Umzug ein Schlag für die Stadtkasse

Hauptkriterium ist die Verkehrsanbindung

Der Zurich-Komplex in der Bonner Südstadt (im Hintergrund die Kreuzkirche, links die Poppelsdorfer Allee)

09.01.2015 BONN. Nach der Nachricht vom Wegzug der Zurich Versicherungs-Gruppe Deutschland von Bonn nach Köln ist die Stimmung im Stadthaus gedrückt. "Natürlich sind wir enttäuscht", betonte Bonns Wirtschaftsförderin Victoria Appelbe gestern.

Appelbe ist zuversichtlich: Wenn das Schweizer Unternehmen wie angekündigt 2018 seine beiden Standorte in der Südstadt und an der Rabinstraße gegenüber dem Alten Friedhof aufgibt, werde die Lücke mit einer adäquaten Nachnutzung der Gebäude, die verkauft werden sollen, auf jeden Fall geschlossen werden können.

"Bonn ist ein hervorragender Bürostandort", sagte die Wirtschaftsförderin. Und versicherte: "Wir haben seit dem Zeitpunkt, als uns die Zurich-Gruppe über eine möglichen Konsolidierung in Köln oder Bonn informiert hat, alles, was an geeigneten Standorten in Frage kam, in die Waagschale geworden." Doch ein Hauptkriterium sei die Frage der Verkehrsanbindung gewesen. "Das hat bei der Entscheidungsfindung für Köln eine überragende Rolle gespielt", ist Appelbe überzeugt und nannte die seit Jahrzehnten dauernde Debatte um den Autobahnnetzschluss und die schlechte ICE-Verbindung vom Bonner Hauptbahnhof nach Frankfurt, wo sich der rechtliche Firmensitz der Zurich-Gruppe befindet.

Wie berichtet, hatte die Zurich-Versicherung schon seit geraumer Zeit nach einer Alternative zu ihren veralteten Bürogebäuden im Karree Poppelsdorfer Allee, Bonner Talweg, Heinrich-von-Kleist-Straße und Prinz-Albert-Straße gesucht. Nachdem eine Sanierung der Häuser aus Kostengründen nicht infrage gekommen war, fiel die Entscheidung zugunsten einer Zusammenlegung der Standorte Bonn mit rund 1500 Beschäftigten und Köln mit 1300 Mitarbeitern in einem Neubau in der Domstadt. Im Gespräch sind Standorte in Deutz und in Mühlheim. Gern hätte die Stadt Bonn der Zurich-Gruppe einen Standort im Bundesviertel vermittelt. Konkret wollte Appelbe nicht werden, "es handelt sich schließlich um private Grundstücke." Dem Vernehmen nach soll das Bonn-Center im Gespräch gewesen sein. Der neue Eigentümer des 18-geschossigen Bürogebäudes am Bundeskanzlerplatz, die Investmentgesellschaft Art-Invest Real Estate, überlegt derzeit, ob die Immobilie abgerissen oder saniert werden soll.

Zur Frage, wie sich der Abzug der Zurich-Gruppe auf die Gewerbesteuereinnahmen der Stadt Bonn auswirke, sagte Appelbe, "das unterliegt dem Steuergeheimnis". Allerdings soll es sich um einen beträchtlichen Betrag handeln. Zurich-Betriebsratschef Ralf Dieckmann sagte, viele Kollegen seien enttäuscht über die Entscheidung des Vorstands. Bewerten wolle er sie noch nicht. "Wir kennen noch keine Details", sagte er. Persönlich präferiere er wegen der guten Verkehrsanbindung einen Neubau in Köln-Deutz. "Sonst hätten wir in Bonn bleiben können", meinte er.

Die Verkehrsinfrastruktur spiele für Unternehmen bei der Wahl ihres Standortes eine immer bedeutendere Rolle. Dies zeigten nicht zuletzt die beiden Unternehmensentscheidungen von Haribo und Zurich, die sich klar für einen Standort mit besserer Verkehrsanbindung ausgesprochen hätten, sagte IHK-Hauptgeschäftsführer Hubertus Hille. Und forderte: "In die Verkehrsinfrastruktur muss mehr investiert werden."

Enttäuscht äußerte sich auch die Politik. Jetzt müsse man aber nach vorne schauen und die anstehenden Planungsarbeiten für die freiwerdenden Immobilien in der Südstadt und an der Rabinstraße sinnvoll begleiten, hieß es von den drei Koalitionspartnern CDU, Grüne und FDP. "Die insgesamt positive Entwicklung auf dem Markt für Büro-Immobilien zeigt, dass Bonn ein attraktiver Standort für Dienstleister ist."

"Nach dem Umzug von Haribo wird erneut schmerzlich deutlich, in welchem harten Wettbewerb Bonn mit anderen Wirtschaftsstandorten steht", sagte SPD-Fraktionschef Ernesto Harder. Bonn müsse sich dringend um bessere Standortbedingungen kümmern, forderte Hans-Friedrich Rosendahl (AfD). (Lisa Inhoffen)