GA-Serie "Wohnen und,Leben"

Familie macht aus Sanierungsfall ein Schmuckstück

Rhein-Sieg-Kreis. Alte Häuser sind nicht selten günstiger und verfügen über einen besonderen Charme. Dreieinhalb Jahre haben Sonja und Alexander Grafschaft aus Hangelar nach einem solchen Haus gesucht. Was folgte, waren neun Monate mit viel Staub, Schutt und Dreck.

Wahrlich mehr als einmal haben sich Sonja und Alexander Grafschaft die Frage gestellt, ob sie jemals in ihr eigenes Haus einziehen werden. So viel Staub, so viel Schutt, so viel Dreck erzeugt ihr Traum vom Eigenheim über viele Monate – kein Ende in Sicht. Dabei hatten die Eltern von zwei kleinen Kindern explizit nach einem Eigenheim gesucht, das Immobilienmakler gerne mit dem Siegel „Handwerkerhaus“ und mit dem herausfordernden Zusatz „Machen Sie wieder ein Schmuckstück daraus“ versehen. An der Dornierstraße in Hangelar entdecken die jungen Eltern, die vorher in Beuel-Bechlinghoven zur Miete wohnen, schließlich ihr „Handwerkerhaus“. Und aus dem wollen die Grafschafts ein Schmuckstück machen – mit ihren eigenen Händen.

Dreieinhalb Jahre lang sind die Jungvermählten auf der Suche nach einem Haus, welches geradezu danach ruft, von Grund auf saniert zu werden. „Unsere Intention war, so viel wie möglich selbst zu machen“, sagt Alexander Grafschaft (44). Er arbeitet zwar nicht im Baugewerbe, sondern als Sendungstechniker beim WDR in Köln und sorgt dafür, dass bei Livesendungen und Aufzeichnungen perfekter Ton und perfekte Bilder zur richtigen Zeit in die Wohnstuben gesendet werden, aber in seiner Familie ist es Tradition, Renovierungen und Handwerksarbeiten aller Art nach Möglichkeit sprichwörtlich selbst in die Hand zu nehmen.

Viele Häuser und Grundstücke schauen sie sich in der Region an. Manche sprengen das Budget, andere sind mit einem anderen Makel behaftet: Sie liegen nicht in Hangelar, wohin die Familie wegen des Freundeskreises bevorzugt ziehen möchte. Fündig werden sie auf der Internetseite des Amtsgerichts in Siegburg. „Wir haben – man kann sagen, aus lauter Verzweiflung – jeden Tag das Internet nach Versteigerungen durchwühlt“, berichtet Grafschaft. Schließlich steht auf der Gerichtsseite ein Haus in Hangelar zur Zwangsversteigerung an. „Wir haben das mittags auf der Internetseite gesehen und abends an dieser Adresse einen Zettel mit unserem Ansinnen eingeworfen“, berichtet Sonja Grafschaft. „Und wir haben glücklicherweise schnell eine Antwort bekommen“, erklärt die 39-Jährige noch mehr als acht Jahre nach der guten Nachricht mit noch immer hörbarer Erleichterung in der Stimme.

Was nach der erfolgten Unterschrift unter den Kaufvertrag folgt, ist ein Kraftakt sondergleichen: In dem in den 1940er-Jahren erbauten und 1963 erweiterten Haus bleibt so gut wie nichts mehr, wie es war. „Als ersten Schritt haben wir drei Wände rausgenommen und somit den gesamten Grundriss des Hauses verändert“, berichtet Alexander Grafschaft. Bevor der Vorschlaghammer sein zerstörerisches Werk antritt, verrät ein Statiker, ob die Vision der Grafschafts auch bautechnisch umsetzbar ist. Eltern, Freunde und Bekannte sind zur Stelle, um bei der Altbausanierung mitzumachen. „Jeder wollte mal mit dem Vorschlaghammer ran“, sagt der 44-jährige Familienvater. Allein an einem Wochenende, so erinnert sich das Paar, fallen zwei Container mit Bauschutt an, weil alle so emsig mit anpacken.

Wüst und selten leer sieht es anfangs im kernsanierten Handwerkerhaus aus. „Wenn wir schon mal dabei sind, können wir auch alle Rohre und Elektroleitungen erneuern“, findet Alexander Grafschaft. Gesagt, getan. Einem Tipp seines Vaters Herbert, der Elektriker von Beruf ist, folgend, wandern auch jede Menge Leerrohre ins neue Gemäuer – insbesondere fürs schnelle Internet und alles, was an schnellerem Internet noch folgen mag.

Zwischenzeitlich können die Grafschafts und ihre Helfer wegen der vielen verschwundenen Wände von der Dornierstraße bis in den Garten schauen, berichtet Sonja Grafschaft. „Die Kinder fanden es toll auf so einer Baustelle“, sagt sie. Sohn Benjamin, bei Baubeginn acht Monate alt, lernt auf der Baustelle das Laufen, Tochter Emma (zwei Jahre und acht Monate) Fahrradfahren. Insbesondere ihre beiden Opas Herbert und Siegfried sind jede freie Sekunde vor Ort – sie haben Zeit und handwerkliches Geschick zugleich. Lediglich die Dacharbeiten erledigen professionelle Handwerker. Denn langsam drängt die Zeit, die Familie möchte einziehen.

Das Leben und Arbeiten im Provisorium ist ein tägliches Abenteuer: In der der zuerst fertig gestellten Gästetoilette sorgt lange Zeit ein mit zwei Nägeln fixiertes Handtuch für ein wenig Privatsphäre auf dem „stillen Örtchen“.

Überraschungen bietet so ein Handwerkerhaus zuhauf. Wo eigentlich Estrich liegen soll, finden die Heimwerker Bauschutt vor. Die Folge: Plötzlich drohen massive Höhenunterschiede zwischen einzelnen Räumen. „Somit haben wir in einigen Räumen neuen Estrich gelegt, das hatten wir so nicht geplant“, berichtet Sonja Grafschaft.

Aber: Die Hilfsbereitschaft von Familie und Freunden zahlt sich aus. Nach neun Monaten ist das Handwerkerhaus ein Schmuckstück. 195 000 Euro hat das Ehepaar für das versteigerte Haus bezahlt, rund 70 000 Euro für die Sanierung. Einzig im Originalzustand geblieben sind die Heizkörper, die (nachträglich wärmegedämmte) Holztreppe und der Dielenboden im Elternschlafzimmer.

Und: In den acht Jahren, in denen die Grafschafts an der Dornierstraße wohnen, haben sie nicht gerade die Hände in den Schoß gelegt: Die Terrasse, die Haustüre und die Garage sind in der Zwischenzeit erneuert. „Wir profitieren davon, dass wir uns damals so viel Werkzeug gekauft haben“, meint Familienvater Alexander.