severinsklösterchen, suchen. "Aber es gibt nur noch wenige, die den Berufswunsch äußern", sagt Sigrid Krebs. Der Klapperstorch komme eben nicht immer zu geregelten Arbeitszeiten, vermutet sie als einen der Gründe. Und die freien Hebammen würden nicht ohne weiteres aus der Selbstständigkeit in ein Angestelltenverhältnis wechseln, weil sie sich einen anderen Bezug zu den Gebärenden wünschten als der, der im Krankenhaus möglich sei.

5,77 Geburten pro Tag

Den Arbeitsalltag auf der Station versucht Timo Mügge von der Uniklinik in Zahlen zu fassen: "2016 hatten wir 2106 Geburten (darunter auch Mehrlingsschwangerschaften). Teilen wir die Anzahl der Geburten pro Jahr durch die Tage des Jahres, so hatten wir im Durchschnitt pro Kalendertag 5,77 Geburten.

Je nach Besetzung des Stellenplans stehen pro Tag zwischen sechs und neun Hebammen im Kreißsaal zur Verfügung - verteilt auf drei Schichten. So gerechnet hat also eine Hebamme pro Tag höchstens eine Geburt." Aber eben nur in der Theorie.