Stadtkonservator geht in Rente

Franz Josef Talbot: „Ich habe immer noch das Metropol im Kopf“

Stadtkonservator Franz Josef Talbot arbeitet im Stadthaus seinen Schreibtisch leer.

Stadtkonservator Franz Josef Talbot arbeitet im Stadthaus seinen Schreibtisch leer.

Bonn. Franz Josef Talbot ist seit mehr als 25 Jahren Stadtkonservator und damit oberster Denkmalschützer in Bonn. Am 1. Dezember gibt er die Leitung der Unteren Denkmalbehörde an Nachfolgerin Katrin Bisping ab. Mit ihm sprach Bettina Köhl.

Franz Josef Talbot mag Zeitsprünge. Das sieht man auch in seiner Büroecke im Bonner Stadthaus: Zwischen einem geretteten Buntglasfenster, einer steinernen Treppenstufe aus der historischen Altstadt und den Grundrisszeichnungen der Poppelsdorfer Sternwarte von 1882 leert er seinen Schreibtisch. Die Lampe ist ebenfalls nostalgisch. Talbot hat sie vor dem Arbeitsschutz gerettet und muss nun das Prüfsiegel nicht mehr erneuern lassen. Zum 1. Dezember gibt er die Leitung der Unteren Denkmalbehörde an Nachfolgerin Katrin Bisping ab. Für den 61-Jährigen beginnt dann die Freistellungsphase der Altersteilzeit.

Was wird das letzte Gebäude sein, das Sie unter Denkmalschutz gestellt haben?

Franz Josef Talbot: Eine Villa in Duisdorf neben dem Rathaus.

Was macht sie so besonders?

Talbot: Die Innenausstattung. Die Villa ist um die Jahrhundertwende entstanden und wurde für einen Arzt gebaut. Es gibt zwar einen späteren Anbau als Wartezimmer, aber die Innenausstattung ist noch vollständig erhalten, von den Fußböden über die Fassung der Wände bis zu den Fliesen in den Küchen und Bädern. Wir haben das Glück, dass ein neuer Eigentümer eingezogen ist, der im Grunde an dieser Ausstattung nichts verändern möchte.

Dass die Eigentümer mitziehen, ist schon wichtig in der täglichen Arbeit, gerade wenn es um private Denkmäler geht, oder?

Talbot: Es ist praktisch das A und O. Denkmalschutz gegen die Eigentümer durchzusetzen, ist auf Dauer nur schwer möglich. Wir haben ja letztendlich nur einen beschränkten Einblick in die Vorgänge in einem Haus. Wenn draußen ein Container steht, in dem die historischen Türen schon drin liegen, haben wir natürlich unsere behördlichen Mittel einzuschreiten. Aber wenn sich die Bewohner nicht mit dem Haus identifizieren, in dem sie wohnen, werden weder wir von Seiten der Denkmalbehörde noch die Eigentümer auf Dauer glücklich.

Denkmalschutz gilt manchmal als großer Bremsklotz. Wie wird es wahrgenommen, wenn Sie sich in ein Verfahren einschalten?

Talbot: Es gibt Objekte oder Verfahren, wo wir relativ spät hinzukommen, zum Beispiel wenn schon der Abrissantrag auf dem Tisch liegt. Dann wird es natürlich problematisch. Wenn wir jedoch frühzeitig in eine Planung mit eingebunden werden, wurde in der Vergangenheit eigentlich immer ein Weg gefunden, die Belange der Denkmalpflege und die Belange des Bauherrn in Übereinstimmung zu bringen.

Die Dinge, denen man Bedeutung beigemessen hat, haben sich im Lauf der Jahrzehnte verändert. Man hat eine Zeit lang den Stuck von Gründerzeit-Häusern abgeschlagen, was man heute nicht mehr machen würde. Dafür geht es jetzt den Gebäuden aus den 1950er und 1960er Jahren an den Kragen.

Talbot: Zum Teil. Bei den Einfamilienhäusern aus den 50er Jahren haben wir gerade eine Phase, in der es verstärkt zu Abrissen kommt – gerade in begehrten Wohnlagen. Diese Gebäude stehen in der Regel auf großen Grundstücken, sind für die heutige Zeit aber relativ klein oder rentierlich. Das sind zurzeit die Objekte, die einer Nachverdichtung als Erstes anheimfallen. Auf der anderen Seite haben wir aber auch 50er-Jahre-Bauten, die von neuen Eigentümern aufgrund ihrer Architektur und ihrer weitgehend noch originalen Innenausstattung bewusst erworben und mit einer Wahnsinnsakribie restauriert werden.

Bonn hat durch die Hauptstadtfunktion eine besondere Bedeutung erhalten. Finden Sie, dass man das heute noch ablesen kann?

Talbot: Bei den größeren Einzelbauten ist einiges erhalten geblieben. Wenn man sich das Regierungsviertel jedoch unter städtebaulichen Aspekten anguckt, hat sich natürlich einiges verändert. Sehr viel von dem Provisorischen und Zufälligen, was die besondere Atmosphäre des Regierungsviertels ausgemacht hat, ist in den letzten 20 Jahren verloren gegangen. Man muss aber auch sehen, dass auch bei dem bereits geplanten und auch schon begonnenen endgültigen Ausbau Bonns zur Bundeshauptstadt massive Eingriffe in die städtebauliche Struktur vorgenommen worden wären. Von daher würde ich sagen, dass die ursprüngliche Struktur noch ablesbar und in einigen Bereichen noch erlebbar ist.

Wir waren für einen Zeitungsbericht an der Sterntorbrücke einmal unten in einem privaten Keller, von wo aus man die alten Brückenpfeiler sehen konnte...

Talbot: Da sprechen Sie etwas an, dass mir immer sehr viel Spaß gemacht hat: Als Denkmalpfleger kommt man an Orte, wo der Normalbürger äußerst selten hinkommt – ob in den Glockenstuhl einer Kirche oder in ein Fachwerkhaus, wo seit 100 Jahren keiner mehr auf dem Speicher oder im Keller war. Am meisten haben mich immer die Ausgrabungen der Archäologen begeistert. Der Erste, der etwas nach 1000 Jahren wieder in den Händen hält, bist du. Das ist bei den Baudenkmälern, wo ein großer Teil inzwischen durchsaniert ist, nicht mehr so oft der Fall.

Außer in der Sternstraße.

Talbot: Die Sternstraße ist ein besonderer Fall. Einerseits ist es ja zu bedauern, dass oben in den Stockwerken keine Nutzung mehr vorhanden ist. Dadurch hat sich aber in manchen Gebäuden die barocke Substanz und die Ausstattung aus der Zeit vor oder kurz nach dem Ersten Weltkrieg erhalten. Sie treten von der Sternstraße in die modernen Läden, klettern dann eine Leiter hoch, machen eine Tür auf und erleben plötzlich einen Zeitsprung. Das finde ich spannend.

Wie lang ist Ihre Denkmalliste?

Talbot: Wir haben so etwa 4200 Objekte in der Denkmalliste der Stadt Bonn.

Was war Ihre größte Niederlage?

Talbot: Tja, was soll ich dazu sagen? (Pause) Ich hab immer noch das Metropol im Kopf. Ich war nach dem Urteil auch noch nie in diesem Bücherladen. Ich hab gedacht, das guckst du dir nicht auch noch an. Ich weiß nicht, ob es großartig anders geworden wäre, wenn das Metropol nicht aus der Denkmalliste gestrichen worden wäre, weil die Notwenigkeit einzugreifen bei einer Nutzungsänderung generell groß ist. Aber das Gerichtsurteil finde ich auch im Nachhinein nicht nachvollziehbar.

Sonst hätten Sie ja auch nicht so an diesem Denkmal festgehalten und einen Millionenschaden für die Stadt provoziert.

Talbot: Nein, natürlich nicht. Es kam mir immer wie eine sehr einsame Entscheidung des Gerichts vor, die ohne Rückkopplung mit den Fachbehörden getroffen worden ist. Im rein juristischen Sinne mag das nachvollziehbar sein. Vom Objekt und seiner Geschichte her eher nicht.

Dieses Gebäude, in dem Sie sitzen, ist nicht bei allen beliebt. Möchten Sie zum Abschied noch mal eine Lanze fürs Stadthaus brechen?

Talbot: Ja! Ich fühl' mich hier sehr wohl. Wir hatten eben eine neue Kollegin vom Rheinischen Amt für Denkmalpflege hier, die sagte: „Dieses Grün und Gelb ist ja auch nicht jedermanns Geschmack.“ Es stimmt – es ist sicher nicht jedermanns Geschmack. Aber es ist wenigstens etwas: eine charakteristische, durchgeplante und gestaltete Bürolandschaft aus den 70er Jahren. Gelb, Grün, Orange, dann die braunen Sesselchen – und erst die Aussicht. Wenn ich im Gegensatz dazu die gesichtslosen, austauschbaren und einfallslosen Großraumbüros sehe, bin ich über die Innenausstattung des Stadthauses immer wieder erfreut. Es wird mir fehlen.

Welches Gebäude liegt Ihnen besonders am Herzen, mit dem Sie sich zuletzt viel beschäftigt haben?

Talbot: Die Villa von Bürgermeister Wilhelm Spiritus an der Kaiser-Friedrich-Straße, die zuletzt von den britischen Streitkräften genutzt wurde. Sie wurde 2012 an Privatleute verkauft. Ich war am Anfang ziemlich skeptisch, da das Gebäude eigentlich für eine Familie viel zu groß ist. Aber die neuen Eigentümer sind so enthusiastisch ans Werk gegangen und haben trotz vieler Schwierigkeiten immer wieder mit neuem Mut weitergemacht. Das war einfach ein Glücksfall – für das Gebäude, für die Denkmalpflege und ich glaube auch für die Familie.

Werden Sie den Bonnern in irgendeiner Form erhalten bleiben?

Talbot: Bei meiner täglichen Arbeit bin ich nie richtig dazu gekommen, die Baugeschichte Bonns nach 1800 schriftlich aufzuarbeiten. Da wird für die kommende Zeit mein größtes Projekt werden. Teile sind bereits fast fertig, bei anderen muss ich noch einige Recherchen anstellen. Ein erster Teil über die Südstadt wird im Frühjahr so weit sein. Ein Verlag und ein ausgezeichneter Fotograf sind auch schon gefunden. Was fehlt, sind „nur“ noch Sponsoren.