Seminar des Bonner Vereins Politik-Atelier

Flüchtlinge als Anwälte in eigener Sache

In Schulen und Vereinen möchten Flüchtlinge aus sechs Ländern künftig ihre Geschichten erzählen. In einem Seminar vom Netzwerk Politik-Atelier werden sie auf ihre Aufgaben vorbereitet. FOTO: MARTIN WEIN

In Schulen und Vereinen möchten Flüchtlinge aus sechs Ländern künftig ihre Geschichten erzählen. In einem Seminar vom Netzwerk Politik-Atelier werden sie auf ihre Aufgaben vorbereitet.

Bonn. In Schulen und Vereinen möchten Flüchtlinge aus sechs Ländern künftig ihre Geschichten erzählen. In einem Seminar vom Netzwerk Politik-Atelier werden sie auf ihre Aufgaben als Bildungsreferenten vorbereitet.

Die meisten Europäer kennen den Namen nur aus den Nachrichten. Für Ali Mohammed Koreya ist die winzige Insel vor der Küste Siziliens Teil seiner Biographie. "Im Sommer 2011 bin ich dort gelandet", sagt der 27-Jährige, "mit einem Boot voller Flüchtlinge aus Libyen." Aus dem Niger stammend, habe er sich trotz seines libyschen Vaters in Tripolis damals nicht mehr sicher gefühlt. "Die mögen keine Leute aus dem Süden", erzählt er.

Koreya erhielt in Italien Asyl, seine Odyssee war damit aber nicht zu Ende. "Ich hatte Asyl, aber kein Geld, kein Essen, keine Bleibe". Er schlief auf dem Bahnhof in Mailand, zog dann zu einem somalischen Freund nach Basel, fror in der Schweiz, die noch viel teurer war. Im französischen Mühlhausen empfahl ihm jemand eine Moscheegemeinde in Bonn. Die werde helfen. Seit einem Jahr ist er nun hier, unterstützt vom studentischen Hilfs-Netzwerk "Refugees welcome". Die Aktiven zahlen auch für seinen Sprachkurs, denn staatliche Hilfe bekommt er nicht. "Deutsch ist auf jeden Fall gut", sagt Koreya. Falls es mit dem Informatik-Studium  nicht klappt, könne er ja vielleicht in einem Hotel in Italien deutsche Gäste bewirten, hofft er. 

Biografien wie diese können die Komplexität der Flüchtlingskrise viel besser verständlich machen als anonyme Fernsehbilder. Der Bonner Verein Politik-Atelier hat deshalb sieben Frauen und neun Männer aus sechs Ländern mit guten Deutschkenntnissen eingeladen, sich zwei Tage lang auf eine Rolle als Mittler zwischen den Kulturen vorzubereiten. Nach einem weiteren Seminar im Januar sollen die jungen Leute als Referenten im Team des entwicklungspolitischen Dienstleisters Engagement Global aus Bonn in Schulen, Vereinen und Institutionen auftreten und damit den Migrationsströmen ein Gesicht geben.

Projektmanagerin Britta Meijer-Nehring und verschiedene Dozenten informierten die Gruppe im Haus der Bildung über das deutsche Bildungssystem, über Fördermöglichkeiten und Integrationsangebote. Auch eigenes Präsentieren und der Einsatz digitaler Medien wurden geübt. Letztlich war auch der Erfahrungsaustausch untereinander wichtig, um gegenseitiges Verständnis zu wecken und eigene Netzwerke zu knüpfen. "Wichtig war uns ein Umgang auf Augenhöhe", sagt Meijer-Nehring. Über andere Integrationskurse ging das Angebot deshalb deutlich hinaus. Schließlich bringen viele Flüchtlinge selbst wichtige Erfahrungen mit.

Baschar Abdo etwa, der in Syrien ein Technik-Studium bis zum Bachelor absolvierte. Als die syrische Armee ihn im Sommer 2014 im Kampf gegen die Rebellen nach Studienende einziehen wollte, floh er mit dem Segen seiner Eltern zu Fuß in die Türkei, mit dem Schiff nach Griechenland und von dort mit dem Flugzeug über Belgrad nach Paris. "Ich wollte immer nach Deutschland. Hier sind die Unis doch viel besser", sagt Abdo. Sein nächstes Etappenziel: das Masterstudium an der Technischen Universität Darmstadt. Zuerst aber nimmt die Telekom den 25-Jährigen ab Januar als Praktikanten unter Vertrag. Hat er Heimweh? Das Wort versteht er zuerst nicht. "Ich vermisse meine Eltern und mein Zuhause", sagt der Kurde, "aber ich will nie zurück. Mein Leben ist jetzt hier."