Während der Ruhepause

Glockenforscher untersuchen Geläut im Bonner Münster

Die Glocken im Bonner Münster.

Die Glocken im Bonner Münster.

Bonn. Die Ruhepause der Glocken im Bonner Münster nutzen derzeit Experten, um das Geläut mit modernster Technik unter die Lupe zu nehmen. Falsche Aufhängungen oder ein zu starker Anschlag des Klöppels können beispielsweise die Glocke unbemerkt beschädigen oder sogar zerstören.

Denis Spiess lötet einen Sensor auf eine Glocke im Turm des Bonner Münsters. Gerade einmal so groß wie ein Fingernagel, misst der Sensor jede Schwingung, die durch den Bronzeguss fährt. „Anhand dieser Werte können wir herausfinden, ob die Glocke optimal läutet“, erklärt der Glockenforscher. Die auf die Ergebnisse folgenden Maßnahmen sollen aber nicht nur den Klang verbessern, sondern auch die Lebensdauer erhöhen. Die Experten haben zudem die Statik des Kirchturms im Blick.

Hoch oben im Turm der Basilika läuten die insgesamt acht Glocken (siehe „Die acht Münster-Glocken“) seit mehr als 260 Jahren. „Diese Zeit geht nicht spurlos an ihnen vorbei“, sagt Michael Plitzner vom europäischen Kompetenzzentrum für Glocken (ECC) in Kempten. Er und Spiess begutachten seit Montag das Geläut. Altersbedingte Risse in den Glocken seien normal. „Äußerlich sehen sie ganz gut aus.“ Bis auf die Stadtpatrone-Glocke, aus der ein Stück herausgebrochen ist.

Das sei beim Wiederaufhängen nach dem Krieg passiert, erzählt Plitzner, der sich als Theologe auch mit der Historie des Geläuts beschäftigt hat. Als die Stadtpatrone-Glocke Weihnachten 1945 hochgezogen wurde, löste sich das Zugseil, und 2,4 Tonnen Bronze rasten zu Boden. „Auf den Klang hatte das aber keine großen Auswirkungen.“

Ob wirklich alles mit der Glocke in Ordnung ist, kann Plitzner nur mit technischen Hilfsmitteln beurteilen. Dafür haben er und seine Kollegen am ECC den sogenannten „musikalischen Fingerabdruck“ entwickelt. Die Fachleute nehmen den gesamten Glockenstuhl und das Geläut mit modernster Technik unter die Lupe. Jedes Detail zählt. Zum Schwingen bringen die tonnenschweren Glocken Elektromotoren, die über eine Antriebskette und Drahtseile miteinander verbunden sind. Alles ist exakt aufeinander abgestimmt: Läutemaschine, Klöppelinstallation und Klöppelaufhängung, der Winkel, in dem die Glocke schwingt. Falsche Aufhängungen oder ein zu starker Anschlag des Klöppels können die Glocke unbemerkt beschädigen oder sogar zerstören.

„Auch wenn der Klöppel mit dem 500-Fachen der Erdbeschleunigung hin- und herrast, soll er die Glocke nur küssen“, sagt Plitzner. Doch diese Kräfte möglichst sanft zu kalibrieren ist aufwendig. Dort, wo der Klöppel anschlägt, löten die Fachleute kleine Sensoren auf. Mit einer Abtastrate von 50 Kilohertz wird jede Vibration der Glocke wie bei einem Seismographen am Computer notiert. „Alle 0,00002 Sekunden bekommen wir einen Wert geliefert, der so genau ist, dass wir damit auch den Ton bestimmen können“, erklärt Spiess. Zusätzlich registriert ein Beschleunigungssensor, wie schnell sich der Klöppel bewegt. Und mehrere Mikrofone überwachen den Klang, der aus vielen sich überlagernden Tönen besteht. Denn jede Stelle der Glocke klingt anders. Seit der letzten Untersuchungen des Münster-Geläuts sind mehr als 30 Jahre vergangen. „Wie in allen anderen Teilbereichen der Generalsanierung, so ist uns auch hier eine gute und grundlegende Bestandsaufnahme und Analyse sehr wichtig“, sagt Michael Bogen aus dem Kirchenvorstand. Das lässt sich die Kirche mehrere Tausend Euro kosten.

Was passieren kann, wenn eine Glocke zu stark beansprucht wird, hat der „Decke Pitter“ im Kölner Dom gezeigt. Dessen rund 800 Kilogramm schwerer Klöppel brach wegen Materialermüdung und stürzte zu Boden. Auch ihn untersuchte das ECC und berechnete einen neuen, um einen weiteren Klöppelbruch auszuschließen und in Zukunft schonender zu läuten. Jetzt ist er zur Aufhängung hin schmaler, hat dafür aber eine größere Schlagkugel.

So läuteten die Glocken vor der Sanierung

„Je nachdem, wie die Ergebnisse im Münster ausfallen, gibt es hier ebenfalls neue Klöppel“, sagt Michael Plitzner. Ein anderes Mittel, um auf Risse in der Glocke zu reagieren, ist ihre Drehung um etwa 30 Grad. Das ist auch schon ein paar Mal gemacht worden, wie unterschiedliche Anschlagpunkte auf den Innenseite der Glocken verraten. „Dadurch wird die Belastung verteilt. Wir kontrollieren, ob sich die Risse verschlimmert haben.“ Oben in der Spitze des hölzernen Kirchturms hat er noch mehr Sensoren angebracht. Denn die Vibrationen übertragen sich auch auf das alte Gebälk. „Bei jedem Läuten schwingt die Kirchturmspitze mit“, sagt Plitzner, der noch bis Freitag das Münster begutachtet. Damit keine Schäden an der Statik entstehen, werden diese Bewegungen gemessen und in den späteren Maßnahmen berücksichtigt. Welche das sein werden? Das wird erst im Frühjahr klar sein, wenn die Generalsanierung der Kirche beginnt.