Krisenstimmung bei Bonner Polizei

Frust im Präsidium - Personalmangel, Überalterung, empörte Bürger

Neuland für die Polizei: Rockerbanden interessieren sich neuerdings für Bonn. Am 21. Oktober versammelten sich Mitglieder der Bandidos und der Chicanos vor der Stiftsgarage an der Kölnstraße.

18.11.2013 Bonn. Krisenstimmung im Bonner Polizeipräsidium: Personalmangel, Überalterung, Frust durch fragwürdige Beförderungspraxis, Respektlosigkeit gegenüber Uniformierten und inzwischen auch empörte Bürger. Eine Zustandsbeschreibung.

Die Beschäftigung mit Verbrechen gehört für Professor Rainer Banse, Lehrstuhlinhaber am Institut für Psychologie der Universität Bonn und einer der profiliertesten Rechtspsychologen Europas, zum Berufsalltag. Der Wissenschaftler erforscht zum Beispiel die Glaubwürdigkeit von Zeugenaussagen oder die Chancen einer Resozialisierung verurteilter Straftäter. Dem Beruf des Polizisten zollte Banse stets höchsten Respekt. Doch was der Professor nicht von Berufs wegen, sondern als Familienvater mit der Bonner Polizei erlebte, hat für empfindliche Risse im Bild gesorgt.

Banses Tochter, deren Namen wir auf Wunsch der Familie nicht nennen, war an einem frühsommerlichen Freitag gegen 18 Uhr in Duisdorf auf dem Weg zur Bushaltestelle, als sie plötzlich von hinten an der Schulter gepackt wurde.

Die damals 16-Jährige reagierte im ersten Moment empört auf den fremden Mann, dann furchtbar erschrocken. Denn der hielt ein Messer in der Hand. Die Hand mit dem Messer zuckte nach vorne, wieder zurück, wieder nach vorne, immer in Richtung ihres Bauches. "Da habe ich ihm gegen die Beine getreten, um ihn auf Abstand zu halten, und außerdem wie am Spieß geschrien. Das irritierte ihn offenbar so sehr, dass er davonrannte."

Sie alarmierte per Handy die Polizei, eine Streifenwagen-Besatzung erschien nur Minuten später. "Eine Frau und ein Mann. Die waren sehr nett." Sie schilderte den beiden uniformierten Beamten, was ihr widerfahren war, und beschrieb den Messerstecher. "Meine Eltern waren übers Wochenende verreist. Weil ich noch minderjährig war, musste mein Vater in der Folgewoche zur Polizei, um die Anzeige zu unterschreiben."

Eine weitere Woche verging, bis Professor Banses Tochter zur Kripo in Duisdorf gebeten wurde. Ihre Mutter begleitete sie. "Zunächst testete der Beamte mein Beobachtungsvermögen: Ich sollte raten, wie alt er sei. Das gelang mir wohl ganz gut. Anschließend sollte ich noch einmal den Tathergang schildern und den Mann beschreiben. Dann wurden mir Fotos gezeigt. Bei einem Foto war ich mir sehr sicher und sagte, da gebe es eine große Übereinstimmung - allerdings sei der Täter heute etwa zehn Jahre älter. Da staunte der Kripo-Beamte und sagte, das Foto sei tatsächlich genau zehn Jahre alt. Dann sagte er sinngemäß, der Mann auf dem Foto sei aber leider aus Sankt Augustin, dann werde das wohl nichts, weil das außerhalb des Zuständigkeitsbereiches der Duisdorfer Kripo liege. Wir fuhren wieder nach Hause und hörten nie wieder etwas von der Polizei. Die Vorstellung, dass dieser Mann vielleicht nie behelligt wurde und dem nächsten Opfer auflauert, ist schon frustrierend."

Professor Banse ließ das keine Ruhe. Wochen später versuchte er, den zuständigen Sachbearbeiter telefonisch zu erreichen. Doch der befand sich im Urlaub, und so wurde Banse zum Dienststellenleiter durchgestellt. "Aber der blaffte mich nur an, was ich mich da einmische. Das war der letzte Kontakt in der Angelegenheit."

Ein Einzelfall. Aber einer von vielen Einzelfällen, die dem General-Anzeiger von empörten Bürgern gemeldet wurden.

Eine ältere Dame besucht ein Konzert des Beethovenfestes. Nach dem Verlassen der Halle stellt sie entsetzt fest, dass ihr Auto aufgebrochen wurde. Anruf bei der 110. Der Beamte am Telefon der Einsatzleitstelle teilt in knappen Worten mit, dass man "wegen so etwas" nicht extra 'rauskomme, und erteilt den Rat, zur Firma Carglass zu fahren und die eingeschlagene Scheibe reparieren zu lassen. Der Bürgerin wird also deutlich signalisiert: Selbst der Versuch einer Strafverfolgung wird ausgeschlossen.

Ein Einzelfall. Aber einer von vielen Einzelfällen.

Im September radelt ein Oberkasseler Ehepaar am frühen Abend zu den Kinkel-Stuben mitten im Ort. Das Traditionshaus ist die richtige Adresse, um den Hochzeitstag zu feiern. Das Paar hat eigens einen Babysitter engagiert. Als man die Gaststätte wieder verlässt, sind die Räder verschwunden. Der Mann wählt per Handy die 110.

Der Beamte der Einsatzleitstelle im Präsidium sagt, er sehe keine Möglichkeit, einen Streifenwagen zum (nur anderthalb Kilometer entfernten) Tatort zu schicken. Aber man könne ja auch via Internet Anzeige erstatten. Der Beamte nennt eine Online-Adresse.

Zu Hause versucht der Bestohlene den Rest des Abends vergeblich, online Anzeige zu erstatten. Der Mann ruft am nächsten Morgen erneut bei der Polizei an. Neue Schicht, anderes Personal: Bei diesem Telefonat stellt sich heraus, dass die am Vorabend genannte Internet-Adresse falsch war und er deshalb keinen Erfolg haben konnte. Der Beamte fragt, warum sie denn am Vorabend nicht einfach zur Wache im Präsidium gekommen seien. Der Bestohlene gerät unter Rechtfertigungsdruck: Aber der Kollege habe doch zur Online-Anzeige geraten. Außerdem: ohne die gestohlenen Fahrräder die anderthalb Kilometer zu Fuß und wieder zurück und von dort aus noch zu Fuß in entgegengesetzter Richtung nach Hause, wo der Babysitter schon auf glühenden Kohlen saß...

Der Beamte unterbricht in ruppigem Tonfall, dann hätten sie eben mit der Bahn fahren sollen. "Ich habe mich darüber sehr geärgert", sagt der Oberkasseler Bürger dem General-Anzeiger. Auch in diesem Fall lernt das Opfer: An einer Strafverfolgung besteht kein Interesse.

Ein Einzelfall. Einer von vielen Einzelfällen.

Kein Einzelfall: Bürger werden zu Opfern, wählen die 110 - und niemand geht ans Telefon. Das ist mehreren Tausend Menschen in Bonn und der Region im vergangenen Jahr passiert. 2012 gingen von 136 129 Notrufen bei der Bonner Einsatzleitstelle exakt 5527 "verloren". Das bedeutet laut Statistik der Landesregierung: Die Anrufer legten nach mehr als fünf Sekunden Wartezeit wieder auf. Von den 5527 verlorenen Notrufen waren 2237 auch nach 20 Sekunden nicht angenommen worden.

Um es vorwegzunehmen und ganz deutlich zu sagen: Viele Bonner Polizeibeamte leisten tagtäglich hervorragende Arbeit im Dienste der Bürger. Selten werden sie dafür von der Öffentlichkeit gelobt, gern aber bei Fehlern getadelt. Allein in den vergangenen drei Monaten haben zwei Kollegen des Präsidiums Suizid begangen. Die Scheidungsrate ist in diesem Beruf überdurchschnittlich hoch, der Job stellt eine extreme Belastung für die Familie dar: unplanbare Sondereinsätze und Überstunden, Wechseldienst im Drei-Schicht-Betrieb. Und mit wem soll man abends darüber reden, dass man tagsüber die Einzelteile einer Leiche am Bahndamm gesucht oder in die Augen eines zu Tode misshandelten Kindes geschaut hat? Belastet man damit die Ehefrau, oder behält man das Erlebte besser für sich? "Wenn ich von einem Tatort komme, übernachte ich auf der Couch im Wohnzimmer, weil meine Frau den Leichengeruch nicht erträgt", schildert ein Beamter.

Aber die eingangs genannten Beispiele nähren die Vermutung, es könnte sich um ein Strukturproblem innerhalb des Apparates handeln. Wie heißt die Ursache?

Polizeipräsidentin Ursula Brohl-Sowa möchte dazu noch kein Gespräch mit dem General-Anzeiger führen. "Am Donnerstag werde ich in der lang anberaumten Personalversammlung unter anderem zu Fragen der Personalentwicklung und -ausrichtung in unserer Behörde ausführlich Stellung beziehen", ließ sie ihre Pressestelle die Absage schriftlich übermitteln.

Zu Gesprächen bereit waren hingegen nicht nur die Gewerkschaft der Polizei (GdP) und der Bund Deutscher Kriminalbeamter (BDK), sondern auch die Praktiker des polizeilichen Alltags: knapp ein Dutzend aktiver und pensionierter Bonner Schutzpolizisten und Kriminalpolizisten, allesamt Polizeibeamte mit Leib und Seele, die für ihren Beruf brennen oder gebrannt haben. Sie wollen ihre Namen nicht in der Zeitung genannt wissen. Zitate ohne konkrete Quellenangabe im folgenden Text stammen aus dem Kreis dieser Beamten. Ihre Aussagen ähneln sich ohnehin frappierend. Das vorweggenommene Fazit: Es scheint in Bonn nicht ein zentrales Problem zu geben, sondern eine Fülle von schwerwiegenden Problemen.

Spiegel der Gesellschaft:

"Ich höre das immer wieder aus der Bürgerschaft", sagt ein pensionierter Beamter. "Opfer oder unbeteiligte Zeugen werden zunehmend nicht mehr höflich und mit Respekt behandelt. Dafür gibt es zunächst einmal keine Entschuldigung. Allerdings sind Polizisten nicht bessere oder schlechtere Menschen. Sie haben zufällig Polizist und nicht Bäcker oder Bankkaufmann oder Arzt gelernt. Die Polizei ist ein Spiegel unserer Gesellschaft, und die ist allgemein von einer zunehmenden Rücksichtslosigkeit und mangelnden Empathie gekennzeichnet."

Der Hauptstadt-Umzug:

"Das hat uns im Präsidium völlig unvorbereitet getroffen", erinnert sich ein Kriminalbeamter. "Die Personalstärke wurde quasi von heute auf morgen nahezu halbiert. Zu Hauptstadt-Zeiten waren wir einmal 2600 Beamte. Natürlich suchten sich vor allem die jüngeren Kollegen neue Jobs mit Perspektive in auswärtigen Dienststellen - jene ohne schulpflichtige Kinder und Eigenheim. Was schlagartig zu einer enormen Überalterung im Bonner Präsidium führte."

Dies hat immense Folgen für den polizeilichen Alltag. Betagte Kollegen hetzen nach weit mehr als 30 Jahren Schichtdienst auf Streife jugendlichen Kriminellen nach. In Bonn unterliegen rund 170 Polizeibeamte gesundheitlich bedingten Einschränkungen in ihrer Verwendung - was zwangsläufig Auswirkungen auf die Dienstpläne der jüngeren Kollegen hat. Hinzu kommt: In früheren Zeiten gab es für ältere Beamte Innendienst-Jobs. Doch die sind inzwischen weitgehend an Zivilangestellte vergeben.

Die Beförderungsbremse:

Auch wenn sich die Besoldung von Beamten aufgrund zahlreicher Sonderbestimmungen (Dienstalter, Familienstand, Ortszuschläge, etc.) kaum vergleichen lässt: Der mit Hochschulexamen versehene Leiter einer Mordkommission verdient im Schnitt deutlich weniger als ein Gymnasiallehrer. "Die Bezahlung ist aber insgesamt okay", versichert ein Beamter. "Allerdings gibt es intern viel Ungerechtigkeit und deshalb Anlass für Frust."

Beispiel: Wer einen herausragenden Job als Kriminalist macht, aber Karriere machen oder aus familiären Gründen finanziell weiterkommen will, ist unter Umständen gezwungen, sich sachfremd bei der Schutzpolizei zu bewerben - beispielsweise als Leiter der Motorradstaffel oder einer Wache. Die Beförderung etwa von A11 (Hauptkommissare als Sachbearbeiter) auf A12 (Hauptkommissare mit besonderer Aufgabe oder Führungsverantwortung) ist nicht von der individuellen Leistung abhängig, sondern von Schlüsselvorgaben aus Düsseldorf. Und A13-Stellen (Erste Hauptkommissare als Dienststellenleiter) werden grundsätzlich landesweit ausgeschrieben.

Jeder Beamte wird deshalb regelmäßig von seinem Dienststellenleiter nach einem Punktesystem bewertet und benotet. "Während man in Köln auch mal einen Bewerber aus dem eigenen Laden bevorzugt, weil man aus der Praxis weiß, dass er einen guten Job macht und über die Ortskenntnis verfügt, geht man in Bonn gnadenlos nach dem Punktesystem vor, obwohl die Benotungen ja völlig subjektiv und deshalb kaum vergleichbar sind", erzählt ein Polizist. "Wenn der Bewerber aus Wesel von seinem dortigen Dienststellenleiter einen einzigen Punkt mehr bekommen hat als der Bonner Bewerber von seinem Vorgesetzten, dann wird der Bewerber aus Wesel genommen."

Und warum wird so verfahren? Da hat ein befragter Beamter seine eigene Theorie: "Weil sich eine heterogene Mannschaft mit vielen Ortsfremden bequemer führen und steuern lässt als eine homogene Truppe von Kollegen, die sich seit vielen Jahren kennen."

Dient das denn der Effizienz der Arbeit? "Das ist doch egal. Die Arbeit, die wir machen, interessiert doch in Wahrheit niemanden da oben. Hauptsache, die Statistiken nach den Vorgaben des Innenministers stimmen."

Die Einheitspolizei:

"Wir haben in Nordrhein-Westfalen doch bald überhaupt keine vernünftig ausgebildeten Kriminalbeamten mehr", beklagt ein pensionierter Kriminalist.

"Früher gab es speziell ausgebildete Schutzpolizisten sowie speziell ausgebildete Kriminalbeamte. Seit Anfang der 90er Jahre die geteilte Laufbahn und damit die getrennte Ausbildung abgeschafft wurde, haben wir eine Einheitspolizei mit akademischer Einheitsausbildung. Der rein kriminalistische Teil der Ausbildung, theoretisch wie praktisch, ist im Vergleich zu den Jahrzehnten vor der Einheitspolizei erheblich geschrumpft. Ich wüsste bis heute nicht, wie man einen Unfall aufnimmt. Aber heute werden Beamte zur Kripo versetzt, die zuvor vielleicht mit Radarmessungen oder Verkehrserziehung an Schulen beschäftigt waren. Wichtige Aufgaben, aber eine denkbar schlechte Berufsvorbereitung für einen künftigen Kriminalisten."

Dies bestätigt auch Hermann-Josef Borjans, gelernter Kripobeamter aus Bonn und Bundespressesprecher des Bundes Deutscher Kriminalbeamter: "Zu meiner Zeit gab es die dreijährige Knochentour durch die Kommissariate", erinnert sich der 54-Jährige. "Diebstahl, Einbruch, Erkennungsdienst, Kriminalwache - nur so entwickelt man ein kriminalistisches Gespür. Heute besteht die Ausbildung vorrangig aus der Kombination Studium plus Einsatzhundertschaft der Bereitschaftspolizei. Da kommen Leute mit null Erfahrung zur Kripo."

Das Einsatzgebiet:

Bonner Polizeibeamte verbringen notgedrungen große Teile ihrer Arbeitszeit im Auto. Denn das Präsidium betreut nicht nur die Stadt Bonn, sondern auch den linksrheinischen Teil des Rhein-Sieg-Kreises (Wachtberg, Rheinbach, Meckenheim, Swisttal, Alfter, Bornheim) von der rheinland-pfälzischen Landesgrenze bis fast vor die Tore Kölns sowie das Siebengebirge mit den Städten Königswinter und Bad Honnef. Zahlreiche externe Dienststellen wurden in den vergangenen Jahrzehnten auf den Tagdienst reduziert oder komplett geschlossen.

Ein Beispiel: Noch in den 80er Jahren existierten im rechtsrheinischen Einsatzgebiet vier eigenständige Wachen: Beuel-Zentrum, Königswinter, Oberpleis und Bad Honnef. Heute ist dafür eine einzige Wache zuständig: jene im Ramersdorfer Präsidium. Für das Gebiet von der Siegmündung im Norden bis zum Rand des Westerwalds im Süden stehen nachts maximal drei Streifenwagen-Besatzungen zur Verfügung. Von der Wache im Präsidium in Bonn-Ramersdorf bis zum Einsatzort im Bad Honnefer Ortsteil Rottbitze sind es 22 Kilometer, ein Drittel davon enge, steile Serpentinenstrecke durch das Schmelztal.

"Ich verstehe nicht, wieso die Bürger diese Ausdünnung so hinnehmen und nicht längst auf die Barrikaden gegangen sind", sagt ein Beamter kopfschüttelnd.

Bei unnatürlichen Todesfällen wächst das Einsatzgebiet noch einmal erheblich. Denn bei allen Todesermittlungen (das sind nicht nur die sofort erkennbaren Tötungsdelikte, sondern auch Fälle, die sich erst im Laufe der Ermittlungen als Unfälle oder Suizide herausstellen) ist das Bonner Kriminalkommissariat 11 für den gesamten Rhein-Sieg-Kreis, zweitgrößter Landkreis Deutschlands, sowie für den kompletten Landkreis Euskirchen zuständig, also von den Ausläufern des Bergischen Landes im Osten bis zur 130 Kilometer entfernten Staatsgrenze Belgiens im Westen - eine Fläche von 2543 Quadratkilometern, auf der mehr als eine Million Menschen leben.

Politik und Gesellschaft:

"An allen Ecken und Enden fehlt es an Personal zur effizienten Kriminalitätsbekämpfung", beobachtet ein Beamter. "Fahrraddiebstähle, Autoaufbrüche, selbst Wohnungseinbrüche werden inzwischen nur noch als Versicherungsfälle betrachtet. An Strafverfolgung ist gar nicht mehr zu denken, wie die katastrophale Aufklärungsquote dokumentiert. Aber wenn der Innenminister einen Blitzmarathon will, um in die Medien zu kommen, dann werden personelle Ressourcen im großen Stil verschleudert."

Hinzu komme eine Veränderung in der Gesellschaft, was die Akzeptanz von Autoritäten und den Respekt vor Uniformierten betreffe. "Die Jugendlichen am Rheinufer lachen sich doch heute kaputt, wenn sie von zwei älteren Streifenbeamten morgens um drei gebeten werden, die Techno-Musik im Interesse der Anwohner doch bitte etwas leiser zu drehen."

Dies kann Udo Schott, langjähriger Vorsitzender der Kreisgruppe Bonn der Gewerkschaft der Polizei, bestätigen: "Das betrifft nicht nur die zunehmende Gewaltbereitschaft gegenüber Polizeibeamten. Provozieren ist heutzutage schick geworden. Beleidigen. Bespucken. Beamte werden mit Handys gefilmt, das kann sich anschließend jeder auf YouTube anschauen. Juristische Retourkutschen nach Festnahmen nehmen zu: Da werden Beamte plötzlich zu Beschuldigten. Polizisten sind heute permanent Krisen- und Konfliktsituationen ausgesetzt."

Der 54-jährige GdP-Vorsitzende, seit 38 Jahren Bonner Polizeibeamter, beobachtet eine schleichende Veränderung der Rechtskultur: "Wenn die Staatsanwaltschaft das Beleidigen oder Bespucken nicht strafrechtlich verfolgt, wird der Rechtsfriede empfindlich und dauerhaft gestört. Wenn Politik und Justiz solche Übergriffe als Berufsrisiko betrachten: Da wächst bei den Kollegen der Eindruck, sie seien nur noch Kanonenfutter."

Düstere Zukunft:

"Wir haben in diesem Jahr etwas mehr personellen Zuwachs bekommen, als uns eigentlich vom Landesschlüssel zugestanden hätte", sagt Udo Schott. "Das haben wir nicht zuletzt den Bonner Landtagsabgeordneten Renate Hendricks und Bernhard von Grünberg zu verdanken, die sich wegen unserer prekären Situation massiv dafür in Düsseldorf eingesetzt haben. Aber wenn ich mir die Zahl der Nachwuchskräfte anschaue, die in diesem Jahr ihre dreijährige Ausbildung begonnen haben, und dann gegenrechne, wie viele Kollegen in drei Jahren in Pension gehen werden, dann wird mir angst und bange. Wenn man das landesweit hochrechnet, dann haben wir im Jahr 2020 in NRW 1800 Polizeibeamte weniger als heute. Wir steuern auf eine dramatische Situation zu, weitaus dramatischer als jene nach dem Bonn-Berlin-Umzug."

Das Verbrechen hingegen verzeichnet eine konträre Entwicklung: "Von 1980 bis heute ist die Zahl der jährlichen Straftaten um 40 Prozent gestiegen", sagt Udo Schott. Sein BDK-Kollege Hermann-Josef Borjans ergänzt, dass sich Kriminalität nicht nur quantitativ, sondern auch qualitativ verändert, was etwa die technische Raffinesse, aber auch die Gewaltbereitschaft betrifft: "Internet-Kriminalität wird einen bislang noch ungeahnten Boom erleben. Die Täter sitzen in Nigeria oder Russland, aber die Opfer wohnen in Bonn. Oder denken Sie an die Rockerbanden, die sich neuerdings für Bonn interessieren. Oder die Salafisten."

Hier rächt sich, sagt Schott, wenn Personal aus rein betriebswirtschaftlichem Blickwinkel am untersten Limit gerechnet wird. "Die Präsidentin spricht von bürgernaher Polizei. Wir fragen uns: Wer soll das denn umsetzen?"

Eine Feuerwehr-Polizei:

"Polizeiarbeit muss doch mehr sein als nur das Abarbeiten von Fällen", sagt Udo Schott. "Wir sind aber auf dem besten Weg zur reinen Feuerwehr-Polizei, die nur noch bei Alarmierung reagiert. 1994 wurde der NRW-Schlüssel für Bezirksbeamte von 1:5000 (Einwohner pro Beamter) auf 1:10.000 verdoppelt. Die frühere dezentrale Organisation ermöglichte dank der Ortskenntnis der Beamten auch eine wichtige Sozialfunktion der Polizei. Durch die Arbeitsverdichtung ist es heute gar nicht mehr möglich, dass Beamte mal den Streifenwagen verlassen, um zu Fuß durchs Viertel zu laufen und mit der Nachbarschaft zu reden. Es wird auch kein permanenter Verfolgungsdruck auf Täter ausgeübt, etwa bei Wohnungseinbrüchen."

Bei der Bonner Staatsanwaltschaft sehe das übrigens nicht anders aus, sagt Schott: "Nur schnell einzustellende Strafverfahren sind gute Strafverfahren. Die daraus resultierende psychologische Wirkung auf Opfer wie auf Täter ist für unsere Gesellschaft fatal."

Angesichts dieser Fülle von Problemen ist es fast schon verwunderlich, wie gut die Arbeit der Bonner Polizei noch funktioniert. Dank des Engagements vieler Beamter, die den Beruf nicht als Job, sondern als Berufung verstehen. Aber Fehler und Pannen sind unter diesen Rahmenbedingungen zwangsläufig programmiert. Ein letztes Beispiel:

Einer Mieterin in der Bonner Altstadt kommt das, was vor der Haustür geschieht, nicht koscher vor. Sie alarmiert den Vermieter. Der fährt augenblicklich zum Gebäude an der Heerstraße - und wird Zeuge, wie mehrere Männer an seinem Haus in aller Seelenruhe die winterfeste Rollladenverblendung abschrauben - keine 200 Meter von der Polizeiwache an der Bornheimer Straße entfernt. Der couragierte Hausbesitzer stellt die Diebe zur Rede. Ohne Erfolg. Die Diebe entgegnen, er könne sie ja anzuzeigen - und ziehen mit der Beute ab.

Das Opfer erstattet Anzeige bei der Polizei und serviert den Beamten die Lösung auf dem Silbertablett: In Nähe des Stadthauses sei seine Rollladenverblendung in einem leerstehenden Ladenlokal deponiert und durch das Schaufenster zu besichtigen. Der Eigentümer nennt den Beamten Name und Anschrift eines beteiligten Diebes.

Genutzt hat es ihm nichts. "Auf mehrere Anfragen bei der Kripo erhielt ich immer nur die Auskunft, man sei personell unterbesetzt und gebe die Akte an die Staatsanwaltschaft weiter?", erzählt der Mann.

Wenig später erhält er Post von der Staatsanwaltschaft: Das Ermittlungsverfahren sei eingestellt worden. Der Hausbesitzer legt Beschwerde ein; das Vertrauen in Polizei und Justiz ist längst dahin: "Ich sehe nur, dass ein Parksünder eher bestraft wird als ein Dieb." (Ayla Jacob und Wolfgang Kaes)