Les Humphries Singers

Frontmann Jimmy Bilsbury starb vor zehn Jahren in Bonn

Da war die Welt noch in Ordnung: Jimmy Bilsbury und Renate in den 70er Jahren. 1976 wurde geheiratet, 1991 die Trennung. Dann ging's bergab mit dem Sänger, bis er in Bonn strandete.

Poppelsdorf. Wo immer man in Bonn seinen Namen nennt, Schulterzucken: Jimmy Bilsbury? Nie gehört. Und doch: James Robert Bilsbury, geboren 1942 in Glazebury/England, gesegnet mit einer Hammerstimme und in den 70er Jahren Leadsänger der Les Humphries Singers, gestorben 2003 in Bonn.

In Bonn? Tatsächlich. Vor zehn Jahren wurde die Polizei zur Reuterstraße 12 gerufen, in eine heruntergekommene Absteige für Gestrandete. Dort wohnte Jimmy Bilsbury im zweiten Stock mit Blick auf die Lutherkirche - unerkannt, anonym, als Bezieher von 249 Euro Sozialhilfe.

Der Mann, der in den 70er Jahren gutes Geld verdient hatte und als Co-Autor von Hits wie "Mexico", "Mama Loo" und "Belfast" gilt, lebte hier verarmt und einsam. An jenem Tag, dem 13. März 2003, hatten sich Mitbewohner über den Geruch auf dem Flur beschwert. Die Polizei fand in dem Acht-Quadratmeter-Raum die Leiche eines Mannes - Bilsbury, gestorben durch plötzlichen Herztod.

Der Tote saß auf einem Holzstuhl. Doch die immer wieder kolportierte Aussage, dass hinter ihm Poster von Jürgen Drews und Drafi Deutscher an der Wand hingen, ist nach Angaben seiner Ex-Frau Renate Bilsbury "einhundertprozentig falsch".

Damals nahm in Bonn niemand Notiz von seinem Tod, der erst zwei Tage später auffiel. Nur wenige Boulevardzeitschriften berichteten später darüber - mit einem fiesen Unterton. Heute, zehn Jahre später, auf Spurensuche nach dem einstigen Pop-Idol der 70er Jahre zu gehen, erweist sich als schwierig.

In Bonns Musikszene schüttelt man den Kopf, egal ob man Rope Schmitz (Sunny Skies), Gitarren-Professor Volkmar Kramarz oder Musik-Chefredakteur Walter Wehrhan anspricht. Sie alle hörten erst nach Jimmys Tod davon, wer da auf welche Weise in Poppelsdorf gelebt hatte.

[kein Linktext vorhanden]In dieser Szene hat er sich also nicht bewegt. Dass der mit 60 Jahren gestorbene Mann am Alkohol hing, war zuletzt nicht mehr zu übersehen. Renate Bilsbury, die sich 1991 nach 18 Jahren Ehe von ihm trennte, berichtet, er sei zu ihrer gemeinsamen Zeit ein Problemtrinker gewesen - "aber kein Alkoholiker, er vertrug ja auch nicht viel."

Nach dem Ehe-Aus ging Jimmy nach Berlin, wo er etwa sieben Jahre blieb und verstärkt den Zugang zur Flasche fand. Dass es ihn nach Bonn verschlug, lag an einem Musikproduzenten aus Weilerswist, der seine Stimme toll fand und ihn überredete, hier zu arbeiten.

Er besorgte Jimmy eine nette kleine Wohnung mit Terrasse im Haus eines Bonner Rechtsanwalts, verschaffte ihm einige Studiojobs, unterstützte ihn gelegentlich mit Essen und Geld, berichtet Renate Bilsbury dem GA. Und Jimmy komponierte auf seinem Yamaha-Keyboard wieder.

Doch das Geld ging langsam aus, die Abstürze häuften sich, es gab regelrechte Filmrisse, und Jimmy konnte sich dadurch nicht mehr richtig zur Arbeit aufraffen. Auch Jobs als Gärtner und "Handyman" scheiterten. Die Wohnung wurde gekündigt und er zog vorübergehend ins Hotel Auerberg.

Bei der GA-Recherche war der damalige Produzent heute nicht mehr aufzutreiben. Aber wo könnte Jimmy noch bekannt gewesen sein? Im Kiosk an der Argelanderstraße? Der ist längst geschlossen. In seiner möglichen Stammkneipe in Poppelsdorf? Längst umbenannt und seitdem schon den dritten Wirt gesehen.

"Irgendwann bekam ich einen Anruf aus einem Obdachlosenheim in Bonn", erinnert sich Renate Bilsbury. Ein Schock für sie. Es war offenbar das Haus Sebastian in Endenich, ein Wohnheim für Gestrandete.

Dort landen vom Leben Enttäuschte. Wie Jimmy, der labil und gutmütig war, zu viel Vertrauen zu anderen hatte und mehr und mehr abrutschte. Trotzdem: Einem Mitbewohner in Bonn, der jammerte, weil ihm die Kamera gestohlen wurde, soll er die Bankkarte gegeben haben, um zu helfen, daraufhin hob dieser reichlich Geld ab. "Aber er war selbst zu stolz, um jemanden anzupumpen", sagt Renate, die alle die Jahre noch Kontakt hatte.

Im Bonn war sie selbst jedoch nie.  "Ich habe ihn dort nicht besucht, weil ich Angst hatte, wie ich ihn vorfinde", sagt die heute 63-Jährige. "Und unser Sohn war damals ja noch klein, deshalb hat das auch nicht geklappt." Erzählt habe Jimmy nie, wie es ihm in Bonn ging, wie er lebte. "Das hätte er nie zugegeben."

Mehrmals im Jahr sei er aber nach München gekommen, um sie und den gemeinsamen Sohn Kristian mehrere Wochen zu besuchen. "Dass er in Bonn später in einem Haus mit Drogensüchtigen lebte, ohne Küche oder Bad, habe ich nie gewusst."

Dass es im schlecht ging schon. Auf die Frage, was er sich zu Weihnachten wünsche, sagte Jimmy kurz vor seinem Tod: "Einen neuen Haarschnitt." Renate Bilsbury bricht heute noch in Tränen aus, wenn sie das erzählt: "Es ist wirklich unerträglich zu wissen, wie er gestorben ist."

Dabei sei es gerade da wieder aufwärts gegangen, weil Jimmy kurz vor seinem Tod wieder eine Tantiemen-Zahlung der GEMA erhalten habe. Er habe den Produzenten und seine Frau zum Essen einladen wollen, um wenigstens etwas zurückzahlen zu können. Dazu kam es nicht mehr.

Noch heute kränkt die Ex-Frau übrigens die Boulevard-Nachricht, dass ihr Sohn Kristian (damals 16) alleine am Grab seines Vaters in München-Gauting gestanden habe. Dabei seien insgesamt 20 Freunde auf dem Friedhof gewesen, sagt sie.

Alle wussten damals nicht viel von den letzten tristen Lebensjahren des Verstorbenen. Renate selbst hat es nach eigenen Angaben erst sieben Jahre nach seinem Tod erfahren, in einem langen Telefonat mit besagtem Musikproduzenten.

Wer kann in Bonn heute noch weiter helfen bei der Suche? Bei der Stadtverwaltung ist nichts mehr zu holen. "Die Akte im Sozialamt ist vernichtet", sagte eine Sprecherin.

Bei den Hilfsanlaufstellen in Bonn ist Jimmy offenbar auch nicht vorstellig geworden. Georg Kieserg (Caritas) und Nelly Grunwald (Verein für Gefährdetenhilfe) hätten ihn sonst kennen müssen. Doch auch sie schütteln den Kopf. Gleichwohl: Von Grunwald kommt der beste Hinweis.

Heinz Dubbelfeld war damals Leiter im Haus Sebastian auf der Sebastianstraße, kurz vor der Autobahnbrücke in Endenich, der könnte was wissen. Und Dubbelfeld kann sich tatsächlich an den Ex-Sänger erinnern. "Ja, der Mann war mir ein Begriff", sagte er dem GA. "Aber ich habe von ihm kein Gesicht mehr vor Augen." Bei 70 Betten im Haus und viel Fluktuation kein Wunder. "Wissen Sie", sagt Dubbelfeld vielsagend. "Dort gibt es viele, die eine Geschichte hinter sich haben."

Das Besondere bei ihm war die Stimme. Mit Timbre und Charakter. "Die war der Hammer", sagt Renate Bilsbury. Deshalb habe es auch ein Angebot gegeben, bei der Band Supertramp zu singen, was sich aber zerschlug.

"Ja, er hatte eine Weltstimme, so wie Joe Cocker", bestätigt Jürgen Drews, der mit Bilsbury bei Les Humphries sang. "Jimmy war eine treue Seele, ein einfühlsamer Mensch und wir hatten engen Kontakt. Aber dann ist er abgerissen." Irgendwann habe er mal einen Brief bekommen von Jimmy, sagte Drews dem GA. "Aber da war nichts drin, und eine Telefonnummer hatte ich auch nicht von ihm."

Wie viele andere wusste auch "Onkel Jürgen" nicht, wo der alte Kumpel aus den Anfangstagen der Karriere abgeblieben war. Dass der Brief von Jimmy war, bestreitet übrigens dessen Ex-Frau. Sie ist sicher, er kam von Les Humphries. Der habe solche Schreiben auch an andere der früheren Chortruppe geschickt. In einem habe sogar mal eine platte Kröte gesteckt.

Les, wie sie ihn alle nannten, war seit den 70er Jahren zu einem roten Tuch für Bilsbury geworden, der sich von ihm um GEMA-Millionen betrogen fühlte, was erst den Absturz in ein Milieu begünstigte, das eigentlich nicht seins war. Das verbliebene Geld zerfloss. Der Stolz blieb. Und endlich weiß man in Bonn, wer Jimmy Bilsbury war. Auch wenn der Nachruf eigentlich zehn Jahre zu spät erscheint.