Überraschung bei Europawahl

Grüne mit Abstand stärkste Kraft in Bonn

Die Grünen jubeln über ihren Wahlsieg.

Die Grünen jubeln über ihren Wahlsieg.

Bonn. Große Überraschung bei der Europawahl in Bonn: Die Grünen sind vor der CDU die mit Abstand stärkste Kraft, die SPD muss erhebliche Verluste hinnehmen.

Die Grünen in Bonn haben Geschichte geschrieben: Erstmals hat die Ökopartei bei einer Wahl mit fast 32 Prozent in der Bundesstadt die Nase vorn. Mit deutlichem Abstand von knapp neun Prozent hat sie die CDU auf Platz zwei verwiesen. Sie erhielt 23 Prozent. Richtiggehend in den Keller gerutscht ist die SPD. Sie errang gerade mal 15,4 Prozent. Bei der Europawahl 2014 lag sie noch bei 28,4 Prozent. Ungefähr gleich geblieben sind die Bonner Ergebnisse für die Liberalen (7 Prozent) und für die AfD (knapp 6 Prozent).

CDU bleibt stärkste Kraft im Rhein-Sieg-Kreis Die Grünen werden zweitstärkste Kraft im Kreis, die SPD rutscht um fast 14 Prozentpunkte ab.

Punkt 18 Uhr: Lauter Jubel dringt aus dem Bistro "Pauke" in der Weststadt. Die erste Hochrechnung aus dem ARD-Studio flimmert über den Bildschirm. Mehr als 22 Prozent der Deutschen haben Grün gewählt, zeigt die Tabelle. Damit weiß die Bonner Grünen-Kandidatin Alexandra Geese: Sie ist drin. Künftig fährt die 50-Jährige nicht mehr zum Dolmetschen ins EU-Parlament. "Das ist viel mehr, als ich gehofft habe", sagt sie und lacht. "Das ist ja ein Erdrutsch."

Union und SPD haben bei der Europawahl in Deutschland historisch schlecht abgeschnitten. Trotzdem bleiben CDU und CSU zusammen stärkste Kraft. Die Sozialdemokraten dagegen verlieren bei der Abstimmung am Sonntag mehr als zehn Prozentpunkte und rutschen auf den dritten Platz. Die Ergebnisse könnten das schwarz-rote Bündnis in Berlin stark belasten. Großer Gewinner sind die Grünen, sie klettern erstmals bei einer bundesweiten Wahl auf Rang zwei. Die EU-skeptische AfD verbessert ihr Europawahl-Ergebnis, bleibt aber unter dem der Bundestagswahl 2017.

Alexandra Geese, die Mutter von drei Töchtern, die aus Bonn stammt und am Friedrich-Ebert-Gymnasium Abitur gemacht hat, ahnt am frühen Abend noch nicht, dass die Grünen auch in Bonn quasi durch die Decke schießen. Ihr bestes Ergebnis holen sie in ihrer traditionellen Hochburg, im Kommunalwahlbezirk Innere Nordstadt mit 42 Prozent. Im Baumschulviertel/Südstadt erzielen sie 41,4 Prozent. In Kessenich gibt es 40,1 Prozent. Den Grünen-Parteisprecherinnen Andrea Bauer und Katrin Uhlig hat es die Sprache verschlagen. Bauer: "Mein Wortschatz ist normalerweise größer, jetzt fällt mir im Moment nur ein: Das Ergebnis ist für uns Bonner Grüne überwältigend."

Verhaltene Stimmung bei der CDU

Im "Meyer's" in Poppelsdorf haben sich die Spitzen der Bonner Christdemokraten und viele Anhänger versammelt. Anders als noch bei der Wahl 2014 muss CDU-Europaabgeordneter Axel Voss nicht um seinen Wiedereinzug ins EU-Parlament zittern. Der gebürtige Hamelner, der seit mehr als 30 Jahren in Bonn lebt, weiß dieses Mal bereits nach der ersten Hochrechnung, dass er mit Listenplatz vier in NRW seinen Sitz in Brüssel sicher hat. Die Stimmung ist dennoch verhalten. "Ich hätte mir ein besseres Ergebnis für die CDU bundesweit gewünscht", räumt er ein.

Infografik: So haben die Jungen für Europa gewählt | Statista Mehr Infografiken finden Sie bei Statista 

Viele Wähler hätten bei dieser Europawahl ihren Fokus auf Klimaschutz und Urheberrecht gelegt und wohl die Möglichkeit genutzt, ihr Kreuzchen an einer anderen Stelle zu setzen, als sie es sonst tun würden, meint der Jurist, der zuletzt als Berichterstatter des Europäischen Parlaments für die Reform des EU-Urheberrechtes massiv in die Kritik geraten war. Seine Erkenntnis: "Wir müssen als CDU konzeptioneller an das Thema Klimaschutz herangehen."

Selbstkritik bei Katzidis

Selbstkritisch geht Kreisvorsitzender Katzidis mit seiner Partei ins Gericht: "Vorsichtig gesagt, war die Kommunikationsstrategie der Bundespartei bei Artikel 13 des Urheberrechts und bei Rezo suboptimal", sagt er. Wie berichtet, hatte der Youtuber Rezo mit seiner vernichtenden Kritik an der CDU, die vor einer Woche online ging, im Netz rund 11,5 Millionen Videoaufrufe erzeugt. Mit Blick auf das Abschneiden der CDU in Bonn zeigt sich Katzidis verwundert und zugleich zerknirscht. "Dass wir so schlecht abschneiden würden, das habe ich nicht gedacht. Das sehe ich als Auftrag an uns, vor allem mit Blick auf das C in unserer Partei: Wir dürfen das Thema Klima- und Umweltschutz nicht mehr nur den Grünen überlassen."

Katzidis fordert nicht nur auf Bundesebene von der CDU eine stärkere Auseinandersetzung mit dem Thema, er wolle es auch im Kreisverband mehr in den Mittelpunkt rücken. Punkten kann die CDU in Bonn bei den Briefwahlbezirken und ihren Hochburgen in Röttgen/Ückesdorf (29,9), Venusberg/Ippendorf (29,4) und Brüser Berg/Lengsdorf (29,2). Gerade 10,1 Prozent erzielt sie in der Inneren Nordstadt.

Die Bonner SPD, die zu keiner Wahlparty auswärts geladen hat, sondern mit ihren Spitzen im Parteihaus am Clemens-August-Platz den Ausgang der Europawahl verfolgt, erlebt den Gau. Lediglich im Kommunalwahlbezirk Tannenbusch schneidet sie mit 21,4 Prozent von allen Parteien am besten ab. "Wir sind alle ziemlich ernüchtert", sagt SPD-Unterbezirksvorsitzender Gabriel Kunze. "Das Wahlergebnis entspricht nicht unseren Bemühungen. Das müssen wir erst einmal so schlucken."

SPD nur in einem Kommunalwahlbezirk vorn

Derweil haben sich im Pressezentrum im Stadthaus FDP-Kreisvorsitzende Franziska Müller-Rech und Ratsfraktionschef Werner Hümmrich eingefunden. Sie zeigen sich mit dem Bonner Ergebnis der FDP zufrieden und danken ihrem EU-Kandidaten Elmar Conrads-Hassel für den Wahlkampf in Bonn. Eine echte Chance hatte der Bonner Bezirksverordnete aufgrund seines hinteren Listenplatzes bei den Bundes-Liberalen nie.

Am Eingang des Pressezentrums steht AfD-Kreisvorsitzender Sascha Ulbrich. Aus seiner Enttäuschung darüber, dass seine Partei in Bonn kaum dazu gewonnen hat, macht er keinen Hehl. Seine Analyse: "Bonn ist eine Universitätsstadt mit einer eher linken Hochschulgemeinde. Außerdem sind in Bonn die etablierten Parteien offensichtlich stärker verwurzelt als in anderen Städten."