Vorwürfe gegen Ermittler und Justiz

Großmutter von Niklas Pöhler schreibt bewegenden Brief

Bonn. Die Großmutter von Niklas Pöhler beschreibt in einem Brief ihre Trauer und erhebt Vorwürfe gegen Ermittler und Justiz. Der Schmerz über seinen Verlust werde wohl nie vergehen.

Der Tod von Niklas Pöhler ist ungesühnt. Jetzt hat sich die Großmutter des 17-Jährigen, der vor einem Jahr in Bad Godesberg zum Todesopfer einer Prügelattacke wurde, an den General-Anzeiger gewandt. In einem handschriftlichen Brief schildert die 77-Jährige ihre Gemütslage angesichts des zurückliegenden Strafprozesses. Der endete bekanntlich vor zwei Wochen damit, dass der 21-jährige Hauptverdächtige freigesprochen wurde, weil das Gericht seine Schuld nicht zweifelsfrei feststellen konnte.

Dass auch die Unschuld des ehemals Angeklagten damit nicht zweifelsfrei erwiesen ist, fasst Waltraud Pöhler so in Worte: „Als Oma meines Enkels Niklas, der im vergangenen Jahr einen so grauenhaften und sinnlosen Tod fand (völlig unverschuldet), stehen wir Angehörigen und Freunde voller Schmerz und hilflos der Rechtsfindung gegenüber“, schreibt sie und übt dabei offene Kritik an der Arbeit der Juristen: „Wie würdelos ist man in der Urteilsfindung mit seinem Tod umgegangen“, schreibt die in Aachen lebende Seniorin.

Die Oma äußert Zweifel an der Beweisaufnahme

Wie berichtet, hatte der Vorsitzende Richter in einem Vorwort vor seiner Urteilsbegründung Kritik an all jenen geäußert, die den Fall seiner Meinung nach für ihre Zwecke instrumentalisiert und etwas daraus gemacht hätten, „was er nicht sei“. Wörtlich nannte der Richter Politik, Medien und Kirchenvertreter. Auch relativierte er den Fall, indem er bemerkte, Niklas Tötung sei nicht die „brutalste Tat“ gewesen, als die sie in der Öffentlichkeit dargestellt worden sei. Vielmehr habe die Kammer „weitaus schlimmere Fälle zu verhandeln“, sagte der Richter wörtlich. Und nicht zuletzt stellte er die Hypothese in den Raum, dass sich ohne den öffentlichen Druck womöglich doch Zeugen getraut hätten, die Wahrheit zu sagen. Dass der Vorsitzende damit implizit einen wesentlichen Teil der Verantwortung für den Ausgang des Verfahrens von seiner Kammer auf die Öffentlichkeit lenkte, ließ einen Teil der Reaktionen ebenso kritisch ausfallen wie seine subjektive Klage über eine „Instrumentalisierung“.

Doch Waltraud Pöhler bewegt etwas anderes. Sie hegt erhebliche Zweifel an der Art der Beweisaufnahme, die sie für nachlässig hält. „Wo sind die DNA-Abgleiche der Schuhe, die Niklas nach dem fürchterlichen Faustschlag fast tot am Boden liegend noch ins Gesicht getreten haben, wo sind DNA-Proben der Jacke mit Niklas Blutspuren, die in einem Schrank der Burschen lag, aber niemandem gehörte. Also Akte zu…“, schreibt die gelernte Medizinisch-Technische Assistentin, die ihren Beruf einst in Bonn erlernte. Auch sei ihrer Ansicht nach die Möglichkeit nur unzureichend erörtert worden, dass Niklas' Freund den Täter deshalb nicht identifizieren konnte, weil er zur Tatzeit unter Schock stand und es zudem dunkel war.

"Wie geht man mit dem Freispruch um?"

„Ich habe einen Kloß im Hals und weiß nicht, wie ich es benennen soll“, sagt Waltraud Pöhler am Telefon. Für sie selbst ist der Tod des Enkelkindes nicht der erste Schicksalsschlag. Ihr Sohn, Niklas' Vater, starb vor dreieinhalb Jahren; er wurde 49 Jahre alt. In der vergangenen Woche besuchte sie das Rondell in Bad Godesberg, an dem Niklas erschlagen wurde. Die vielen Blumen und Karten am Tatort – ein Jahr danach – hätten sie sehr berührt und ihr die Gewissheit gegeben, dass Niklas nicht vergessen ist. Und doch werde sie eine Sorge nicht los: Dass Niklas' Tod ohne Konsequenzen bleiben könnte und die ganze Sache irgendwann im Sande verläuft. „Es darf nicht sein, dass Niklas 'für nichts' gestorben ist. Ich habe das Bedürfnis, etwas für ihn zu tun“, sagt sie. Im Brief an den General-Anzeiger hatte sie es so ausgedrückt: „Der Schmerz über seinen Verlust wird wohl nie vergehen, er war ein allseits beliebter Sohn, Bruder, Enkel, Vetter und Freund. Jeder mochte ihn.“

Auch Pfarrer Wolfgang Picken hatte in seiner Trauerrede das Bild eines liebenswerten und ernsthaften Jugendlichen mit einem ausgeprägten Gerechtigkeitssinn gezeichnet und gefordert: „Wir schulden als Staat, Kirche und Gesellschaft Niklas das Versprechen, dass so etwas nie wieder passiert!“

Die Befürchtung, dass genau das aber geschehen könnte, habe sie zu ihrem Brief veranlasst, erklärt Waltraud Pöhler: „Mein Enkel ist tot, die anderen sind frei. So etwas könnte Schule machen.“ Im Trauergottesdienst sei Niklas' Schwester von ihrer Freundin aus der Kirche geführt worden, weil sie so nach ihrem Bruder rief. Dazu die Großmutter: „Und jetzt der Freispruch. Wie geht man damit um?“

Das offizielle Jahresgedenken an Niklas findet am Donnerstag, 15. Juni, mit dem Fronleichnamsgottesdienst in Bad Godesberg statt. Beginn im Rüngsdorfer Panoramapark an der Bastei ist um 10 Uhr.